Bürgerkrieg Türkei schließt Grenzübergänge nach Syrien

Die Türkei reagiert auf die Eskalation der Gewalt in Syrien. Ab sofort sind alle Grenzübergänge zum Nachbarland geschlossen, Lastwagen können nun nicht mehr passieren. Flüchtlinge machen sich aber weiterhin zu Tausenden davon - über Schmugglerrouten.

Aufständischer Kämpfer an der Grenze zur Türkei: Sicherheitsbedenken in Ankara
REUTERS

Aufständischer Kämpfer an der Grenze zur Türkei: Sicherheitsbedenken in Ankara


Ankara/Damaskus - Von diesem Mittwoch an schließt die Türkei alle 13 offiziellen Grenzübergänge nach Syrien. Als Begründung gibt die Regierung in Ankara zunehmende Sicherheitsbedenken an. In der vergangenen Woche hatten Kämpfer der Rebellen bereits Grenzposten auf der syrischen Seite in ihre Gewalt gebracht. Dabei waren Dutzende türkische Lkw geplündert oder angezündet worden. Die Wiedereröffnung wollen die Türken von der "weiteren Entwicklung" abhängig machen.

An den Grenzposten auf syrischer Seite hatte es in den vergangenen Tagen heftige Kämpfe zwischen Rebellen und der syrischen Armee gegeben. Ähnlich angespannt war die Lage an mehreren Grenzübergängen zum Irak.

Die Maßnahme bezieht sich offenbar vor allem auf die letzten drei Grenzübergänge, die noch geöffnet waren, Cilvegözü, Öncüpinar und Karkamis. Für Fahrzeuge ist der Weg von Syrien in die Türkei nun versperrt. Der staatliche türkische Fernsehsender zitiert den zuständigen Handelsminister Hayati Yazici mit den Worten, es gebe nur Ausnahmen für Transitverkehr.

Am Strom der Flüchtlinge, die weiterhin vor den Kämpfen zwischen den Assad-Truppen und den Aufständischen fliehen, wird die Sperrung der Grenzübergänge wohl vorerst nichts ändern. Sie nutzen ohnehin nicht den offiziellen Weg, sondern Schmugglerrouten.

In dem seit Mitte März 2011 andauernden Konflikt in Syrien wurden nach Oppositionsangaben bislang mehr als 19.000 Menschen getötet. Viele Syrer flohen bereits in Nachbarländer, zu denen auch der Libanon und Jordanien gehören.

Regime forciert den Kampf um Aleppo und Damaskus

Der Kampf um Syriens Großstädte scheint sich massiv auszuweiten. Nach Angaben von Oppositionellen und Anwohnern haben Truppen der Regierung von Baschar al-Assad am Mittwoch eine Vorstadt von Damaskus unter Beschuss genommen. Hunderte Familien aus der Stadt Tal seien auf der Flucht, sagten Regierungsgegner. Das Bombardement habe gegen 3.15 Uhr begonnen. Bei dem nächtlichen Angriff auf die bisher von Rebellen gehaltene Stadt mit rund 100.000 Einwohnern seien vermutlich Wohnhäuser getroffen worden. "Militärhubschrauber fliegen über die Stadt. Die Leute sind von den Explosionen aufgewacht und in Panik davongerannt", sagte ein Oppositioneller am Telefon. Hunderte Familien seien auf der Flucht. Unabhängig überprüfen lassen sich solche Angaben derzeit nicht.

Die Kämpfe zwischen Sicherheitskräften und Aufständischen hatten zuvor die Altstadt der Finanzmetropole Aleppo erreicht. Nach Angaben der Opposition zieht das Assad-Regime dort massiv Truppen zusammen. Die Rebellen versuchen nun angeblich, die Verstärkung der Regierungstruppen anzugreifen - so jedenfalls sagte es ein Sprecher der Freien Syrischen Armee dem US-Nachrichtensender CNN am Mittwoch. Das Regime habe etwa 2000 voll ausgerüstete Soldaten mit Panzern und Artillerie aus Idlib abgezogen und nach Aleppo in Marsch gesetzt, sagte er. Diese versuche man nun aufzuhalten.

Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter und Rebellen meldeten bereits am Dienstag schwere Gefechte in Teilen Aleppos. Kampfhubschrauber und Panzer beschossen diesen Angaben zufolge Vorstädte der Millionenmetropole, in denen die Aufständischen in den vergangenen Tagen die Kontrolle übernommen hatten. Zuvor hatten die Regimetruppen bereits Viertel der Hauptstadt Damaskus zurückerobert. Das Staatsfernsehen berichtete, der größte Teil der Hauptstadt sei wieder unter der Kontrolle der Regierung.

Syrische Regierungseinheiten schossen nach Angaben von Aktivisten in der nordwestlichen Stadt Hama in eine Menge von Gläubigen. Diese wollten am Dienstagabend zum Ramadan-Gebet eine Moschee betreten, hieß es. Dabei seien 25 Menschen getötet und mindestens zehn weitere verletzt worden, sagte ein syrischer Aktivist aus dem Norden Libanons der Nachrichtenagentur dpa. Auch diese Angaben kann SPIEGEL ONLINE nicht unabhängig überprüfen.

ffr/Reuters/AP/AFP/dpa

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otto_iii 25.07.2012
1. Wer erinnert sich
Vor wenigen Wochen noch äußerten sowohl Vertreter des Westens als auch der Türkei ihre Empörung über die "unmenschlichen" Bemühungen des syrischen Regimes, durch Sperrung von Grenzposten und Verminung der grünen Grenze die Rückzugs- und Nachschublinien der Rebellen abzuschneiden. Jetzt, wo die Rebellen selbst die Kontrolle über einige der syrischen Grenzposten übernommen haben merken die Türken so langsam, was für kriminelle Elemente sie sich da ins Land geholt haben ("türkische Lastwagen geplündert und angezündet"). Wir dürfen gespannt sein, ob die Vertreter der EU-Staaten die Sperrung der Grenze von Seiten der Türkei auch wieder als "unmenschlich" bewerten.
Andrzej Lignowski 25.07.2012
2. Hoffnung
Wir hoffen, dass dieser Krieg endlich endet. Sonst versagen wir alle... Andrzej Lignowski
Peter B. 25.07.2012
3. Was kommt danach?
Man muss viel Phantasie aufbringen, um unter den Aufständischen, wer immer sie zum Aufstehen veranlasste, den Willen zum demokratischen Wandel zu vermuten. Nirgendwo hat das bisher funktioniert. Nicht im Irak, nicht in Afghanistan oder in den Staaten des "arabischen Frühlings". Es wird auch in Syrien nicht funktionieren. Eher wird man sich grausam an Christen und Aleviten vergehen. Die nächsten Massaker sind schon eingeplant. Der Westen wird vermutlich dazu schweigen, werden sie doch von den "GUTEN" begangen. Was zurückbleiben wird, ist ein weiterer funktionsuntüchtiger und unsicherer Staat, ein Spielball fremder Interessen. Und vielleicht ist es ja genau das, was man braucht, um die eigene miese Suppe zu kochen. Denn das es dem Westen, insbesondere den USA oder Israel, um die armen unterdrückten Syrer geht, kann nur jemand glauben, der den IQ eines Eichhörnchens vorzuweisen hat.
H.Baumler 25.07.2012
4. Dank an die Redaktion
Zitat:" Auch diese Angaben kann SPIEGEL ONLINE nicht unabhängig überprüfen." Zitatende. Ich danke der Redaktion für die mittlerweile deutlicheren Hinweise darauf, dass es sich bei den dargestellten Szenarien um Hörensagen einer Bürgerkriegspartei handelt.
hossain 25.07.2012
5. Welsche Strategie haben die Rebelle
kann man jemand mir sagen. Sie kommen irgendein Stadteil wo keine Armee oder wenigen gibt, dann sagen Sie wir haben diesen Teil unter unsere Kontrolle. Dann kommen die Armee und Bombadiert, Rebellen fliegen, die Bevölkerung leidet. Wann greifen Sie daß Sie ohne Luftunterstützung nicht gewinnen können.
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