Türkei Erdogan will Einfluss weit über türkische Grenzen ausweiten

Wieder einmal hat Erdogan die Grenzen der heutigen Türkei infrage gestellt. Am Todestag des Staatsgründers Atatürk deutete er seinen Wunsch nach räumlicher Ausdehnung an.

Recep Tayyip Erdogan
AFP

Recep Tayyip Erdogan


Es sind Aussagen, die Spielraum für Interpretationen lassen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will offenbar an die Größe des Osmanischen Reiches anknüpfen. "Wir werden nicht Gefangene auf 780.000 Quadratkilometern sein", sagte er beim Gedenken zum 78. Todestag von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk mit Blick auf die Größe der Türkei. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP.

"Unsere Brüder auf der Krim, im Kaukasus, in Aleppo und Mossul mögen jenseits der physischen Grenzen sein, aber sie sind innerhalb der Grenzen unserer Herzen", sagte der Staatschef.

Immer wieder stellt Erdogan die heutigen Grenzen infrage. Mit Blick auf Griechenland hatte er vor einiger Zeit verkündet: "Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben. So nah, dass wir eure Stimmen hören können, wenn ihr hinüberruft. Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen." Viele von Erdogans Anhängern zeigen unverhohlen, dass sie sich die Rückkehr zu alter Größe wünschen.

Kritiker des Präsidenten werfen ihm schon länger vor, dass er das Land mit seiner Islamisierungspolitik vom säkularen Kurs des Staatsgründers wegführe. Atatürk hatte einst gesagt: "Das Kalifat ist ein Märchen der Vergangenheit, das in unserer Zeit keinen Platz mehr hat. Religion und Staat müssen getrennt werden."

Den Staatsgründer der modernen Türkei nannte Erdogan bei der Zeremonie am Atatürk-Mausoleum in Ankara auch "Gazi", eine geläufige Bezeichnung für Atatürk. "Wir werden die Unabhängigkeit der türkischen Republik, die Mustafa Gazi als sein größtes Werk bezeichnete und uns als Erbe ließ, immer weiter verstärken", sagte Erdogan. Der Einfluss der Türkei müsse weit über ihre geografischen Grenzen hinausreichen.

Steinmeier reist in die Türkei und warnt vor Abbruch der Gespräche

Das Osmanische Reich, das Atatürks moderner Türkei vorausging, umfasste zeitweise den Balkan sowie große Teile Arabiens.

Am 15. Juli war ein Putsch gegen Erdogan gescheitert. Seitdem geht die Staatsführung mit großer Härte gegen Regierungsgegner und kritische Medien vor. In der vergangenen Woche waren die HDP-ParteivorsitzendenSelahattin Demirtas und Figen Yuksekdag festgenommen worden. Ihnen wird Förderung des Terrorismus vorgeworfen. Auch andere führende Politiker der Partei wurden inhaftiert.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier will deshalb am kommenden Dienstag zu Gesprächen mit der türkischen Regierung nach Ankara reisen. Das kündigte er in einer Debatte zur Lage in der Türkei im Bundestag an. "Wir müssen fragen, ob das Vorgehen der türkischen Regierung mit den Mindeststandards rechtsstaatlichen Vorgehens vereinbar ist", sagte der Außenminister mit Blick auf das Vorgehen gegen Regierungskritiker. Er warnte davor, die Gespräche mit der Türkei abzubrechen.

mho/AP

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