Protest in der Türkei "Wir leiden unter einer islamischen Diktatur"

Während der Militärdiktatur saß er im Gefängnis, jetzt fürchtet er wieder um die Demokratie in seinem Land: Der Schriftsteller Zülfü Livaneli beklagt im Interview die "emotionale Spaltung" der Türkei und den Missbrauch von Religion in der Politik.

Demonstranten in der türkischen Hauptstadt Ankara: Protest gegen die AKP
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Demonstranten in der türkischen Hauptstadt Ankara: Protest gegen die AKP


Zur Person
  • Hasnain Kazim
    Zülfü Livaneli, 67, kam in Konya zur Welt und wuchs in verschiedenen Teilen der Türkei auf. Er ist einer der meistgelesenen Schriftsteller der Türkei und in seiner Heimat auch als Musiker bekannt. Er kämpft für demokratische Rechte in der Türkei und saß nach dem Militärputsch von 1971 in Haft. 2002 wurde er in das türkische Parlament gewählt, er engagiert sich jetzt als Unesco-Botschafter.
SPIEGEL ONLINE: Herr Livaneli, in den siebziger Jahren mussten Sie die Türkei wegen Ihrer politischen Ansichten verlassen. Heute zeigt wieder eine Regierung in Ankara ihr autoritäres Gesicht. Ist die Lage so schlimm wie früher?

Livaneli: Ich habe, wie die meisten türkischen Intellektuellen, unter der Herrschaft des Militärs gelitten, ich saß im Gefängnis und wurde verfolgt. Heute leiden wir unter einer islamischen Diktatur. Ich kann nicht sagen, was schlimmer ist. Was ich möchte, sind Freiheit und Demokratie. Beides ist heute wie früher nicht gewünscht. Ich bin nicht gegen den Islam, ich komme aus einer gläubigen Familie. Aber Religion sollte von der Politik nicht als Ideologie missbraucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Um die Presse- und Meinungsfreiheit steht es in der Türkei wieder einmal schlecht. Kritik an der Regierung ist unerwünscht. Bringen Sie solche Aussagen nicht in Gefahr?

Livaneli: Die Gefahr ist da, aber was soll ich machen? In den vergangenen zwei Jahren stand ich unter Polizeischutz, weil der Gouverneur von Istanbul und der Polizeichef der Stadt der Meinung waren, mein Leben sei in Gefahr. Ist das nicht bizarr? Mal sperrt mich der Staat ein, mal meint er, mich beschützen zu müssen. Sie haben tatsächlich ein Polizeihäuschen vor meiner Wohnung aufgestellt. Und ständig wurde ich von Sicherheitsleuten begleitet, ins Kino, ins Buchgeschäft. Meine Familie, meine Nachbarn und ich empfanden das als extrem störend. Also bat ich darum, die Polizisten abzuziehen. Daraufhin musste ich ein Papier unterschreiben, also schriftlich auf staatlichen Schutz verzichten. Diese Erklärung muss ich jedes Jahr neu abgeben. Heute ist es wieder so weit: Ich erwarte einen Besuch der Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie werden wieder unterschreiben, obwohl Sie sich nicht sicher fühlen?

Livaneli: Es ist für mich unvorstellbar, wieder unter Polizeischutz zu sein. Wie kann ich an regierungskritischen Protesten teilnehmen und dort als Redner auftreten, wenn ich von Polizisten begleitet werde? Die Polizei hat doch die Menschen, die demonstrierten, bekämpft. Während der Gezi-Proteste sind sechs Menschen durch staatliche Gewalt ums Leben gekommen, da kann ich doch nicht in deren Begleitung kommen!

SPIEGEL ONLINE: Die Gezi-Bewegung vom vergangenen Sommer hat enorm an Kraft verloren. Was haben die Proteste bewirkt?

Livaneli: Der größte Erfolg ist, dass Premier Erdogan nach zehn Jahren im Amt vor den Augen der Welt demaskiert wurde. Jetzt sieht man sein wahres Gesicht. Gezi ist eine wunderbare Bewegung und hatte ihren Charme, weil sie so wenig organisiert war. Aber das ist nun auch ihr Nachteil, denn in ihrer Wirkung bleibt sie wegen dieser lockeren Form eher schwach. Es gibt zwar eine Gezi-Partei, aber als Partei will sie zum Establishment gehören, gegen das doch protestiert wurde. Es ist zum Verzweifeln.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie eigentlich darüber nach, die Türkei zu verlassen?

Livaneli: Nein. Politik in diesem Land kann zwar sehr blutig sein. Im Laufe meines Lebens wurden mehr als 50 meiner Freunde ermordet. Trotzdem bleibe ich, weil ich hierher gehöre, in die Türkei. Gerade in einer solch schwierigen Zeit. Meine Leserschaft ist hier. Ich bekomme so viele E-Mails, vor allem von jungen Leuten, die sich von mir ein Zeichen der Hoffnung wünschen. Würde ich gehen, wären so viele Menschen enttäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie haben Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Ihrem Land?

Livaneli: Man darf sie jedenfalls nicht aufgeben. Die Türkei hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert. Leider ist nicht alles besser geworden. In den siebziger Jahren gab es heftige Kämpfe zwischen Rechten und Linken, das Land war gespalten. Etwa 5000 Menschen wurden ermordet. Das Militär beendete die Gewalt mit einem Putsch. Nun haben wir wieder eine Polarisierung: Auf der einen Seite stehen die religiösen Kräfte, auf der anderen säkulare Nationalisten. Eine dritte große Kraft sind die Kurden. Diese drei Gruppen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Wenn ein Fremder durch die Türkei reist, wird er glauben, drei Länder gesehen zu haben. Der Lebensstil, die Kleidung, alles ist so verschieden. Es gibt eine emotionale Spaltung des Landes.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie das?

