Türkische Journalistin Dilek Dündar Erdogans Geisel

Präsident Erdogan sieht Can Dündar als Landesverräter - doch im Berliner Exil kann er dem Journalisten wenig. Dafür hält die Türkei seine Frau Dilek fest. Nun beschäftigt der Fall die Bundesregierung.

Dilek Dündar
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Dilek Dündar

Von , Istanbul


Bei der Passkontrolle am Atatürk-Flughafen in Istanbul begriff Dilek Dündar, dass sie eine Gefangene des türkischen Regimes ist. Sie wollte im September 2016 zu ihrem Mann nach Berlin fliegen. Doch der Beamte hinter dem Glasfenster schüttelte den Kopf: "Sorry, Frau Dündar, Ihre Reisedokumente sind ungültig."

Dilek Dündar, 59 Jahre alt, Journalistin, Ökonomin, hat in ihrem Leben nie gegen das Gesetz verstoßen. In den Augen der türkischen Regierung ist sie trotzdem eine Verbrecherin, denn sie ist mit Can Dündar verheiratet, dem ehemaligen Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet".

Can Dündar musste die Türkei im Sommer 2016 verlassen, nachdem er eineinhalb Jahre zuvor über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdiensts an Extremisten in Syrien berichtet hatte. Präsident Recep Tayyip Erdogan wirft ihm Landesverrat vor - und hat mehrmals zu verstehen gegeben, dass er den Journalisten am liebsten im Gefängnis sehen würde. Da die türkische Regierung auf Dündar in Deutschland keinen Zugriff hat, hält sie seine Frau fest. Dilek Dündars Pass wurde annulliert. Sie darf das Land wegen angeblicher "Sicherheitsbedenken" nicht verlassen.

Am Freitag kommt Erdogan für einen Staatsbesuch nach Berlin, in jene Stadt, in der Can Dündar seit zwei Jahren im Exil lebt. Die deutsche und die türkische Regierung bemühen sich nach Monaten der Krise um eine Normalisierung ihrer Beziehungen. Der Fall Dündar zeigt, dass in der Türkei nichts "normal" ist. Erdogan hat nach seinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 24. Juni seine Herrschaft weiter ausgebaut. Durch eine Reihe von Gesetzesänderungen wurde der Ausnahmezustand zum Dauerzustand. Tausende Oppositionelle befinden sich in Haft.

Can Dündar
DPA

Can Dündar

Dilek Dündar sitzt an einem Sommernachmittag in dem Haus in Istanbul, das sie und Can Dündar einst gemeinsam bewohnten. Der Blick aus dem Wohnzimmer reicht über den Bosporus. Der Schreibtisch ist vollgestellt mit Fotos. Dilek Dündar hat ihren Mann seit dem Sommer 2016 nicht mehr gesehen. Auch ihren Sohn, der in London lebt, kann sie nicht besuchen. "Ich bin eine Geisel", sagt sie.

Mit dem Wechsel des Jobs veränderte sich ihr Leben

Dilek und Can Dündar lernten sich in den Achtzigerjahren in der Redaktion der Zeitung "Söz" in Ankara kennen. Sie gründeten eine Produktionsfirma, drehten gemeinsam Filme, darunter eine vielbeachtete, kritische Dokumentation über Staatsgründer Atatürk.

Ihr Leben änderte sich mit Can Dündars Wechsel zur "Cumhuriyet", der ältesten Zeitung der Türkei, fast so alt wie die Republik selbst. Unter Dündar entwickelte sich das Blatt zum wichtigsten Gegner von Präsident Erdogan. Investigativjournalisten wie Ahmet Sik deckten in der "Cumhuriyet" beinahe im Wochentakt Regierungsskandale auf.

Als Dündar den Artikel über die Waffentransporte nach Syrien veröffentlichte, ahnte er, dass die Regierung zurückschlagen würde. "Aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie heftig dieser Schlag ausfallen würde", sagt er. Dündar wurde des Hochverrats und der Terrorunterstützung beschuldigt. Er saß drei Monate lang im Hochsicherheitsgefängnis in Silivri bei Istanbul und kam erst auf eine Intervention des türkischen Verfassungsgerichts hin frei. Erdogan hat die Entscheidung der Richter nie akzeptiert. Dündar floh nach Deutschland, um einer zweiten Verhaftung zu entgehen.

Arbeiten kann sie in der Türkei praktisch kaum noch

Dilek Dündar hat das Engagement ihres Mannes stets unterstützt, auch wenn sie dafür einen hohen Preis bezahlt. "Die Menschen in der Türkei haben ein Recht, die Wahrheit über die Regierung zu erfahren", sagt sie. Als vor dem Istanbuler Gerichtspalast 2015 ein Attentäter eine Pistole auf Can Dündar richtete, ging sie dazwischen und rettete ihm so wohl das Leben. Ihre Arbeit für die Produktionsfirma ruht. Niemand in der Türkei will in Projekte investieren, an denen Dündar beteiligt ist. Dilek Dündar lebt von dem Geld, das ihr Can aus Berlin schickt.

Can Dündar schreibt eine Kolumne für die "Zeit". Er tritt regelmäßig auf Podien und im Fernsehen auf. Dilek Dündar blieb lange Zeit im Hintergrund. "Ich wollte mein Schicksal nicht über das Schicksal der vielen Tausend Menschen in der Türkei stellen, denen Unrecht widerfährt", sagt sie. Vor Erdogans Deutschland-Besuch aber hat sie entschieden, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Sie hofft, so den Druck erhöhen zu können. Vertreter der Bundesregierung haben Can Dündar zugesichert, sich bei den Gesprächen in Berlin für seine Frau einzusetzen.

Trotz der Repressionen hat Dilek Dündar die Hoffnung auf einen demokratischen Wandel in der Türkei nicht aufgegeben. "Can und ich haben uns entschieden zu kämpfen", sagt sie. "Wir können nicht auf halber Strecke umdrehen."

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herbert 25.09.2018
1. Sicher wird der Bundespräsident beim Staatsbankett Erdogan
in Berlin brüderlich umarmen und um die Freilassung der Ehefrau Dilek bitten ! Die Türkei ist fast Pleite und Erdogan erinnert sich an Deutschland. Eine Hand wäscht die andere wie in einem Basar.
yoda56 25.09.2018
2. Welche Alternative haben Sie zu...
Zitat von herbertin Berlin brüderlich umarmen und um die Freilassung der Ehefrau Dilek bitten ! Die Türkei ist fast Pleite und Erdogan erinnert sich an Deutschland. Eine Hand wäscht die andere wie in einem Basar.
...den diplomatischen Bemühungen um Freilassung der Geisel?
Idinger 25.09.2018
3. Das
trifft sich ja gut: Ich nehme doch an, daß unser Bundespräsident Herrn Dündar "nebst Ehefrau" zu dem festlichen Bankett mit Herrn Erdogan eingeladen hat. Wenn Frau Dündar dennoch nicht ausreisen darf, müssen eben 5 Diplomaten aus der türkischen Gefolgschaft ebenfalls in der Türkei bleiben (solche Spielchen werden ja auch mit unserer Bundeskanzlerin bei Auslandsreisen gelegentlich veranstaltet, ist also wohl nichts ehrenrühriges).
guideline 25.09.2018
4. Steinmeier-Einladung an Erdogan peinlich & beschämend
Allein diese anschaulich beschriebene Situation am Beispiel der Journalistin Dilek Dündar und der von Erdogan zu verantwortenden Verhältnisse in der Türkei macht deutlich, dass die von Bundespräsident Steinmeier ausgesprochene Einladung zu einem Staatsbesuch an den Despoten Erdogan eine politische Peinlichkeit und gemessen an den Zuständen um tausende von Inhaftierten beschämend ist. Worauf will der Jurist Steinmeier bei seinem Staatsempfang, Galadinner eingeschlossen, mit seinem Gast Erdogan anstoßen? Auf die Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in der Türkei und die Freiheitsrechte massenhaft Inhaftierter?
urbuerger 25.09.2018
5. Wer heute schon mal in einem anderen Blatt gelesen hat, was ...
... so abgeht, ohne das etwas dagegen unternommen wird, könnte sogar glauben, wir unterliegen bereits der türkischen Staatsgewalt! Im Google Store lässt sich eine App herunterladen, unter der man dierkt mit der türkischen Polizei kommunizieren kann, wenn man hier aus Deutschland einen Türken denunzieren will, wenn er einmal etwas schlechts über Erdogan gesagt hat! Über 20.000 Leuten hat die Türkei bereits Verfahren wegen Terrorunterstützung qauf Grund dieser App angezeigt. Wie man dort lesen kann, ist diese App bereits seit zwei Jahren unserer Regierung bekannt, aber unternommen hat sie nichts, trotzsdem diese App absolut Rechtswidrig ist! Man kann davon ausgehen, dass Merkel keinerlei Macht mehr in diesaem Laand ausübt, sondern alles so schleifen lässt, als würden derartige Dinge nicht passieren, sie arbeitet nach der Vogel Strauß Methode, "Kopf in den Sand", was ich nicht sehe, sieht mich auch nicht! Wie ist es möglich einer fremden Regierung zu gestatten, hier in diesem Rechtsstaat dermaßen Rechtsstaatsfeindliche Aktivitäten durchzuziehen, während so getan wird, als sei man daran interessiert, diesen Diktator einzuhegen? Can Dündar und seine Frau represäntieren Millionen Türken, auch hier in Deutschland, die ihre Freiheit weitestgehend verloren haben, teilweise unter Mithilfe der deutschen Kanzlerin, die eher den Diktator, als dessen Opposition unterstützt! Jetzt kommt dieser Möchtegern Kalif und wird mit allen militärischen und politischen Ehren begrüßt unhd betüddelt, während seine Untertanen jederzeit mit der Verhaftung rechnen müssen! Selbst hier in Deutschland können sie sich nicht mehr sicher fühlen, denn man weiß nicht, ob Erdogan schon Pläne hat, seine Widersacher hier wegzufangen! Hauptsache für die Regierung ist allerdings eine andere, die Wirtschaft, die Industrie, die Banken und das Kapital der Aktionäre muss behütet sein!!!
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