Polizeigewalt im Istanbul Straßenschlacht um den Gezi-Park

Tränengas, Wasserwerfer, Schlagstöcke: Mit massiver Gewalt hat die türkische Polizei am Abend den Gezi-Park in Istanbul gestürmt. Verletzte flüchten in Hotels, werden aber auch dort von Sicherheitskräften verfolgt. Doch die Demonstranten kämpfen weiter.

Von , Istanbul

REUTERS

Im Gezi-Park halten sich an diesem Abend Kleinkinder, alte Menschen und ganze Familien auf, es läuft ein Konzert. Doch dann ist es mit der friedlichen Stimmung vorbei: Die türkische Polizei startet einen Großeinsatz, um die Demonstranten mit Gewalt zu vertreiben: Die Polizisten rücken mit mehreren Hundertschaften vor und setzen Tränengasgranaten und Wasserwerfer ein, die Demonstranten werden in alle Richtungen vertrieben.

Kurze Zeit später ist der Park komplett geräumt, Bagger und die Stadtreinigung räumen die Barrikaden und Zelt für Zelt ab. Polizisten haben den ganzen Park umstellt. Mit Taschenlampen werden alle Zelte ausgeleuchtet, es sind keine Demonstranten mehr im Park. Der Presse wird verboten, das Gelände zu betreten.

Demonstranten flüchten auch in das in der Nähe liegende Hotel Diwan, das sich nach und nach in ein Lazarett verwandelt. Doch Menschen, die sich in der Lobby verstecken, werden herausgezerrt und festgenommen. Vor mehreren Hotels liegen Atemmasken voller Blut. In andere Hotels dringt die Polizei mit Schlagstöcken bewaffnet auf der Suche nach Demonstranten ein.

Die türkische Ärztekammer meldet per Twitter: "Wir kriegen hier im Minutentakt Menschen, die mit Plastikpatronen verletzt wurden, hier herrschen kriegsähnliche Zustände. Junge Frauen, die ein Auge verloren haben, etliche Menschen mit Kopfverletzungen."

Im Minutentakt fahren Krankenwagen durch die Straßen. In ersten Meldungen war von über 30 Verletzten die Rede. Viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben, irren in den Straßen herum. Sie werden von Demonstranten aufgesammelt und ihre Namen im Internet veröffentlicht.

"Der Kampf geht weiter"

Tausende Demonstranten mit Helmen und Gasmasken riefen während der Räumung in den Straßen rund um den Park Parolen gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Sie skandierten: "Das ist erst der Anfang. Der Kampf geht weiter."

Auf den Zufahrtstraßen zum Taksim-Platz versammeln sich derweil Tausende Demonstranten. Auf der Istiklal-Straße, der großen Fußgängerzone des Zentrums von Istanbul, laufen Tausende Demonstranten Richtung Taksim-Platz. Doch sie werden mit Wasserwerfern und Pfeffergasbomben zurückgetrieben. Auch auf anderen Zufahrtsstraßen sammeln sich Demonstranten. Überall in den Seitengassen bilden sich kleine Gruppen, die nicht aufgeben und wieder gemeinsam zum Taksim-Platz marschieren wollen. Es kommt zu Straßenschlachten.

Eigentlich hatten die Demonstranten am Samstag auf einer Konferenz beschlossen, den Gezi-Park in den nächsten Tagen zu räumen. Sie hatten angefangen, die Flaggen der verschiedenen Gruppen einzusammeln und wollten die Zelte auf ein paar symbolische reduzieren, die als eine Art Mahnwache stehen bleiben sollten.

Die Grünen-Chefin Claudia Roth erlebte selbst in Istanbul, wie das Protestlager am Taksim-Platz von der Polizei geräumt wurde. "Das ist wie im Krieg. Die jagen die Leute durch die Straßen und feuern gezielt mit Tränengasgranaten auf die Menschen", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa in Istanbul.

Roth sprach mit den Protestierenden in dem seit zwei Wochen besetzten Gezi-Park, als der Polizeieinsatz begann. Die Stimmung in dem Protestlager sei zuvor friedlich gewesen, betonte sie.

Erdogan hatte den Besetzern am Samstag ein Ultimatum gestellt. Bis Sonntag wollte er ihnen Zeit geben. "Ich sage es klar: Räumt den Taksim. Wenn er nicht geräumt ist, werden die Sicherheitskräfte dieses Landes wissen, wie er zu evakuieren ist", sagte der Regierungschef.

Die Protestwelle, die fünf Todesopfer gefordert hat, hatte sich vor zwei Wochen an dem Streit um ein umstrittenes Bauprojekt in dem zentral gelegenen Park am Taksim-Platz entzündet. Inzwischen geht es den Demonstranten nach eigenen Angaben jedoch auch um die Verteidigung der Meinungsfreiheit.

Für diesen Sonntag hat die islamisch-konservative Regierungspartei AKP zu einer Kundgebung ihrer Anhänger in Istanbul aufgerufen. Nach der Räumung des Parks rief eine der größten Arbeitergewerkschaften in der Türkei, die KESK, zu einem Generalstreik für Montag auf.

Mit Material von dpa, AFP und Reuters

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insgesamt 167 Beiträge
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materialist 15.06.2013
1. der lupenreine Demokrat
Mit dem Demokratie-Verständnis des lupenreinen Demokraten vom Bosporus scheint nicht viel los zu sein wahrscheinlich wird er in seinem Land von einem grösseren Anteil der Bevölkerung nicht akzeptiert als der pöse Assad im Nachbarland Syrien.
pippimann 15.06.2013
2. Europa
Zitat von sysopGetty ImagesTränengas, Wasserwerfer, Schlagstöcke: Mit massiver Gewalt hat die türkische Polizei am Abend den Gezi-Park in Istanbul gestürmt. Verletzte flüchten in Hotels, werden aber auch dort von Sicherheitskräften verfolgt. Doch die Demonstranten kämpfen weiter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-polizei-raeumt-mit-gewalt-gezi-park-in-istanbul-a-905966.html
Wir müssen diesen Staat unbedingt sofort in die Europäische Union aufnehmen. Die Türkei hat einen Platz verdient neben Frankreich, England, Spanien, Italien, den BeNeLux-Ländern und Deutschland. Durch und durch demokratisch. Unfassbar, dass man überhaupt darüber nachdenkt!
zh1006 15.06.2013
3. Wen interessiert die
was diese religiös-Konservativen denken, ist hinlänglich bekannt, und wie sie sich gegenüber Andersdenkenden verhalten ist seit Tagen zu besichtigen.
Rollerfahrer 15.06.2013
4. Es tut weh, das zu lesen. Damit ist das letzte
Stückchen Glaubwürdigkeit Erdogan nun endgültig dahin. Ich wünsche allen freiheitsliebenden Türken alles Gute und einen großen Zusammenhalt bei Eurem Kampf.
wahe 15.06.2013
5. das wahre Gesicht
einer Demokratie ala Erdogan. Ein Mensch, der meinte unseren in Deutschland lebenden Türken klarr zu machen, daß sie türkisch bleiben müssen. Ich hoffe sie werden nun mal wach und wählen beim nächsten mal nicht den "islamischen Erlöser" der Türkei.
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