Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Militäraktion in Syrien: Türkischer Panzereinsatz erzürnt Assad-Regime

Von , Istanbul

Türkische Truppen sind auf syrisches Gebiet vorgedrungen, um vom IS umzingelte Soldaten zu befreien. Das Assad-Regime spricht von einer "ungeheuerlichen Aggression", auch die Nato ist verärgert.

Die Dunkelheit war schon hereingebrochen über dem türkisch-syrischen Grenzgebiet, als türkische Eliteeinheiten ihre streng geheim gehaltene Operation begannen. Um 21 Uhr am Samstagabend kam der Befehl zum Beginn. 572 Soldaten mit 39 Kampfpanzern und 57 gepanzerten Fahrzeugen drangen knapp 40 Kilometer auf syrisches Gebiet vor, um zum Mausoleum von Suleiman Schah zu gelangen. Shah war der Großvater von Sultan Osman I., dem Begründer des Osmanischen Reichs im 13. Jahrhundert.

Das Grab südwestlich des lange Zeit umkämpften Ortes Kobane gilt als Exklave der Türkei, 38 Wachsoldaten sind dort stationiert. Sie werden dort regelmäßig per Armeekonvoi und per Hubschrauber ausgewechselt. Doch diesmal hatte die Türkei vor, das Mahnmal für immer zu räumen, weil die Umgebung inzwischen von Kämpfern des "Islamischen Staates" (IS) kontrolliert wird. Ziel der nächtlichen Aktion war es, nicht nur die türkischen Soldaten zurückzuholen, sondern auch die Gebeine von Suleiman Schah, der im Jahr 1236 im nahe gelegenen Euphrat ertrunken sein soll, und das Gebäude zu zerstören, um nichts für den IS zurückzulassen.

Ein Unfalltod, keine Zusammenstöße mit Kämpfern

Am Sonntagmorgen um sechs Uhr war der Einsatz beendet. "In meinem Namen und im Namen meiner Nation gratuliere ich der Regierung und unseren Streitkräften, die diese erfolgreiche Operation ausgeführt haben", erklärte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Nach Angaben der Armee war allerdings am Samstagabend ein Soldat bei einem nicht näher erläuterten Unfall ums Leben gekommen. Den Angehörigen des Gefallenen sprach Erdogan sein Beileid aus. Ansonsten sei die Operation glatt verlaufen, es habe keine Zusammenstöße mit feindlichen Kräften gegeben.

Fotostrecke

8  Bilder
Türkische Armee: Nächtlicher Einsatz in Syrien
Premierminister Ahmet Davutoglu erklärte, die Gegenstände aus dem Mausoleum einschließlich der Gebeine seien "zeitweise" in die Türkei gebracht worden. Offensichtlich soll an einem anderen Ort ein neues Mausoleum entstehen. Die türkische Armee teilte mit, man habe bereits in einem separaten Kommandoeinsatz die Kontrolle über eine andere Region in Syrien übernommen und dort die türkische Flagge gehisst. Dorthin werde man die sterblichen Überreste von Suleiman Schah transferieren.

"Offensichtliche Angriffshandlung"

Syrien bewertete die Aktion ganz anders: Die Türkei habe eine "offensichtliche Angriffshandlung" vorgenommen. Das sei eine "ungeheuerliche Aggression", für die man Ankara verantwortlich mache. Die Regierung sei zwar über das Konsulat in Istanbul informiert worden, aber die Türkei habe kein Einverständnis abgewartet. Die türkische Opposition warf der Regierung dagegen vor, "ohne Grund" das einzige türkische Staatsgebiet jenseits der eigenen Grenzen aufzugeben.

Völkerrechtlich gehört die Exklave tatsächlich der Türkei: 1921 überließ Frankreich, die damalige Mandatsmacht in Syrien, per Staatsvertrag das Grab von Suleiman Schah der Türkei. Als der Euphrat-Stausee es zu überfluten drohte, wurde es in den Siebzigerjahren an jenen Ort verlegt, der heute Nacht vom Militär zerstört wurde.

