Fragwürdiger Luftkampf Nur ein paar Sekunden auf der falschen Seite

Warum haben türkische Piloten einen russischen Kampfjet abgeschossen? Die bisher verfügbaren Informationen werfen zahlreiche Fragen auf - denn offenbar flog die russische Maschine nur wenige Sekunden über der Türkei.

Von , Brüssel


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In Syriens Luftraum herrscht drangvolle Enge: Die Amerikaner bombardieren gemeinsam mit arabischen Verbündeten den "Islamischen Staat", die Türkei fliegt im Grenzgebiet zu Syrien Angriffe auf die kurdische Arbeiterpartei PKK und Ende September haben die Russen in Syrien interveniert. Seit Wochen warnen Experten vor gefährlichen Zwischenfällen - doch dass Piloten eines Nato-Staates tatsächlich auf ein russisches Flugzeug schießen könnten, galt als äußerst unwahrscheinlicher Extremfall.

Jetzt ist dieser Extremfall eingetreten - und Fachleute rätseln, wie es dazu kommen konnte. Die derzeit verfügbaren Angaben sind widersprüchlich: Die türkische Regierung behauptet, der russische Jagdbomber vom Typ Su-24 "Fencer" sei innerhalb von fünf Minuten zehnmal gewarnt worden und habe den türkischen Luftraum mehrfach verletzt, ehe er abgeschossen wurde. Die Russen wiederum sagen, ihr Flugzeug sei ausschließlich über Syrien unterwegs gewesen. Das gleiche erklärt, wenn auch wenig überraschend, die mit Russland verbündete syrische Regierung.

Der Nachrichtensender CNN Türk hat einen sogenannten Radar-Plot veröffentlicht, der die Flugbahnen der beteiligten Flugzeuge zeigen soll. Die Quelle ist offenbar das türkische Militär. Ein ehemaliger Bundeswehr-Kampfpilot erklärt, dass der Plot authentisch aussieht. Sollte er das Geschehen korrekt wiedergeben, hätte die Su-24 nur etwa drei Kilometer über türkischem Gebiet zurückgelegt. Für eine solche Strecke bräuchte der Kampfjet 10 bis 15 Sekunden, sagt der Ex-Pilot, der früher den sehr ähnlichen "Tornado"-Jagdbomber der Bundeswehr geflogen hat.

Ein Sprecher des US-Militärs bestätigte, dass die russischen Piloten über Funk zehnmal gewarnt worden seien: "Wir konnten alles mithören." Wahr ist offenbar aber auch, dass die Su-24 nur wenige Sekunden im türkischen Luftraum war. Das bestätigte ein Nato-Insider nach dem Sondertreffen des Nordatlantikrats, das direkt nach dem Vorfall in Brüssel einberufen worden war. Ein US-Regierungsvertreter hatte sich zuvor ähnlich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters geäußert.

Offen sind vor allem drei Fragen:

  • Warum drang der russische Jet in den türkischen Luftraum ein, auch wenn es nur für Sekunden war? Zwar ist die Su-24 ein rund 30 Jahre altes Modell, die in Syrien stationierten Maschinen gehören aber laut öffentlich verfügbaren Informationen zur modernisierten Variante M2. Sie verfügt unter anderem über ein Navigationssystem, das russische GPS-Äquivalent Glonass. Die russischen Piloten müssten demnach jederzeit gewusst haben, wo sie sich befinden.

  • Warum haben die Russen nicht auf die Warnungen reagiert? Solche Funksprüche werden auf der "Guard"-Notruffrequenz gesendet, die jedes Flugzeug - egal ob zivil oder militärisch - abhören muss. Zwar könne es selbst Profis passieren, dass sie im Kampfeinsatz für kurze Momente ihre Position aus den Augen verlieren oder einen Funkspruch überhören, sagt der ehemalige "Tornado"-Pilot der Bundeswehr. "Aber dass sie über fünf Minuten zehnmal gewarnt werden und nicht reagieren, ist äußerst merkwürdig."

  • Warum haben die Türken geschossen? Klar ist: Alle Beteiligten waren sich der hochbrisanten Lage über dem türkisch-syrischen Grenzgebiet bewusst - spätestens seit dem Zwischenfall Anfang Oktober, als ein russischer Kampfjet türkische Flugzeuge mit seinem Gefechtsradar erfasste. Damals warnte Ankara Moskau eindringlich vor weiteren Verletzungen des türkischen Luftraums. Ein früherer Bundeswehr-Jagdflieger hält den Abschuss deshalb für durchaus folgerichtig - besonders wenn die russischen Piloten tatsächlich zehn Warnungen ignoriert haben sollten: "Wenn ich dann nicht schieße, mache ich mich lächerlich."

Allerdings hatten die Verantwortlichen auf türkischer Seite offenbar fünf Minuten Zeit, über den Feuerbefehl zu entscheiden. "Und die Besatzungen haben sicherlich mehrmals zurückgefragt, bevor sie den Knopf drückten", sagt der deutsche Ex-"Tornado"-Flieger. Sollte sich der russische Jet nur wenige Sekunden über der Türkei befunden haben, "wäre der Abschuss schon eine ziemliche Cowboy-Aktion gewesen". Dies könnte auch dazu geführt haben, dass die Rakete erst einschlug, als die Su-24 schon wieder im syrischen Luftraum war.

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Syrisch-türkische Grenze: Der Absturz der Su-24
Rätselhaft ist auch das Schicksal der beiden Insassen der abgeschossenen Maschine. Syrische Rebellen behaupteten kurz nach dem Abschuss, die Männer erschossen zu haben. Kurz darauf erklärte ein türkischer Regierungsvertreter, dass die beiden vermutlich noch am Leben seien. "Unsere Leute arbeiten daran, sie wohlbehalten von den Rebellen überstellt zu bekommen."

Der russische Generalstab geht nach "vorläufigen Informationen" vom Tod einer der Piloten aus: General Sergej Rudskoj sagte am Dienstag im russischen Fernsehen, der Pilot sei am Fallschirm abgesprungen und vom Boden aus beschossen und tödlich getroffen worden.

Die Nato bemüht sich unterdessen um Schadensbegrenzung. Unmittelbar nach dem Abschuss berief das Verteidigungsbündnis eine Sondersitzung in ihrem Brüsseler Hauptquartier ein. Die Position der Türkei sei unterstützt worden, ist aus Nato-Kreisen zu hören. Aber die "deutliche Stimmungslage" sei gewesen, "jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren, zu deeskalieren und weitere Vorfälle dieser Art unbedingt zu vermeiden".

Video: Putin verurteilt Kampfjet-Abschuss durch die Türkei


Zusammengefasst: Der Abschuss eines russischen Jagdbombers durch türkische Kampfjets gibt mehrere Rätsel auf. Das Eindringen der russischen Maschine in den türkischen Luftraum scheint nach bisherigen Informationen ebenso unnötig gewesen zu sein wie ihr Abschuss.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Korrespondent in der Redaktionsvertretung Brüssel.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

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Seite 1
Comandante.Tatú 24.11.2015
1. Radarplot
Wie der RADAR-Plot zu zeigen scheint, fanden diese wenige Sekunden dauernden (~2 mi, 3,3 km Strecke) Luftraumverletzungen mindestens zweimal statt.
johannesraabe 24.11.2015
2.
Ich will ja nichts sagen, aber wer dieses Lügenmärchen glaubt, ist nicht mehr ganz bei Trost. Der IS kann nur besiegt werden, wenn Erdogan und Saudi Arabien mit veseitigt werden. Denn wer bezahlt den die 0.5 Milliarden Us Dollar für das Öl? Das ist doch ganz klar die Türkei und Saudi Arabien.
auslaender101 24.11.2015
3.
Die Russen haben viel zu viele Tanklaster mit 12 Dollar/Barrel-Öl vernichtet. Das hat den Türken gar nicht gefallen. Schliesslich sind sie der Hauptabnehmer des IS-Öls. Die Russen werden vermutlich nun die Kurden bewaffnen.
Holztransistor 24.11.2015
4. 5 Meilen Puffer?
Es ist nichts Neues, dass die Türkei einen Bereich von 5 Meilen (ca. 8km) entlang der Grenze als Puffer beansprucht. Die ist aber durch niemand legitimiert und die Russen müssen sich demnach nicht darum kümmern. Es würde aber erklären, warum man die Besatzung der Su-24 angeblich über einen Zeitraum von 5 Minuten mehrfach gewarnt haben will. Fand der Abschuss also innerhalb dieses "Puffers" statt? Dann hätten die Türken nun ziemliche Probleme.
Mullersun 24.11.2015
5. Muskelspielchen
Die Türkei kann mit der NATO im Rücken in so einem Fall sicherlich etwas die Muskeln spielen lassen, aber der russische Jet war wohl keine Bedrohung, 10 Warnungen hin oder her, war es hier wirklich nötig zu schießen? Die Lage in der Region ist angespannt genug, warum muss da noch Öl ins Feuer gegossen werden.
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