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19. Dezember 2016, 21:51 Uhr

Türkei

Russland spricht nach Attentat auf Botschafter von "Terror"

Nach dem Anschlag auf einen russischen Botschafter in Ankara spricht Moskau von einem "Terrorakt". Der Angreifer hatte bei seiner Tat Vergeltung für Syrien gefordert. Putin und Erdogan haben bereits telefoniert.

Die tödlichen Schüsse fielen bei der Eröffnung einer Kunstausstellung: Der russische Botschafter in der Türkei, Andrej Karlow, ist bei einem Attentat in Ankara getötet worden. "Als Resultat eines Angriffs erlitt Andrej Karlow Verletzungen, an denen er gestorben ist", teilte eine Sprecherin des Außenministeriums mit. Sie sprach von einem "Terrorakt".

Videos der Tat, die schon kurze Zeit später im Internet kursierten, untermauern die Einschätzung. Darin ist der Attentäter zu sehen, der immer wieder "Allahu Akbar" - "Gott ist groß" - ruft, nachdem Karlow zusammengebrochen ist. Auf Türkisch schreit er außerdem "Vergesst nicht Aleppo" und "Vergesst nicht Syrien", während er um den leblos auf dem Boden liegenden Botschafter herumläuft. Und: "Alle, die sich an dieser Tyrannei beteiligen, werden zur Rechenschaft gezogen. Einer nach dem anderen."

Außerdem ruft er auf Arabisch: "Wir sind diejenigen, die dem Propheten Mohammed Treue und dem Dschihad Treue schwören." Diesen Satz rufen auch syrische Islamisten, wenn sie ins Gefecht ziehen. Der Attentäter wurde von Sicherheitskräften erschossen.

Laut türkischem Innenministerium handelt es sich bei dem Attentäter um einen 22-jährigen Polizisten aus Ankara. Er arbeitete seit zweieinhalb Jahren für eine Spezialeinheit in der türkischen Hauptstadt.

Noch am Abend begannen die Spekulationen über die Hintergründe der Tat. Manche Journalisten sprachen von einer "möglichen Verbindung" des Terroristen zu Islamisten in Syrien, beispielsweise zu Al-Nusra, andere vermuteten eine Nähe zur Gülen-Bewegung, die für den Putschversuch im Juli in der Türkei verantwortlich gemacht wird.

Der Prediger hat sich inzwischen zu den Vermutungen geäußert: Über einen Berater ließ er mitteilen, er verurteile die Ermordung des Botschafters. Versuche, die Gülen-Bewegung dafür verantwortlich zu machen, bezeichnete der Berater als "lachhaft". Die Behörden wollten Sicherheitsprobleme verschleiern, sagte er. Mehrere Beobachter vermuten aufgrund der Rufe des Schützen, die Tat habe einen politischen Hintergrund und ziele darauf, die Gespräche zwischen Russland und der Türkei über Syrien zu sabotieren.

Tiefpunkt der türkisch-russischen Beziehungen

Das Verhältnis zwischen Russland und der Türkei unterlag in den vergangenen Monaten enormen Schwankungen. Grundsätzlich wurde dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan ein gutes Verhältnis nachgesagt. Doch die russische Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien störte die Türken, da Erdogan, einst selbst ein Freund Assads, seit dem sogenannten Arabischen Frühling auf ein Syrien ohne Assad setze. Erdogans Ziel war es, dass dem Alawiten Assad eine sunnitische Führung folgen sollte und die Türkei sich als Regionalmacht etablieren könnte. Die russische Stärkung Assads hat diesen Plan zunichtegemacht.

Trotz dieser Spannungen haben Erdogan und Putin am Montagabend bekräftigt, im Kampf gegen den Terrorismus Seite an Seite stehen zu wollen. "Unsere Zusammenarbeit und Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus sollte nach dem Mord an dem russischen Botschafter noch verstärkt werden", sagte Erdogan nach einem Telefonat mit Putin. Das Attentat auf den Botschafter sei eine klare Provokation, die den türkisch-russischen Beziehungen in einer Zeit der Normalisierung schaden sollten, sagte der türkische Präsident. Auch Wladimir Putin sagte, die Tat solle Moskaus Versuche behindern, zusammen mit Iran und der Türkei eine Lösung für den Syrienkonflikt zu finden.

Für den morgigen Dienstag war ein Treffen der Außenminister von Russland, Türkei und Iran in Moskau geplant. Man wollte über Syrien sprechen. Iran kämpft in Syrien an der Seite Russlands, zuletzt mit massiver Gewalt in Aleppo. In den vergangenen Tagen war es deshalb in der Türkei zu antirussischen Demonstrationen gekommen. Das Treffen soll trotz des Attentats weiterhin stattfinden.

Einen Tiefpunkt in ihren Beziehungen erreichten Russland und Türkei, als türkische Streitkräfte im November 2015 ein russisches Kampfflugzeug auf dem Weg nach Syrien abschossen. Russland bezeichnete die Türkei daraufhin mehrmals als "Helfershelfer von Terroristen". Vizeverteidigungsminister Anatolij Antonow nannte die türkische Regierung ein "einheitliches Team aus Banditen und türkischer Elite", das Öl in Syrien und dem Irak stehle und damit den Terrorismus finanziere. Putin mutmaßte, die Türkei habe das Flugzeug abgeschossen, um Lieferwege für das Öl zu schützen. Als Strafe verhängte Russland Sanktionen gegen die Türkei, russische Touristen, in der Türkei eine wichtige Gruppe, blieben aus.

Im August 2016 erfolgte dann die große Versöhnung. Erdogan, in Zeiten der zunehmenden Entfremdung von der EU auf Russland als Wirtschaftspartner angewiesen, reiste nach Moskau und leistete Abbitte. Putin versprach, die Sanktionen wieder aufzuheben. Auch lange geplante Großprojekte wie der Bau der Gaspipeline Turkish Stream sowie ein Atomkraftwerk im türkischen Akkuyu sollten doch vorangetrieben werden.

kaz/mja/vks/lgr/dpa/AFP

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