Boltons Syrien-Mission Trumps Aufräumer scheitert an Erdogan

John Bolton sollte in Ankara den Schaden begrenzen, den Präsident Donald Trump durch seine Volten in der Syrien-Politik angerichtet hat. Doch der Besuch des US-Sicherheitsberaters geriet zur Pleite.

John Bolton
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John Bolton

Von , Istanbul


Die US-Delegation wollte zumindest den Anschein von Harmonie wahren: Ein Sprecher von Sicherheitsberater John Bolton lobte pflichtschuldig "produktive Diskussionen", nachdem sich sein Chef am Dienstag in Ankara mit Ibrahim Kalin, dem Sprecher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, über den Krieg in Syrien beraten hatte. Man werde den Dialog fortsetzen.

Die Regierung in Washington hatte die Türkei gegen sich aufgebracht, indem sie einen raschen Abzug der US-Truppen aus Syrien zuletzt wieder infrage stellte. Dabei hatte Präsident Donald Trump einen ebensolchen Abzug nach einem Telefonat mit Erdogan erst im Dezember angekündigt. US-Außenminister Mike Pompeo betonte nun zuletzt, US-Soldaten würden in Syrien bleiben, bis garantiert sei, dass die Türkei keine Kurden "abschlachte". Das kam in Ankara gar nicht gut an.

Bolton sollte nun den Schaden begrenzen, den Trump durch seinen Zickzackkurs angerichtet hat. Doch bereits am Dienstagvormittag war klar, dass seine Mission vorerst gescheitert ist.

Beinahe zeitgleich zu dem Treffen zwischen Bolton und Kalin sprach Erdogan zu den Abgeordneten seiner Fraktion. Es wurde eine Wutrede. Die Behauptung, das türkische Militär nehme Kurden ins Visier, sei die "niederste, unehrenhafteste, hässlichste, banalste Verleumdung überhaupt", sagte Erdogan. Aber auch: "Falls (die Amerikaner) erwarten, dass wir uns Terroristen beugen, täuschen sie sich."

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Die USA und die Türkei streiten seit Monaten über den Umgang mit der Kurden-Miliz YPG. Die Amerikaner haben in Syrien gemeinsam mit der YPG erfolgreich gegen den sogenannten Islamischen Staat gekämpft. Erdogan hingegen betrachtet die YPG als syrischen Ableger der Guerillaorganisation PKK, die von der Türkei wie auch von Europa und den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Erst vor einem Jahr waren türkische Soldaten in die syrische Stadt Afrin eingerückt, um YPG-Kämpfer aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Jetzt würde die Türkei die Operation gern auf den Nordosten des Landes ausdehnen.

Für Bolton hatte der Präsident keine Zeit

Bolton sollte bei seinem Besuch sicherstellen, dass die Türkei auch nach dem Abzug der Amerikaner von einer weiteren Militäroperation gegen die YPG in Nordsyrien absieht. In der Grenzregion könnte stattdessen, so die Erwägung amerikanischer Offizieller, eine Pufferzone entstehen, aus der sich die YPG freiwillig zurückzieht.

Nun jedoch verlässt Bolton die Türkei mehr oder weniger mit leeren Händen. Erdogan bekräftigte, dass die Türkei weiter plane, in Syrien einzumarschieren. "Wir werden tun, was immer nötig ist, um die Terroristen zu töten", sagte er. Ein Treffen mit Bolton lehnte der türkische Präsident ab.

Trump lobte sich gerade erst selbst für seine "kluge" und "mutige" Syrien-Strategie. Doch seine erratische Politik hat das Chaos in der Region nur verschärft. Weder die Türkei noch die YPG oder irgendwer sonst ist bereit, sich länger auf die Worte des US-Präsidenten zu verlassen. "Es gibt absolut keinen Plan. Nur Dysfunktion", kritisiert Aaron Stein, Nahost-Direktor am amerikanischen Foreign Policy Research Institute.

Die Kurden hatten Syriens Diktator Baschar al-Assad bereits Ende Dezember um Hilfe gegen die Türkei gebeten. Das syrische Militär verkündete daraufhin, Truppen in die Stadt Manbidsch verlegt zu haben, die bislang unter Kontrolle der YPG stand.

Für Erdogan hat sich die Situation in Syrien weiter verkompliziert: Er muss nun nicht mehr nur die USA der Notwendigkeit eines Militärschlags gegen die YPG überzeugen, sondern auch Assads wichtigsten Verbündeten: Russlands Präsident Wladimir Putin.

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quantumkosh 08.01.2019
1. Mission Accomplished...
Für eine ephemere innenpolitische Machtdemonstration: Kurden verprellt, die eigene Machtbasis geschwächt, von der Türkei offen verspottet werden, Eigenlob austeilen, das ist ein vierfaches "Check" der Mann weiß doch was er will.
meister_proper 08.01.2019
2. Den außenpolitischen Schaden
der Trumpschen Präsidentschaft aufzuräumen dürfte ein bis zwei Jahrzehnte dauern. Einiges wird sich möglicherweise nie mehr fixen lassen.
steelseries 08.01.2019
3. Kushner
Hatte nicht der beste Schwiegersohn himself die Aufgabe "Frieden im Nahen Osten" als Punkt 2 seiner Über-Politiker-Liste? Die Syrien/Kurden/Türkei-Problematik würde dann doch eher in sein Ressort fallen, als in das des Herrn "bombt den Iran weg" Bolton. Aber aus der Ecke hört man mittlerweile gar nichts mehr.
Der_Junge_Fritz 08.01.2019
4. Pufferzone in der Türkei
Der US-Vorschlag zur Entspannung an der Grenze Türkei/Syrien sollte ein wenig modifiziert werden. Zum Schutz vor völkerrechtswidrigen Angriffen der Türkei auf syrisches Territorium und die syrisch-kurdischen Gebiete sowie zur Verhinderung Terroristen nach Syrien zu Schleusen, sollten die USA eine Pufferzone in der Türkei einrichten. So macht das Ganze Sinn, schliesslich bedroht niemand die Türkei.
Sefa.oeztuerk 08.01.2019
5. Trump pur
Vor 4 Wochen kündigt Trump den sofortigen Rückzug an.... innerhalb von 60 Tagen und jetzt ? Doch kein Rückzug ? Schade für den Verteidigungsminster ... Am Ende werden die Amerikaner verlieren... sie verprellen NATO Verbündete und lokale Verbündete
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