US-Sanktionen gegen Türkei Das Zerwürfnis

Die US-Sanktionen gegen die Türkei sind nicht das Ende, sondern womöglich erst Beginn einer folgenreichen Konfrontation: Selbst die Nato-Mitgliedschaft des Landes ist fraglich. Profitieren könnte davon ein Dritter.

Donald Trump (l.) und Recep Tayyip Erdogan
AFP

Donald Trump (l.) und Recep Tayyip Erdogan

Eine Analyse von , Istanbul


Die Entscheidung der US-Regierung, Sanktionen gegen die Türkei zu verhängen, ist beispiellos, sie ist weitreichend, nur eines ist sie nicht - überraschend.

Die Krise im amerikanisch-türkischen Verhältnis hat sich über Monate hinweg angebahnt: Beide Länder stritten über die Strategie im Syrienkrieg, über die Hintergründe des Putschversuchs in der Türkei, über den Ankauf russischer Raketen durch die Türkei.

Die Sanktionen verdeutlichen nun, wie zerrüttet die amerikanisch-türkischen Beziehungen tatsächlich sind. Vieles deutet darauf hin, dass die Strafmaßnahmen der USA nicht das Ende, sondern eher der Auftakt zu einem Konflikt sind, dessen Folgen für die Region noch unabsehbar sind.

Es geht dabei nur vordergründig um das Schicksal des amerikanischen Pastors Andrew Brunson, der seit fast zwei Jahren unter fadenscheinigen Gründen in der Türkei festgehalten wird. Es geht darum, dass sich zwei Nato-Partner nicht mehr viel zu sagen haben - und es auf eine offene Konfrontation anlegen.

Dabei schienen beide Länder zumindest im Fall Brunson einer Einigung nah: Die Regierung von Präsident Donald Trump sicherte der Türkei zu, die Strafe gegen den türkischen Banker Hakan Atilla, der wegen illegaler Ölgeschäfte mit Iran in den USA im Gefängnis sitzt, abzumildern und bewegte Israels Premier Benjamin Netanyahu dazu, eine türkische Staatsbürgerin aus der Haft zu entlassen. Im Gegenzug sollte Pastor Brunson freikommen und in die USA zurückkehren.

Der Streit um Brunson könnte eine Eskalationsspirale in Gang setzen

Der Deal platzte, da, so berichtet das Nachrichtenportal Bloomberg, die türkische Regierung in letzter Sekunde ihre Forderungen erhöhte. Trump drohte der Türkei daraufhin mit Sanktionen, was, so sagen türkische Offizielle, die mit dem Vorgang vertraut sind, Präsident Recep Tayyip Erdogan offenbar nicht ernst nahm.

Der Streit um Brunson könnte nun eine Eskalationsspirale in Gang setzen. Die Sanktionen folgen dem Global Magnitsky Act 2016, der es der US-Regierung erlaubt, Individuen oder Unternehmen weltweit ins Visier zu nehmen. Bislang richten sich die Strafmaßnahmen nur gegen den türkischen Justiz- und gegen den Innenminister. Die Amerikaner können sie jedoch jederzeit ausweiten.

Die Sanktionen treffen die türkische Wirtschaft schon jetzt hart. Die Lira ist am Mittwoch weiter eingebrochen. Die Türkei ist, mehr als andere Staaten, auf Kapital aus dem Ausland angewiesen. Sollten Investoren an Vertrauen verlieren, droht dem Land nicht nur eine Währungs- sondern eine umfassende Wirtschaftskrise.

Im Video: Tourismus in der Türkei - Urlaubsland in der Krise

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Erdogan wird wohl vorerst trotzdem nicht auf die USA zugehen. Seine Regierung hat bereits Vergeltung für die Sanktionen angekündigt. Es ist durchaus denkbar, dass Ankara den Luftwaffenstützpunkt Incirlik für die USA schließt und seine diplomatischen Beziehungen zu dem Land abbricht. "Die amerikanisch-türkischen Beziehungen könnten in diesem Streit so sehr beschädigt werden, dass sie sich auf Jahrzehnte hinweg nicht mehr erholen", sagt Özgür Ünlühisarcikli, Direktor des German Marshall Funds in Ankara, gegenüber dem SPIEGEL.

Die Krise zwischen den USA und der Türkei dürfte sich auch auf die Nato auswirken. Die Türkei verfügt über die zweitgrößte Bündnisarmee. Sie war in zahlreiche Militärmanöver der Allianz eingebunden. Zuletzt hat sich die Regierung in Ankara jedoch zunehmend vom Westen wegbewegt. Beobachter wie Ünlühisarcikli halten es nicht mehr für ausgeschlossen, dass die Türkei aus der Nato austritt. Von einer solchen Entwicklung würden weder die Türkei noch die USA profitieren - sondern ein Dritter: Russland.

insgesamt 183 Beiträge
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herrschläfer 03.08.2018
1. Stalinistische Türkei
Ist vom westlichen Wertekanon so weit entfernt wie Russland oder Saudi Arabien. Wir heucheln der Türkei nur noch Verbundenheit vor aus Angst vor ungefilterter Völkereinwanderung nach Westeuropa. Ehrlich und teuer wäre es die Beziehungen auf der derzeitigen Grundlage abzubrechen oder einzufrieren. Aufbauarbeit in Afrika und Syrien zu leisten und die Erderwärmung so schnell und effektiv als möglich zu begrenzen. Zweite Möglichkeit ist leider zu teuer und so werden wir weiter heucheln und hoffen, dass der andere Despot von übern Teich dem Erdo es mal so richtig zeigt,ohne dass es für uns zu teuer wird. Tapfere Wertegemeinschaft
zorro2110 03.08.2018
2.
Das kommt dabei raus wenn man Nationalisten an die Macht wählt. Man kann nur hoffen, dass die Menschheit noch früh genug aufwacht und begreift, dass solche Leute den Niedergang für die Welt bedeuten. "Nationalismus bedeuten am Ende immer Krieg" Francois Mitterrand.
Ein_denkender_Querulant 03.08.2018
3. Ausverkauf des Westens
Die Politik von Trump wird immer deutlicher. Der ehemaligen Westen schwächen und Russland stärken. Hoffentlich kommt der Untersuchungsausschuss von Müller bald zu belastbaren Ergebnissen über mögliche finanzielle Verstrickungen von Trump mit Russland. So langsam würde mich gar nichts mehr wundern.
Ekatus Atimoss 03.08.2018
4. Ein Verteidigungsbündnis...
..und eine Wertegemeinschaft? Sicher nicht für die Türkei, sonst wechselt man nicht so schnell die Verbündeten. Wie diese von der Türkei geschätzt werden, konnte man ja an mehreren Bundeswehr Beispielen sehen. Wenn sich Diktator Erdogan mal in Putin nicht verschätzt..
stefan.martens.75 03.08.2018
5. Die Türkei unter Erdogan ist längst weg
Es ist längst überfällig die notwendigen Konsequenzen aus der Entwicklung der letzten Jahre zu ziehen. Die Türkei unter Erdogan hat nichts in der Nato zu suchen und erst recht nichts in der EU. Es ist lange überfällig das dies endlich verdeutlicht wird. Danke Mr.Trump (der Dank bleibt mir trotzdem im Halse stecken) Ich hätte mir gewünscht die EU wäre hier Konsequenter gewesen.
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