Syrienkrieg Erdogans Offensive stockt

Seit einer Woche rücken türkische Einheiten in das syrische Gebiet Afrin vor. Richtig weit sind sie dabei bisher nicht gekommen. Die Kurdenkämpfer spotten bereits: "Nutzt diese Gelegenheit und ergebt euch!"

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Weiter, immer weiter sollen die türkischen Truppen in Syrien ziehen - und erst die kurdische YPG-Miliz aus Afrin vertreiben, dann in das 50 Kilometer östlich gelegene Manbidsch einmarschieren. Und schließlich sollen türkische Panzer entlang des gesamten türkisch-syrischen Grenzverlaufs nach Syrien rollen, auf rund 900 Kilometern Länge bis zur Grenze zum Irak. Das hat Staatschef Recep Tayyip Erdogan am Freitag vor Bürgermeistern seiner Regierungspartei AKP angekündigt.

Doch knapp eine Woche nach Beginn ihrer "Operation Olivenzweig" ist die türkische Armee von einem zügigen, breit angelegten Vormarsch weit entfernt. Bislang sind ihre Einheiten nur an sechs Stellen wenige Kilometer weit in den kurdischen Kanton Afrin vorgedrungen und haben nur ein knappes Dutzend Dörfer erobert.

DER SPIEGEL

Der schnelle Erfolg gegen die YPG in Afrin, den die türkische Regierung versprochen hat, scheint derzeit nicht in Sicht. Mehrfach ist es den kurdischen Kämpfern sogar gelungen, die Invasoren zurückzuschlagen und verlorengegangenes Gebiet zurückzuerobern. Zwar brüstet sich das türkische Militär damit, 343 "Angehörige von Terrororganisationen neutralisiert" zu haben, doch diese Zahl entspringt wohl eher der Fantasie der Generäle. Die Kurden selbst sprechen von knapp 20 Gefallenen in den eigenen Reihen, die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte kommt nach Meldungen von Zeugen vor Ort auf 54 getötete YPG-Kämpfer.

YPG will die Moral der Türken zersetzen

Auf der Gegenseite sind nach Angaben aus Ankara drei türkische Soldaten und elf verbündete arabische Milizionäre gefallen, unabhängige Quellen sprechen von sieben toten Soldaten und 58 toten arabischen Kämpfern. Etwa 40 Zivilisten sind bislang bei den Gefechten ums Leben gekommen, rund 5000 sind nach Angaben der Vereinten Nationen vor den Kämpfen in Richtung Süden geflüchtet.

Für die YPG ist jeder Tag, den sie der türkischen Armee standhält, ein Erfolg. Sie versucht, nach mehreren erfolgreichen Gegenangriffen mit Propaganda, die Moral der Eroberer zu zersetzen. "Unsere Truppen laden euch zur Aufgabe ein", heißt es in einer Erklärung der YPG. "Nutzt diese Gelegenheit und ergebt euch!"

Erdogan bei Treffen mit Kommandeuren
AFP

Erdogan bei Treffen mit Kommandeuren

Erdogan macht die Kriegstaktik der YPG für den langsamen Vormarsch seiner Truppen verantwortlich. Die kurdische Miliz missbrauche Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, gehe die türkische Armee daher mit großer Vorsicht vor, wodurch die Offensive gebremst werde.

Kurden ziehen Kämpfer von der IS-Front ab

USA und Nato halten sich mit Kritik an ihrem Partner Türkei weiter zurück. Washington hat Ankara die Einrichtung einer Pufferzone entlang der syrisch-türkischen Grenze vorgeschlagen. Diese soll zehn Kilometer breit sein und verhindern, dass kurdische Milizen die Türkei angreifen. Bislang reagierte die türkische Regierung kühl auf den Vorschlag - auch, weil bislang unklar ist, wie diese sogenannte Sicherheitszone eingerichtet werden soll und welche Truppen dort patrouillieren sollen.

Die US-Regierung fürchtet, dass die Gefechte in Afrin den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gefährden. Die Dschihadisten kontrollieren noch immer einige Ortschaften im Euphrattal in Ostsyrien. "Die türkische Invasion behindert die internationalen Bemühungen, den IS zu besiegen. Das könnte von IS und al-Qaida ausgenutzt werden, weil wir jetzt natürlich nicht mehr so auf sie fokussiert sind", erklärte US-Verteidigungsminister Jim Mattis zuletzt.

US-General Kenneth F. McKenzie sagte vor Journalisten im Pentagon, die US-Armee registriere mit Sorge, dass die YPG Kämpfer aus dem Euphrattal abziehe und nach Afrin und Manbidsch verlege. "Jeder von ihnen ist ein Mann weniger im Kampf gegen den IS. Das bereitet uns mächtig Sorgen."

Die YPG hat inzwischen an den syrischen Diktator Baschar al-Assad appelliert, er solle Regierungstruppen nach Afrin schicken, um die "Grenze gegen die türkischen Besatzer zu verteidigen". Der damit verbundene Machtzuwachs des Regimes in Damaskus wäre ganz nach dem Wunsch Russlands, Assads wichtigstem Verbündeten. Und auch Erdogan könnte sich mit diesem Szenario anfreunden - vorausgesetzt, das syrische Regime unterbindet Angriffe der YPG auf die Türkei. Assads Truppen entlang der Grenze sind Ankara allemal lieber als kurdische Milizen.

insgesamt 177 Beiträge
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berndatlondon 26.01.2018
1. Der sieht ja aus wie
der tuerkische Poraschko :) Wahrscheinlich werden die beiden in zwei Jahren gemeinsam unter den Palmen auf den Bahamas sitzen und den "Loosern" daheim zuwinken. Beide lassen ihre Soldaten fuer ihr Ego sterben.
rkinfo 26.01.2018
2. Amateursoldaten 'Graue Wölfe' im Leo und anderswo ...
Die gut ausgebildeten Panzersoldaten sind in Haft, entlassen oder auf der Flucht. Erdogans fanatische Religionskrieger 'Graue Wölfe' als Ersatzsoldaten sind aber weder kampferfahren, noch geeignet für einen solchen Feldzug. Durchaus auch denkbar, dass der CIA Satelitten-Auswertungen der Offensive an die Kurden weiter gibt.
xxbigj 26.01.2018
3.
Die Türkei vollzieht hier einen Angriffskrieg. Mit Panzern, welchen wir ihnen geliefert haben, gegen Menschen die gegen die gefährlichste Terrororganisation gekämpft haben. Das langfristige Ziel, scheint eine Vernichtung der Kurden zu sein. Ich finde es so unglaublich, dass die Internationale Gemeinschaft hier nicht viel stärker interveniert. Früher gab es Weltkriege wegen so etwas. Heute scheint es in Ordnung zu sein andere Länder zu überfallen und ganze Bevölkerungsgruppen auslöschen zu wollen. Eine Mitgliedschaft der Türkei in die EU, darf es mit diesen Präsidenten nie geben.
tas 26.01.2018
4. Armselig
So ein armseliger Artikel. Er liegt ganz auf der YPG/PKK Linie. Den Artikel werde ich speichern und in ca. 4 Wochen noch einmal hervorholen. Wirklich interessant, dass Meldungen eines Nato-Partners als "Phantasie der Generäle" betitelt werden. Meldungen von Terroristen als glaubwürdig eingestuft werden. Der Spiegel erreicht täglich neue journalistische Tiefpunkte.
geotie 26.01.2018
5.
Erdogan und seine Träume von einem Groß-Persischem Reich dem er als Großwesir vorsteht, und nun stellt sich heraus, die Kämpfer werden nicht zu Weihnachten wieder zu Hause sein. Im Grunde sind seine wirren Gedanken selten zu gebrauchen. Angeblich hätten die Amerika entdeckt und eine Moschee dort erbaut. Wenn man so was liest, muss man seinen Verstand schon lange abgeschaltet haben.
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