Hilflos wirkende türkische Außenpolitik

Grund für das türkische Vorgehen in der Nacht auf Sonntag dürfte die Befürchtung sein, durch einen IS-Angriff auf die Exklave in das Kriegsgeschehen hineingezogen zu werden. Die Regierung in Ankara, der Kritiker im In- und Ausland unterstellen, heimlich IS-Kämpfer zu unterstützen oder zumindest Sympathien für sie zu hegen, hat sich bislang aus Angst vor Racheakten im eigenen Land geweigert, militärisch gegen die Extremisten vorzugehen. Die Türkei verfolgt seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien vor bald vier Jahren vielmehr das Ziel, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad loszuwerden. Gleichzeitig will Ankara verhindern, dass die syrischen Kurden erstarken und dort wie im Nordirak Autonomie erhalten.

Wegen dieser schwer miteinander zu vereinbarenden Ziele wirkte die türkische Außen- und Sicherheitspolitik in den vergangenen Monaten hilflos. Während die Befreiung der Soldaten aus der Exklave nachvollziehbar scheint, sorgt die Besetzung eines neuen Gebietes auf syrischem Territorium für Befremden. Davutoglu erklärte jedoch, das Gebiet sei schon vorher als Alternative vorgesehen gewesen.

Die Drohung aus Damaskus mit Konsequenzen dürfte die Türkei gleichwohl gelassen hinnehmen: Das türkische Militär ist dem syrischen überlegen. Assads Truppen sind zudem in Kämpfe gegen unterschiedliche Rebellengruppen verwickelt, so dass kaum Kapazitäten für Angriffe auf die Türkei übrig sein dürften. Zudem ist die Türkei Nato-Mitglied. Aus Nato-Kreisen ist allerdings zu hören, dass man über das türkische Vorgehen ohne Absprache verärgert sei.

Das Grab von Suleiman Schah war bereits im vergangenen Jahr Gegenstand militärischer Überlegungen: Im Frühjahr 2014 hatten Gegner der türkischen Regierung ein heimlich aufgenommenes Band veröffentlicht, wonach Davutoglu, damals noch Außenminister, sich mit dem Geheimdienstchef, einem Unterstaatssekretär und einem General darüber unterhält, wie man ein militärisches Eingreifen in Syrien rechtfertigen könnte. Unter anderem überlegte man damals sogar, einen Angriff auf das Mausoleum zu inszenieren, um einen Grund für einen Angriff gegen Syrien zu haben.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 145 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Regierung Assad....
eswirdbesser 22.02.2015
...ist verärgert?! Ja und ? Ich denke das ist eh der böse Feind, der weg muß. Gegen den die IS und andere von den Diensten der USA aufgebaut wurde, deswegen wird das ganze Schlachten dort und die Zerstörung der bürgerlichen Existenzen von den Millionen Menschen geduldet, die jetzt in UN_Flüchtlingslagern leben. Was zum Teufel geht denn dort wirklich ab ?
2. Ordnung muss sein!
opinio... 22.02.2015
Mit einer kleinen Kriegserklärung wäre den Regeln der Diplomatie Rechnung Genüge getan worden. Danach hätte man den Waffenstillstand verhandelt…..oder den Sauladen endlich aufgeräumt!
3. Nein wie verwerflich :-(
stauss4 22.02.2015
Der Überfall auf Syrien erzürnt die gewählte Regierung diese Landes???? Sie wurde u.a. dafür wiedergewählt, um das Land und die Bevölkerung vor Angriffen von aussen zu schützen! Das kann der der Spiegel als Teil der US-Hetzpresse wohl nicht schrieben. Weil es mit Demokratie und Selbstbestimmung zu tun hat. Das Verteidigen von Angriffskriegen ist die völliger Missachtung der UN-Charta hier.
4. Ist nie passiert...
dirkholz 22.02.2015
Einfach die russische Doktrin anwenden: es waren nie türkische Einheiten auf syrischem Boden...es war höchstens eine innere Angelegenheit Syriens und Pro-Türkischer Separatisten ;-)
5. Regime
varus23 22.02.2015
Eben gerade hieß es noch syrische Regierung. Präsident Assad wurde demokratisch in dieses Amt gewählt
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: