Putschversuch in der Türkei Imam gegen Sultan

Einst waren sie Verbündete, heute sind sie Todfeinde: Recep Tayyip Erdogan und Fethullah Gülen. Der Staatschef macht den Prediger für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich. Es ist der Höhepunkt eines beispiellosen Zerwürfnisses.

Fethullah Gülen (2013)
DPA

Fethullah Gülen (2013)

Von


Saylorsburg ist ein kleines, unscheinbares Örtchen tief im Osten von Pennsylvania. Nur etwas mehr als tausend Menschen leben hier. Glaubt man dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, dann ist einer von ihnen der Mann, der hinter dem Putschversuch in der Türkei stehen soll: der islamistische Prediger und Unternehmer Fethullah Gülen.

Der 75-Jährige lebt seit 1999 in den USA. Damals entging Gülen knapp der Verhaftung in seinem Heimatland. Zuvor hatte er in einer Rede seine Anhänger aufgefordert, die Macht in der Türkei an sich zu reißen, indem sie staatliche Institutionen unterwandern. Deshalb hatte die Justiz Haftbefehl gegen Gülen erlassen.

Gülens Aufstieg begann in den Sechzigerjahren als Imam in einer Moschee in Edirne im Nordwesten der Türkei. Der charismatische Geistliche verbreitete seine Predigten über Video- und Audiokassetten, die Zahl seiner Anhänger nahm stetig zu. Parallel dazu baute er ein Netz von Privatschulen, Nachhilfezentren und Wohnheimen, sogenannten Lichthäusern auf. Aus den Absolventen dieser Einrichtungen bildete sich über Jahrzehnte ein Netzwerk von Gülen-Anhängern. Ihnen gehören heute Zeitungen, Fernsehsender und Banken.

Erdogan schützte Gülens Geschäfte

Die Meinungen über den Imam gehen seit jeher weit auseinander. Aussteiger seiner Bewegung beschreiben seine Gemeinde als Sekte wie Scientology. Andere sehen in Gülen einen der wichtigsten Prediger der islamischen Moderne, der ein tolerantes Religionsverständnis verbreite.

Erdogan war lange einer seiner prominentesten Anhänger. Beide gingen ein informelles Bündnis ein: Gülens Anhänger sicherten Wählerstimmen für die AKP, Erdogan schützte nach seiner Machtübernahme 2002 die undurchsichtigen Geschäfte der Gülen-Bewegung.

Doch spätestens nach der Parlamentswahl 2011, bei der die AKP fast 50 Prozent der Stimmen holte, fühlte sich Erdogan offenbar stark genug, um den Pakt mit Gülen zu brechen. Der damalige Regierungschef entließ wichtige Justizbeamte und Parteifunktionäre, die als Gülen-Anhänger gelten. Er wies zudem die Geheimdienste an, die Bewegung zu überwachen.

Zum endgültigen Bruch kam es im November 2013, als Erdogan ankündigte, die Nachhilfezentren der Gülen-Bewegung schließen zu lassen. Rund zwei Millionen junge Türken besuchen die Schulen, um sich auf die Aufnahmetests an den Universitäten vorzubereiten. Sie sind Gülens wichtigste Einnahmequelle, hier rekrutiert er seinen Nachwuchs.

Ein Aussteiger der Bewegung berichtete schon vor Jahren, dass zahlreiche hochrangige Vertreter des Staates auf Befehl Gülens handelten. "Sie waren unsere Schüler. Wir haben sie ausgebildet und unterstützt. Wenn diese dankbaren Kinder ihr Amt antreten, dienen sie weiterhin Gülen", sagte der ehemalige Anhänger des Predigers.

Gülen verurteilt den Putschversuch

Doch gerade die türkische Armee galt bislang als immun gegen Gülens Einfluss. Die Streitkräfte verstehen sich seit jeher als Bewahrer des Erbes von Staatsgründer Kemal Pascha Atatürk - also als Verteidiger der säkularen Verfassung und Kämpfer gegen alle islamistischen Einflüsse. Der mutmaßliche Anführer der Putschisten, Oberst Muharrem Köse, soll aber im März wegen seiner engen Verbindungen zu Gülen entlassen worden sein.

Hingegen galt der Einfluss des Imams auf die türkische Polizei als besonders stark. Umso verwunderlicher, dass sich Polizisten in Istanbul und Ankara den putschenden Soldaten entgegenstellten und Armeeangehörige festsetzten.

Der Prediger selbst hat sich bereits am Freitagabend von dem Umsturzversuch distanziert. "Wir lehnen jede militärische Einmischung in die türkische Innenpolitik ab", heißt es in einer Erklärung seiner Organisation Hizmet. "Kommentare von Pro-Erdogan-Kreisen über die Bewegung sind äußerst unverantwortlich."

Doch schon jetzt steht fest: Erdogan wird den gescheiterten Umsturzversuch als Vorwand nutzen, um noch rücksichtsloser gegen mutmaßliche Gülen-Unterstützer vorzugehen. Bereits in der Nacht bezeichnete der Staatschef den Putsch vielsagend als "Geschenk Gottes".

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.