Militäreinsatz im Grenzgebiet Was die Türkei in Syrien wirklich will

Türkisches Militär operiert in Syrien - offiziell im Kampf gegen den "Islamischen Staat". Doch Präsident Erdogan verfolgt noch ein anderes Ziel.

Türkischer Panzer auf dem Weg nach Syrien
REUTERS/ Revolutionary Forces of Syria

Türkischer Panzer auf dem Weg nach Syrien

Aus Ankara berichtet


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Für türkische Oppositionelle ist der Einmarsch des türkischen Militärs in Syrien ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, ein "Himmelfahrtskommando", wie der ehemalige türkische Botschafter in Washington, Faruk Logoglu, sagt. Für Mehmet Naci Bostanci, Vizefraktionschef der Regierungspartei AKP, ist er hingegen eine Demonstration der Stärke, "ein Ausdruck der Entschlossenheit und Tatkraft unserer Streitkräfte".

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Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag

Bostanci sitzt im Fraktionszimmer seiner Partei im Parlament in Ankara. Durch das Fenster dringt der Lärm der Bauarbeiter, die die Schäden beseitigen, die bei dem gescheiterten Putsch mehr als zwei Monate zuvor entstanden sind. Türkische Soldaten hatten am 15. Juli Teile Istanbuls und Ankaras besetzt und unter anderem das Parlament beschossen. Der Staatsstreich habe die Türkei getroffen, aber nicht umgehauen, sagt Bostanci. Die Intervention in Syrien würde genau das beweisen.

Türkische Truppen sollen, nach dem Wunsch der Regierung, Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) und kurdische Milizen aus dem Grenzgebiet vertreiben. Für Präsident Recep Tayyip Erdogan geht es auch darum, mit der Operation "Schutzschild Euphrat" ein Zeichen zu setzen: Das Militär mag nach dem Aufstand die Hälfte seiner Generäle und Admiräle verloren haben, trotzdem ist es in der Lage, die größte Operation seiner jüngeren Geschichte durchzuführen, so die Botschaft. "Die Moral unserer Truppen ist intakt", sagt AKP-Politiker Bostanci.

Vorrücken nach al-Bab

Das türkische Militär hat, gemeinsam mit Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), die Stadt Jarabulus Ende August innerhalb von Stunden vom "Islamischen Staat" befreit. Erdogan hat angekündigt, nun bis nach al-Bab, eine Stadt 35 Kilometer nördlich von Aleppo, marschieren zu wollen. Seine Regierung betrachtet al-Bab als Schlüsselort im syrischen Bürgerkrieg: Die Menschen dort haben sich früh gegen Assad erhoben, seit 2013 wird die Stadt vom IS kontrolliert.

Der Vormarsch der Türkei jedoch ist ins Stocken geraten. Zum einen leistet der IS in der Region um al-Bab sehr viel mehr Widerstand als in Jarabulus, wo sich die Dschihadisten mehr oder weniger kampflos ergeben haben. Zum anderen tun sich die FSA-Rebellen schwer, bereits gewonnene Gebiete zu halten. Der IS hat in den vergangenen Tagen sieben Dörfer in der Grenzregion zurückerobert. "Im Moment verfügen wir nicht über die nötige Schlagkraft, um nach al-Bab vorzurücken", bekennt ein hochrangiger türkischer Beamter, der mit der türkischen Militäroperation in Syrien vertraut ist.

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Die Türkei hatte darauf gezählt, dass die FSA, mit Unterstützung türkischer Panzer und Kampfjets, den IS und kurdische Milizen zurückdrängen würde. Inzwischen mehren sich in Ankara jedoch die Zweifel, dass die Operation mit FSA-Rebellen zu bewerkstelligen ist. Nach Berichten türkischer Medien erwägt Erdogan, Bodentruppen nach Syrien zu entsenden.

Niemand weiß genau, was das Ziel ist

"Erdogan hat unsere Soldaten nach Syrien geschickt, ohne zu erklären, was er dort wie erreichen will", kritisiert Ex-Botschafter Logoglu. Die Entscheidung, den IS aus dem unmittelbaren Grenzgebiet zu vertreiben, sei richtig gewesen. Doch nun wisse niemand in der Regierung, wie es weitergeht.

Im Außenministerium heißt es, FSA-Kämpfer sollten die befreiten Gebiete beschützen. Logoglu hält dies für eine Farce. "Wie sollen ein paar Hundert Rebellen ein mehrere Tausend Quadratkilometer großes Gebiet bewachen mitten in einem asymmetrischen Krieg?" Er fürchtet, die Türkei könnte mit Tausenden Soldaten über Jahre hinweg in eine Auseinandersetzung verstrickt werden.

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Die türkische Regierung macht keinen Hehl daraus, dass die Intervention in Syrien nicht nur dem IS gilt, sondern mindestens ebenso den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), dem syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Erdogan hat nach dem Putsch vom 15. Juli seine Militärkampagne gegen die PKK im Südosten der Türkei und im Nordirak weiter verschärft. Fast jeden Tag sterben Sicherheitskräfte und Zivilisten bei Anschlägen kurdischer Extremisten.

Kehrtwende in Syrien

Mit der Operation "Schutzschild Euphrat" trage die türkische Regierung den Kurden-Konflikt nun nach Syrien, kritisiert PKK-Kommandant Sabri Ok. Erdogan würde Sunniten, Schiiten und Aleviten gegeneinander ausspielen. "Er organisiert ganz offen einen Konfessionskrieg", behauptet Ok. Der PKK-Kommandant droht damit, seine Organisation könne ihr Engagement in Syrien ausweiten: "Die PKK hat in Sindschar gegen den IS gekämpft, in Kirkuk. Sie wird keinem Massaker gegen Kurden stillschweigend zusehen."

Die USA, die die PKK als Terrororganisation einstufen, die YPG jedoch als Partner im Kampf gegen den "Islamischen Staat" betrachten, hoffen, zwischen Türken und Kurden vermitteln zu können. US-Vizeaußenminister Antony Blinken war gerade erst in Ankara, um die türkische Regierung für eine Zusammenarbeit mit den "Demokratischen Kräften Syriens" (SDF) zu gewinnen, eine Koalition, die von der YPG dominiert wird. Die Türkei lehnt dies jedoch nach wie vor ab. "Wir sehen keinen Unterschied zwischen der SDF und der YPG", sagt Außenminister Mevlüt Cavusoglu. "Terrorismus lässt sich nicht mit Terroristen bekämpfen."

Die Türkei hat in den vergangenen Monaten in Syrien eine Kehrtwende vollzogen: Lange Zeit hatte Erdogan die Weltgemeinschaft gedrängt, Assad zu stürzen. Seit er sich jedoch mit Russlands Präsident Wladimir Putin verbrüdert hat, dem wichtigsten Verbündeten Assads, gibt sich seine Regierung kompromissbereit. Premier Binali Yildirim kündigte unlängst an, Assad als Teil einer Übergangsregierung zu akzeptieren. Und auch mit Kritik an der Bombardierung eines Hilfskonvois durch das syrische Regime hielt sich die türkische Regierung zurück. Ihre Priorität in Syrien scheinen mittlerweile die Kurden zu sein.

Am Montag empfängt Erdogan seinen Amtskollegen Putin in Istanbul. Beobachter glauben, dass die beiden Präsidenten einen Deal aushandeln könnten: Das syrische Regime stellt die Unterstützung für kurdische Milizen ein. Im Gegenzug lässt Ankara Putin und Assad in Aleppo gewähren.

Zusammengefasst: Bisher galt der türkische Präsident Erdogan als Gegner des syrischen Diktators Assad. Doch seit seiner Annäherung an Kreml-Herrscher Putin verschieben sich die Prioritäten. Ankara ist vor allem eines wichtig: der Kampf gegen kurdische Milizen. Im Vergleich dazu rückt auch der Anti-Terror-Einsatz gegen den "Islamischen Staat" in den Hintergrund.

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Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag

Mitarbeit: Eren Caylan

insgesamt 125 Beiträge
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i.dietz 09.10.2016
1. Erdogans Spielwiese
ist/wird nicht immer "ehrlich" sein, bzw. ethische Gedanken dürften diesem Herrn vollkommen unbekannt sein ! Dies müsste doch eigentlich mittlerweile jedem bekannt sein !
franxinatra 09.10.2016
2. Die Staudammprojekte sind signifikant...
für den türkischen Anteil an der Destabilisierung der Region: autarke Regierungen hätten diese Einflussname auf die Wasserversorgung vor allem des Irak einen Riegel vor geschoben. So aber darf die Türkei mit Segen der Nato eine Politik betreiben, durch die sieamEnde auch implodieren kann.
spusr 09.10.2016
3.
Interessant wäre auch noch ein Artikel, was Deutschland in Syrien wirklich will. Aber bitte offen und erhlich! Im weiterführenden Link "Alle Fragen zum Syrienkrieg" fehlt mir dann auch noch Punkt 8a: "Was erhofft sich die USA in Syrien." Diese Fragen werden komplett ausgeblendet. Warum?
Ossifriese 09.10.2016
4. Kriegsende
"...Das syrische Regime stellt die Unterstützung für kurdische Milizen ein. ..." War es nicht bisher die Argumentationslinie, dass die Kurden vom "Westen" - mit Ausnahme der Türkei! - unterstützt werden? Auch gegen Assad? Wobei der syrische Präsident allerdings wohl stillschweigend eine kurdische Autonomiezone im Norden Syriens akzeptiert hatte... Wie also Russland einen Deal mit Ankara in Bezug auf die Kurdenpolitik machen könnte, bleibt doch mehr als unklar. Es ist und bleibt das Problem der USA mit Erdogan, wie man einerseits die YPG im Kampf gegen den IS fördert und gleichzeitig mit dem NATO-Verbündeten Türkei gegen die syrischen Kurden vorgeht. Ein Dilemma, dessen Auswirkungen erst nach dem Ende des Krieges im übrigen Syrien klar werden wird.
cemalaslan01 09.10.2016
5. Türkei und Krieg
Meistens lenkt man mit einem Krieg im Ausland von den inneren Problemen ab. Anderseits ist bekannt, wenn die Türkei in Syrien unterstützt und unterstützt hat. Zudem ist bekannt, dass ein rein alevitischer Sender und ein Kindersender wegen Propaganda geschlossen wurden. Der eine aufgrund der religiösen toleranten Ausrichtung und des Stopps der sunnitischen Islamisierung dieser Glaubensrichtung und des kurdischen Kindersenders der wiederum vor der Assimilation schützen soll. Der Krieg in Syrien ist eine logische Folge seiner gedanklichen Ausrichtung. Des Weiteren kann man im Irak beobachten, dass Mossul versucht wird vom türkischen Militär zu besetzten. Wer die Islamisten und türkischen Nationalisten kennt, der weiss dass sie immer noch glauben, dass das osmanische Reich wieder entstehen wird. Was ist mit Nordzypern wurde es zurückgegeben? Die Türkei ist in ihrem geistigen Korsett gefangen und kann und wird weitermachen
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