Aufruhr in der Türkei Putschversuch mit Ansage

Ist der Prediger Gülen für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich? Präsident Erdogan ignorierte Warnungen offenbar jahrelang. Nun geht er umso härter gegen Gülens vermeintliche Anhänger vor.

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Aus Istanbul berichtet


Oberst Ahmet Zeki Ücok war entsetzt, als er von dem Putsch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan erfuhr, er war wütend, nur eines war er nicht: überrascht.

Ücok hat mehrere Jahrzehnte lang als Staatsanwalt und Richter für das Militär gearbeitet. 2009 leitete er Ermittlungen gegen eine Gruppe von mehreren Hundert Soldaten, die sich gegen den Generalstab verschworen hatten - angeblich auf Befehl Fethullah Gülens, jenes Predigers, den Erdogan bezichtigt, den Putsch vom 15. Juli angezettelt zu haben.

Nach dem gescheiterten Aufstand, bei dem fast 300 Menschen starben, glich Ücok die Namen der Verdächtigen mit seiner alten Liste ab und fühlte sich bestätigt: Nicht gegen einen oder zwei mutmaßliche Verschwörer hatte er 2009 schon ermittelt - sondern gegen so gut wie alle. "Es war eine Frage der Zeit, bis es zu einem Putsch kommen würde", sagt er.

Erdogan bezeichnete Gülen, der seit Ende der Neunzigerjahre in den USA im Exil lebt, einst als "Freund". Heute beschimpft er ihn als "Terrorführer" und "Faschisten".

Gülen selbst erklärt, er habe mit dem Putsch nichts zu tun. Als SPIEGEL ONLINE Mitte Juli mit Gülen in seinem US-Exil sprach, sagte er: "Ich bin gegen jede Form von Gewalt, um politische Ziele durchzusetzen." Erdogans Verhalten grenze an Wahnsinn. (eine Reportage zu dem Besuch bei Gülen lesen Sie hier).

Staatliche Institutionen systematisch unterwandert

Ücok sitzt in der Lobby eines Istanbuler Flughafenhotels. Er sieht müde aus. Ücok hatte damals die geheimen Chats von Gülen-Anhängern im Militär geknackt. Er konnte so die Verflechtungen der Gemeinde im Militär detailliert skizzieren. Lange Zeit, erzählt er, habe sich niemand in der Regierung für seine Erkenntnisse interessiert. Das Verfahren wurde eingestellt, Ücok sogar vorübergehend verhaftet. Er habe seine Informationen durch Hypnose gewonnen, hieß es. Nun erkundigten sich Geheimdienstmitarbeiter nach seiner Liste, Polizisten, die Justiz. "Das Verbrechen vom 15. Juli", sagt Ücok, "hätte verhindert werden können."

In der Türkei zweifelt kaum jemand daran, dass Gülen hinter dem Coup steckt. Laut einer neuen Umfrage glauben zwei Drittel, dass er den Putschversuch zu verantworten hat. Viele Menschen jedoch fragen sich, warum die Regierung nicht früher gegen dessen Kader vorgegangen ist.

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Türkei nach Putschversuch: Patriotismus und Misstrauen

"Die Gülen-Sekte war nie jene moderne, tolerante Bewegung, als die sie sich im Westen darstellt", sagt der ehemalige Istanbuler Polizeidirektor Hanefi Avci, der sich über Jahre hinweg mit der Gemeinde auseinandergesetzt hat und in einem Buch früh vor deren Einfluss warnte.

Zwar haben Gülen-Anhänger in mehr als hundert Ländern Schulen gegründet, Universitäten, Kliniken, Medienhäuser; sie haben in den vergangenen Jahren aber zugleich die staatlichen Institutionen in der Türkei systematisch unterwandert, Ministerien, Polizei, Justiz, zuletzt offenbar auch das Militär. Gülen-Kader haben Hunderte ihrer Gegner hinter Gitter gebracht und in ihren Medien wie der Tageszeitung "Zaman" mit Schmutzkampagnen überzogen.

Erdogan hat das Treiben der Gemeinde sogar gefördert. Schließlich galten deren Attacken lange Zeit ausschließlich der Opposition: Säkularen, Kurden, Linken. Erst als sich Erdogan und Gülen 2011 über Machtfragen zerstritten, begann die Regierung, gegen Gülen-Kader im Staat vorzugehen.

"Schlicht unterschätzt"

Der stellvertretende türkische Ministerpräsident Mehmet Simsek räumte inzwischen ein, dass den Sicherheitsbehörden Listen mit Namen von Gülen-Sympathisanten in Militär und Verwaltung vorlagen. Die Regierung habe jedoch nicht die Zeit gehabt, Verdächtige aus ihren Ämtern zu entfernen. Ein hochrangiger türkischer Beamter sagte SPIEGEL ONLINE, die Regierung habe die Gülen-Bewegung "schlicht unterschätzt".

Nun geht Erdogan mit einem Furor gegen die Gemeinde vor, als gelte es, die Versäumnisse von damals wettzumachen. Zum Ziel werden dabei längst nicht mehr nur Gülen-Anhänger: Zehntausende Soldaten, Richter, Lehrer, Journalisten wurden in den vergangenen Wochen verhaftet oder gefeuert.