Livaneli: Wenn wir eine echte Demokratie hätten mit funktionierenden Parteien, gäbe es dieses Problem nicht. Aber das Militär hat unsere Parteien zerstört. Jetzt haben wir Parteien, die auf der Zugehörigkeit zu einer Religion oder zu einer Ethnie basieren. Das ist Gift für eine Demokratie. Wir brauchen starke Volksparteien, links und rechts der Mitte, die jedem offenstehen, keine Gruppen, die die Gräben vertiefen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen finden die Lage derzeit gar nicht so schlecht und loben Erdogan. Immerhin wurde er dreimal zum Regierungschef gewählt.

Livaneli: Als die AKP vor zwölf Jahren an die Macht kam, befand die Türkei sich in einem sehr schlechten Zustand. Wir steckten in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, es gab unglaubliche Korruption. Die neue Regierung setzte kluge Reformen durch, mit Blick auf eine zukünftige EU-Mitgliedschaft. Den meisten Menschen in der Türkei geht es heute wirtschaftlich besser als je zuvor. Aber die AKP denkt, die Menschen würden sie wählen, weil sie mehr Islam wollen.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan hat auch die Macht des Militärs zurechtgestutzt.

Livaneli: Das ist etwas, das man bei aller Kritik an dieser Regierung anerkennen muss. Es gibt keine Massenmorde an politischen Gegnern, wie es unter der Militärdiktatur üblich war, und ich hoffe, dass das so bleibt. Selbst im Kurdenkonflikt schweigen die Waffen, das ist für die Türkei schon ein Fortschritt. Andererseits muss man aber auch sehen, dass Erdogan so viele Leute ins Gefängnis gebracht hat, die unschuldig sind - während die wahren Hintermänner von Putschplänen immer noch frei herumlaufen. Leider ist auch die Justiz ein politisches Instrument.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt gibt es Korruptionsvorwürfe gegen die Regierung, auch gegen Erdogan persönlich. Warum steht er trotzdem unangefochten da?

Livaneli: Warten wir es ab. Ist es nicht erstaunlich, dass er die nach und nach veröffentlichten Telefonmitschnitte "Montagen" und eine "Schmutzkampagne" nennt, aber nicht abstreitet, dass er es ist, der da zu hören ist? Was Korruption angeht, sah es bei den Parteien, die früher regiert haben, nicht besser aus.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an eine EU-Mitgliedschaft der Türkei?

Livaneli: Anfangs tat Erdogan noch so, als würde er diese Hürde nehmen wollen. Allerdings habe ich immer den Verdacht gehegt, dass er die EU als Instrument nutzt, um heikle Dinge durchzusetzen, zum Beispiel um die Macht des Militärs zu beschneiden. Jetzt lässt Erdogan keine Gelegenheit aus, um deutlich zu machen: Ich brauche die EU nicht. Er hat mir selbst einmal gesagt: "Wir gehören nicht zu Europa, wir gehören zur arabischen Welt. Die Europäer mögen uns nicht, und wir mögen sie nicht."

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Das Interview führte Hasnain Kazim

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
paulroberts 07.03.2014
1. so hat jeder sein päckchen zu tragen
Zitat von sysopAFPWährend der Militärdiktatur saß er im Gefängnis, jetzt fürchtet er wieder um die Demokratie in seinem Land: Der Schriftsteller Zülfü Livaneli beklagt im Interview die "emotionale Spaltung" der Türkei und den Missbrauch von Religion in der Politik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/interview-mit-zuelfue-livaneli-zur-lage-in-der-tuerkei-a-957273.html
und wir leiden unter der diktatur der west-oligarchen.
NauMax 07.03.2014
2.
Zitat von paulrobertsund wir leiden unter der diktatur der west-oligarchen.
Oh ja, wir leiden total unter menschenunwürdigen Bedingungen hier im Westen. Da geht es den rundum glücklichen Menschen im real exisiterenden Sozialismus bestimmt besser als uns unter der Knechtschaft der "West-Oligarchen" (Nennen Sie mal bitte einen)...
b.santelmann 07.03.2014
3.
was ist das denn , sehr geehrter paulroberts und was hat das mit dem Thema des Artikels zu tun ? Wirtschaftlich hat sich die Türkei stark entwickelt und der Horizont der jungen Leute ist deutlich weiter geworden.
schwerpunkt 07.03.2014
4.
Zitat von paulrobertsund wir leiden unter der diktatur der west-oligarchen.
Wir leiden unter unserer eigenen Dekadenz, die es uns erlaubt auf verdammt hohem Niveau zu jammern und das dann noch als ersten Beitrag ins Forum zu stellen.
Kosmopolitý 07.03.2014
5. Wohl kaum...
Echt krass, wie inflationär mit dem Begriff "Diktatur" um sich geschmissen wird. Für ähnliche Sätze wäre oben genannter Autor vom Militär kurzerhand ohne Justizurteil verhaftet wurden. Das nur als Denksportaufgabe, wenn Sie wieder bei der Frage angelangt sein sollten, was denn schlimmer sei...
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