Türkischer Kriegsgegner Tükel Staatsfeind in Weiß

Die Polizei ermittelt, seine Hochschule hat ihn suspendiert: Der Mediziner Rasik Tükel gilt der türkischen Regierung als Verräter, seit er den Militäreinsatz in Afrin kritisiert hat. Aufgeben will er nicht.

AFP

Von Bülent Mumay und , Istanbul


Im Mai 2015 schien Rasit Tükel, Psychiater aus Istanbul, auf dem Gipfel seiner Karriere als Wissenschaftler angekommen: Seine Kolleginnen und Kollegen an der Universität Istanbul, einer der angesehensten Hochschulen der Türkei, wählten ihn mit großer Mehrheit zum Rektor.

Präsident Recep Tayyip Erdogan jedoch sperrte sich gegen Tükels Berufung. Er installierte, trotz massiver Proteste von Studenten und Professoren, einen regierungsnahen Technokraten an der Spitze der Universität. Tükel, so scheint es, war dem Staatschef schon damals zu unbequem.

Heute, knapp drei Jahre später, gilt Tükel der Regierung in Ankara als Terrorhelfer. Er hat sich als Vorsitzender der "Türkischen Medizinischen Vereinigung" (TTB), einem Verband mit mehr als 83.000 Mitgliedern, gegen den Militäreinsatz der Türkei in der Provinz Afrin, im Nordwesten Syriens, ausgesprochen. Krieg, so erklärte Tükel im Namen der TBB, sei ein "Gesundheitsproblem".

Erdogan warf den TBB-Vertretern daraufhin Landesverrat vor. Die Ärzte seien "keine Intellektuellen", sondern "Terrorliebhaber" und "Büttel der Imperialisten". Tükel wurde von der Polizei vorübergehend festgenommen und von der Universität suspendiert. Inzwischen ist er wieder im Dienst. Doch das Verfahren wegen vermeintlicher Terrorpropaganda läuft weiter.

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Arzt gegen "Operation Olivenzweig": Herr Tükel gibt nicht auf

Die Regierung hat dem Volk Patriotismus verordnet. Im Fernsehen laufen Bilder der "Operation Olivenzweig" in Dauerschleife. Die Istanbuler Fußballvereine, Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas, twittern Lobeshymnen auf ihre Soldaten: "Wir sind an der Seite unserer türkischen Streitkräfte". In Ankara bieten Industrielle ihren Arbeitern Urlaub an, damit diese an den Kämpfen teilnehmen können.

Erdogan stellt den Einsatz als Erfolg dar, in Wahrheit jedoch stockt die Offensive. Die türkische Armee kommt kaum voran. Die Ankündigung von Syriens Diktator Baschar al-Assad, in Afrin zu intervenieren, könnte nun dazu führen, dass sich der Konflikt weiter verkompliziert.

In türkischen Medien ist darüber so gut wie nichts zu erfahren. Mahnende Stimmen werden unterdrückt. Inzwischen braucht es keine Kritik an Erdogan mehr, um ins Visier der Behörden zu geraten. Es reicht schon, zum Frieden aufzurufen. "Jeder, der sich gegen die Afrin-Operation der Türkei stellt, unterstützt Terroristen", sagt Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Seit Kriegsbeginn vor etwa einem Monat wurden 786 Menschen wegen "Terrorpropaganda" festgesetzt.

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    Erdogan ist in der Türkei überall: in den Medien, auf Plakaten. Ständig hält er irgendwo eine Rede, die im Fernsehen live übertragen wird, eröffnet ein Gebäude, hetzt gegen Widersacher.

    Doch es gibt auch eine andere, liberale Türkei. SPIEGEL ONLINE stellt in dieser Reihe Menschen vor, die sich, trotz aller Repressionen, der Regierung widersetzen, die die Hoffnung auf Demokratie in der Türkei längst noch nicht aufgegeben haben.

