"Friedensakademiker" in der Türkei Staatsfeind durch eine Unterschrift

Seit fast zwei Jahren sitzt der Kölner Sharo Garip in der Türkei fest, weil er zum Frieden mit den Kurden aufrief. Die türkische Justiz hält ihn und seine Kollegen für Terrorhelfer. Nun beginnen die ersten Prozesse.

Sharo Garip
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Sharo Garip

Von , Istanbul


Sharo Garip zögert, bevor er das Café im Istanbuler Stadtteil Cihangir betritt. Er blickt nach rechts und nach links, dreht sich um. Er will sichergehen, nicht verfolgt zu werden. "Natürlich habe ich Angst", sagt er. "Ich weiß schließlich nicht, wie weit der Staat noch geht."

Garip, 51 Jahre alt, war ein angesehener Akademiker in der Türkei. Er lehrte Soziologe an der Universität Van im Südosten des Landes, schrieb Bücher, nahm an Konferenzen teil. Im Januar 2016 unterzeichnete Kaya eine Petition von Wissenschaftlern für Frieden zwischen Türken und Kurden. Seither gilt er der Regierung als Staatsfeind.

Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete die Akademiker als Terrorhelfer. "Ihr, die sogenannten Intellektuellen, ihr seid die Dunkelheit selbst, keine Intellektuellen", höhnte er. Die türkischen Behörden eröffneten Ermittlungsverfahren gegen Garip und Hunderte seiner Kollegen wegen vermeintlicher Terrorpropaganda. Garip hat seinen Job verloren. Er darf das Land nicht verlassen. "Ich werde bestraft, lange bevor ein Urteil gefällt ist", sagt er.

Garip ist als Kurde in Zentralanatolien aufgewachsen. In den Neunzigerjahren floh er vor den Unruhen in seiner Heimat nach Deutschland. Er studierte Politologie in Köln, promovierte über ethnische Konflikte, nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. 2012 kehrte er in die Türkei zurück, um in Van Soziologie zu unterrichten.

Urheber der Petition weiterhin unbekannt

Die Türkei öffnete sich damals: Erdogan ging auf die Kurden zu, verhandelte mit der Terrororganisation PKK über einen Waffenstillstand. Garip wollte an dem Wandel teilhaben. Er regte seine Studenten dazu an, Vorurteile zu überwinden, selbstständig zu denken. "Ich hatte die Türkei lange Zeit aus der Ferne kritisiert", erzählt er. "Jetzt wollte ich mich vor Ort für den Frieden einsetzen."

Der türkisch-kurdische Frühling währte nicht lange. Erdogan fürchtete durch den Erfolg der prokurdischen Partei HDP um seine Macht. Er kehrte nach der Parlamentswahl im Juni 2015 zur Kriegspolitik der Achtziger- und Neunzigerjahre zurück. Die Regierung nahm ein Attentat kurdischer Terroristen auf türkische Polizisten zum Anlass, die Gespräche mit der PKK abzubrechen.

Garip sah mit an, wie das türkische Militär mehrheitlich kurdische Städte im Südosten des Landes attackierte, wie Zivilisten bei Gefechten zwischen Soldaten und PKK-Kämpfern zwischen die Fronten gerieten, wie Hunderttausende Menschen ihre Heimat verloren. Er zögerte nicht, die Friedenspetition zu unterschreiben.

Bis heute ist unklar, wer den Aufruf initiiert hat. Die Unterzeichner treten als "Akademiker für den Frieden" auf. Sie kritisieren in harschen Worten die "Vernichtungs- und Vertreibungspolitik" der türkischen Regierung ohne die Mitverantwortung der PKK zu thematisieren. "Wir, die Akademiker*innen und Wissenschaftler*innen dieses Landes werden nicht Teil dieses Verbrechens sein", erklären sie.

Zwei Jahre Ungewissheit

Garip bezeichnet die Petition heute selbst als "einseitig". Doch Bürger müssten in einer Demokratie eben auch das Recht haben, einseitig Stellung zu beziehen. Das Verfahren gegen die "Friedensakademiker", glaubt er, solle Kritiker der türkischen Kurdenpolitik einschüchtern.

Garip sagt, er sei überwältigt von der Solidarität, die er von der Zivilgesellschaft in der Türkei und in Deutschland erfahren habe, von Kolleginnen und Kollegen aus Köln, von Gewerkschaften, NGOs. Fremde Menschen schickten ihm Briefe, Bücher, Geld. Doch zugleich ist Garip schockiert, wie wenig die Bundesregierung tun kann oder will, um ihn aus der Türkei rauszubekommen. Der deutsche Botschafter in Ankara, Martin Erdmann, habe seinen Fall gegenüber der türkischen Regierung angesprochen, aber ihm irgendwann mitgeteilt: "Mein Pulver ist verschossen."

Nun sitzt Garip seit bald zwei Jahren in Istanbul fest und wartet, dass das Verfahren gegen ihn vorangeht. Die Justiz hat inzwischen Anklage gegen die "Friedensakademiker" erhoben, darunter gegen einige, die sich nach Deutschland abgesetzt haben. Am Dienstag beginnt gegen die ersten von ihnen der Prozess in Istanbul.

Garip wartet weiter auf einen Termin. Er versucht, die Zeit totzuschlagen, indem er durch Istanbul spaziert, Bücher liest. Er lebt von Sozialhilfe aus Deutschland. "Es ist zermürbend", sagt er. "Lieber würde ich ins Gefängnis gehen, als weiter diese Ungewissheit zu ertragen."

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