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Konflikt im Südosten: Türkische Armee tötet fast 70 PKK-Kämpfer

Der Konflikt zwischen der türkischen Regierung und der verbotenen Arbeiterpartei PKK eskaliert. Im Südosten des Landes wurden 68 Kämpfer getötet. Grünen-Chef Özdemir wirft Ankara vor, verbrecherisch vorzugehen.

"Viertel um Viertel, Haus um Haus und Straße um Straße" werde die PKK bekämpft, hatte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu vor wenigen Tagen angekündigt. Die blutige Bilanz dieser Drohung: mindestens 68 getötete Kämpfer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei. Der PKK-nahen Agentur Firat zufolge starben auch mehrere Zivilisten bei den Gefechten, darunter zwei Jugendliche. In der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir sei ein türkischer Soldat ums Leben gekommen, teilte die Armee mit.

Der Konflikt zwischen der Regierung und der PKK erreicht damit einen neuen, bitteren Höhepunkt seit dem Ende der Waffenruhe im Juli. Noch im Frühjahr hatte die Regierung mit der PKK über Frieden verhandelt. Inzwischen herrschen in Teilen der Südosttürkei bürgerkriegsähnliche Zustände, Hunderte Menschen wurden seit Juli getötet.

"In diesen Häusern sind keine Terroristen, sondern Zivilisten", sagt Abdusselam Inceören von der Menschenrechtsvereinigung IHD in Diyarbakir im Hinblick auf die Aussage von Ministerpräsident Davutoglu. Inceören hält die tagelangen Ausgangssperren für illegal - und wirft den Sicherheitskräften Menschenrechtsverletzungen vor. "Sie setzen Raketen und Panzer ein. Sie nehmen keine Rücksicht auf Frauen, Kinder und Alte." Der IHD-Vertreter für die Südosttürkei zeigt sich überzeugt: "Die Angriffe gelten dem kurdischen Volk."

"Foltern, wen sie wollen, töten, wen sie wollen"

Inceören wundert vor allem: "Es gibt keine Reaktion der EU. Europa verurteilt die Gewalt nicht einmal." Tatsächlich ist Kritik aus der EU am Beitrittskandidaten und Nato-Partner Türkei leise geworden, seit Ankara als Partner in der Flüchtlingskrise hofiert wird.

In Deutschland kommen zumindest aus der Opposition scharfe Worte. Grünen-Chef Cem Özdemir kritisiert, Ankara verhänge verbrecherische Kollektivstrafen gegen die kurdische Minderheit im Land. "Es wird eine Art Krieg geführt gegen die eigene Bevölkerung", sagte der türkischstämmige Politiker.

Die gegen die PKK im kurdisch dominierten Südosten der Türkei eingesetzten türkischen Spezialkräfte hätten völlig freie Hand. "Sie können verhaften, wen sie wollen, foltern, wen sie wollen, töten, wen sie wollen. Da kann man nicht von Menschenrechten oder Rechtstaatlichkeit sprechen."

Auch Özdemir kritisierte die Ausgangssperren, die die islamisch-konservative Regierung seit dem Sommer immer wieder über Teile der Kurdengebiete verhängt. "Kollektivstrafen für die Bevölkerung widersprechen grundlegenden rechtsstaatlichen Prinzipien und sind verbrecherisch", sagte der Grünen-Politiker. "Dieses Sperren von Städten ist eine Art Kriegsnotstand." Der Staat habe den Südosten aufgegeben. "Der Preis ist, dass eine junge Generation von Kurden, Bürgern der Türkei, auf Dauer verloren geht."

Die türkische Regierung weist solche Vorwürfe zurück. Die Ausgangssperren seien ein letztes Mittel, um zwischen Zivilisten und PKK-Kämpfern zu unterscheiden, sagte ein hochrangiger Beamter. "Wir unternehmen alles, was wir können, um die Auswirkungen der Ausgangssperren für Zivilisten so gering wie möglich zu halten." Die PKK dagegen missbrauche Zivilisten als "menschliche Schutzschilde".

yes/dpa

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Kurden
Kurdische Ethnie
Weltweit gibt es etwa 30 Millionen Kurden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet, das in der Türkei, im Irak, in Syrien und in Iran liegt, bezeichnen sie als Kurdistan. Einen eigenen Staat haben sie nicht. Kurden bilden eine Ethnie. Die meisten von ihnen sind sunnitische Muslime, es gibt aber auch Schiiten, Aleviten, Jesiden, Christen und Juden unter den Kurden.
Kurden in Deutschland
Allein in Deutschland leben etwa eine Million Kurden. Wegen ihrer Staatenlosigkeit werden sie hier meist als Türken, Iraker, Syrer oder Iraner wahrgenommen. Dabei bilden sie die drittgrößte Migrantengruppe in der Bundesrepublik.
Sprachen
Es gibt mehrere kurdische Sprachen, die wiederum jeweils ein Dutzend Dialekte haben. Am weitesten verbreitet ist die Sprache Kurmandschi. Interessanterweise sind es also weder Sprache noch Religion, die die Kurden als Volk zusammenhält, sondern "ihr Miteinander, verwurzelt in einer gemeinsamen Vergangenheit, die mehr oder weniger mythisch ist", wie die Ethnologen Jean-Loup Amselle und Guy Nicolas schreiben.
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Bis in das 20. Jahrhundert hinein lebten Kurden in Stammesgesellschaften. Heute leben sie in sehr unterschiedlichen Umfeldern. Die autonome kurdische Region im Irak gilt als die stabilste und sicherste im Land. Durch Zugang zu Erdöl ist sie wohlhabend.
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Kurden in der Türkei sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Überproportional viele sind jedoch arm, weil ihnen Bildung erschwert wurde. Unterricht auf Kurdisch war jahrzehntelang verboten. Viele Kurden kamen erstmals mit ihrer Einschulung mit Türkisch in Berührung.
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Das kurdische Autonomiegebiet liegt im Nordirak und wird von den Kurden Südkurdistan genannt. Im Irak wurden die Kurden lange Zeit verfolgt. Tragischer Höhepunkt war der Giftgasangriff des sunnitischen Diktators Saddam Hussein am 16. März 1988 auf den kurdischen Ort Halabdscha, bei dem etwa 5000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.


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