Rasit Tükel lässt sich davon nicht beeindrucken. "Wir stehen hinter unser Erklärung", sagte er nach seiner Freilassung. "Moderne Kriege werden nicht auf Schlachtfeldern geführt, sondern in Städten, in Siedlungen, wo Kinder, Frauen, Alte leben. Unser Verband hat sich seit seiner Gründung für den Frieden eingesetzt."

Tükel, geboren 1959 in Aydin, im Westen der Türkei, ist einer der angesehensten Mediziner der Türkei. Er kam 1991 an die Universität Istanbul, wurde neun Jahre später Professor. Neben seiner Arbeit als Arzt und Wissenschaftler hat sich Tükel stets auch für die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei eingesetzt. Tükel gehörte zu einer Gruppe von mehr als 1000 Akademikern, die sich bereits 2016 mit einer Petition gegen den Einsatz des Militärs im mehrheitlich kurdischen Südosten des Landes wandten. Die Justiz eröffnete ein Verfahren gegen ihn. "Jeder Akademiker soll seine Meinung frei äußern dürfen, solange er nicht zu Gewalt aufruft", sagt er vor dem Gerichtspalast in Istanbul.

Erdogan hat nach dem TBB-Protest gegen den Afrin-Einsatz das Wort "Türkisch" aus dem Namen des Verbands streichen lassen. Tükel will sein Engagement trotzdem fortsetzen. "Rasit hat seine Arbeit den Menschenrechten verschrieben", sagt der Chirurg Samet Mengüc, ein Kollege Tükels. "Er glaubt an eine demokratische Türkei."

Video-Reportage: Mein Leben unter Erdogan

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darthmax 28.02.2018
1. Waffenstillstand
war doch von dem Sicherheitsrat verhängt, die Türkei stört es nicht. Statt dessen Verfolgung von Kriegsgegnern und unser Politik schweigt, wie immer Angst davor, etwas falsch machen zu können. Geschichte wiederholt sich nicht, man darf aber daraus lernen.
ptb29 28.02.2018
2. Als Türke ist er noch mehr bedroht, als unsere Regierung
Trotzdem übt er Kritik. Frau Merkel hat bisher nur Syriens Regierung kritisiert. Woran mag das wohl liegen?
garno 28.02.2018
3. "Die andere Türkei"
Die andere, aufgeklärte Türkei gibt es sie noch? Oder sind das nicht vereinzelte, verzweifelte Rufe in einer Wüste von nationalistischem Hass? Religiöse und Nationalisten bestreiten ihnen immer mehr die Existensberechtigung. Ich fürchte, spätestens nach den Wahlen 2019 wird von der anderen Türkei nichts mehr übrig sein und Erdogan sich in seinem Groß-Osmanischen-Reich verheddert haben.
Sonia 28.02.2018
4. Immer wieder diese mutigen Türken
Welch eine Schande, wie die NATO zuschaut, dass ein NATO-Mitglied völkerrechtswidrig Krieg in einem anderem Land führt, sich ein Gebiet kurdenfrei schießt ... die EU schweigt, unsere Regierung schweigt anstatt diesen mutigen Leuten in der Türkei den Rücken zu stärken. Wie scheinheilig Politik geworden ist, wie interessengesteuert - eigentlich unverantwortlich, wer in diesem Land noch wählen geht. Der wählt nämlich eine Politik, die solch mutige Männer in Lebensgefahr bringt. Welch Geschrei, wenn es um die Ost-Ukraine geht, die Krim, Syrien, wo Wahrheiten einfach weggelassen werden. Ost-Ghouta, wo sich Tausende Islamisten verschanzt haben und Zivilisten als Geiseln nehmen. Sollte alles bekannt sein, wie einseitig wird aber berichtet?
graf koks 28.02.2018
5. sehr mutig
Sich in der Türkei gegen Erdogan zu positionieren bedarf ähnlich viel Mut, wie ihn z.B. die Geschwister Scholl seinerzeit aufbrachten. Wer aber in Sonntagsreden die Geschwister Scholl ehrt und gleichzeitig zu den aktuellen Verbrechen der Türkei schweigt, macht sich absolut unglaubwürdig.
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