Aufstand in der Türkei: Polizei nimmt Ausländer ins Visier

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Proteste in Ankara: Polizei geht auch gegen Ausländer vor

Die Polizei hat bei den Unruhen auf türkischen Straßen offenbar auch Ausländer festgenommen und wirft ihnen Provokation vor. Laut einer türkischen Zeitung haben einige der Festgenommenen einen Diplomatenpass. Das Außenministerium gibt sich unwissend.

Istanbul - Bei den Unruhen in der Türkei sind offensichtlich auch Ausländer ins Visier der Polizeikräfte geraten. So meldet die türkische Zeitung "Zaman", es seien schon 15 Ausländer wegen Provokation festgenommen worden. Vier Personen aus den USA, Großbritannien, Frankreich und Griechenland hätten sogar Diplomatenpässe.

Das türkische Außenministerium sagte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa, der Fall sei ihnen nicht bekannt.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte Anfang der Woche gemutmaßt, hinter den heftigen Protesten steckten auch Gruppen aus dem Ausland, die schon vom Geheimdienst verfolgt würden. Der türkischen Zeitung zufolge würden die Festgenommenen beschuldigt, sich in Istanbul als Provokateure unter die Protestierer gemischt zu haben.

Umfrage: Wut auf Erdogan

Die Polizei in der Hauptstadt Ankara geht Medienberichten zufolge davon aus, dass die Protestler das Erdogan-Regime stürzen wollten. Damit können festgenommene Aktivisten wegen des Verdachts auf einen Umsturzversuch vor Gericht gestellt und gegebenenfalls lebenslang ins Gefängnis gebracht werden, berichteten türkische Zeitungen.

Eine Umfrage der Istanbuler Bilgi-Universität zeigt dagegen, dass die meisten Menschen lediglich aus Ärger über die autoritäre Haltung des türkischen Ministerpräsidenten auf die Straße gingen und sich für ihre Bürgerrechte einsetzten. Auch wollten sie nun ein Ende der Polizeigewalt erreichen. Das betreffe neun von zehn Teilnehmern der Demonstrationen, von denen die meisten zum ersten Mal in ihrem Leben zu politischen Kundgebungen gegangen seien. Nur etwa jeder sechste Teilnehmer der Demonstrationen gehörte demnach einer politischen Gruppierung an.

Die Proteste hatten am vergangenen Freitag nach einer gewaltsamen Polizeiaktion gegen Umweltschützer begonnen, die ein Bauprojekt in einem Park in Istanbul verhindern wollten. Seitdem haben sich die Proteste auf das ganze Land ausgeweitet. Bei den Auseinandersetzungen sind mutmaßlich bereits zwei Menschen getötet und bis zu 4000 verletzt worden.

Unterdessen gingen die Demonstrationen auch in der Nacht weiter. Im Zentrum von Ankara berichteten Augenzeugen von Protestierenden, die Steine auf Polizisten warfen. Diese hätten mit Tränengas reagiert. In der östlichen Provinz Tunceli errichteten Hunderte Regierungskritiker eine Straßenbarrikade und warfen ebenfalls Steine auf Beamte, die mit Wasserwerfern gegen die Demonstranten vorging. In Istanbul, wo es in den vergangenen Tagen zu den heftigsten Zusammenstößen gekommen war, blieb es hingegen vergleichsweise ruhig.

mli/dpa/AFP/Reuters

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