"Erdogans Allianz mit Gülen hat die Demokratie in der Türkei beschädigt", bilanziert der frühere Polizeidirektor Avci. "Seine Hexenjagd gegen vermeintliche Anhänger der Gemeinde versetzt ihr nun den Todesstoß."


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Mitarbeit: Eren Caylan

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princecha 02.08.2016
1. AKP war politischer Arm der Gülen-Bewegung
Erdogan war der politische Führer der Gülen-Bewegung und Gülen selbst der geistliche. AKP und Gülen-Bewegung sind eins. Erdogan hat mit seinen Feunden die AKP gegründet - alle sind Gülen-Anhänger. Alle AKP-Wähler standen voll hinter der Gülen-Bewegung. Es seit je her gemeinsames Ziel den Staat zu unterwandern. Die Polizei und das Militär wurde gerade von Erdogan mit diesen Leuten besetzt. Erdogan wusste sehr genau wie die Gülen-Bewegung drauf ist. Erdogan und seine Anhänger äußerten immer wieder wie stolz sie darauf sind das Militär von säkularen Kräften befreit zu haben. Es kam später zum internen Streit wegen Macht- und Geldaufteilung weshalb Erdogan die Gülen-Bewegung Terrorgruppe bezeichnet hat, um sie loszuwerden und sich reinzuwaschen. Es begann eine Hexenjagd. Der Putschversuch, der in Wirklichkeit keiner ist, ist die Abrechnung der eigenen Leute mit Erdogan gewesen. Es ist eine erbärmliche Lüge, wenn Erdogan und AKP sagen, sie wussten nicht wie die Gülen-Bewegung drauf ist und dass man sie unterschätzt habe. Sie spielen jetzt das Opfer,. stellen sich als "gutgläubige" Menschen bei ihren Anhängern dar. Jahrelang haben AKP und Gülen die Gesellschaft mit Psychomethoden einer kollektiven Gehirnwäsche unterzogen - und das führt die AKP nun fort, indem sie die alten "eigenen" Leute als Terroristen bezeichnen, sich als Demokraten feiern lassen, um sich slebst reinzuwaschen und die eigene macht zu festigen.
RudiRastlos2 02.08.2016
2.
Ob Gülen nun verantwortlich ist oder nicht, sei einmal dahingestellt, aber systematisch alle Gülen-Anhänger als Putschisten zu brandmarken und zu verfolgen ist sicherlich nicht richtig. Wenn Putschist -> Gülenanhänger wahr ist, ist der Umkehrschluss Gülenanhänger -> Putschist nicht automatisch auch wahr.
xcver 02.08.2016
3. Beweislage
Dürfte dünn sein. Die USA haben ja angekündigt Gülen auszuliefern wenn die Türkei Beweise für dessen Verantwortlichkeit vorlegen würde. Das ist wohl eher schwierig wie es scheint...
ksy 02.08.2016
4. Warum soll die islamische Gülem Bewegung mit dem laiizistischen
Militär eine Revolution machen? Mehr als ein Widerspruch. Und wie wollte Gülem dann das Militär den Islamismus verkaufen? Auch diese Frage wäre für die Reporter von Interesse, statt nur das Mantra des "Erdo-wahn"ismus zu wiederholen. Wer bedient sich wem, mit welchem Ziel? Kritisches Denken ist gefragt und eine eigenständige Meinung! Warum ist das Militär so diletantisch vorgegangen! Aus Mangel an Unterstützung oder wir im Westen haben keinerlei strategische Einschätzung über die inneren Strukturen in der Türkei. Dies ist ja auch erkennbar, dass keiner der Landeskenner die anatolischen Machtstrukturen überhaupt kommentieren konnte und wie sehr die stadtischen politischen Strukturen zur Bedeutungslosigkeit unter "Erdo-wahn" geschrumpft sind. Wo sind denn die Sozialdemokraten - die waren mal an der Macht - und all die anderen demokratischen Parteien. Gab es auch dort die Personalanreicherung wie bei ehemaligen deutschen Parlamentarier, die zur AKP in die Türkei wechselten ?
Tom S. 02.08.2016
5. Was heißt
Die Gülen-Leute "haben in den vergangenen Jahren aber zugleich die staatlichen Institutionen in der Türkei systematisch unterwandert, Ministerien, Polizei, Justiz, zuletzt offenbar auch das Militär. Gülen-Kader haben Hunderte ihrer Gegner hinter Gitter gebracht." Was bedeutet "unterwandern" denn konkret? Bin ich der einzige, der sich darunter nichts vorstellen kann? Gülen-Mitglieder haben dort Gesetze gebrochen? Andere Leute zu Dingen gezwungen, die sie ansonsten nicht getan hätten? Kollegen erpresst? Wie bringt man durch "Unterwanderung" Hunderte Leute hinter Gitter? Ich kapier es einfach nicht. So lange es keine einleuchtende Erklärung gibt, hört sich das alles für mich nach einer absurden Verschwörungstheorie und einer Hexenjagd an.
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