Türkei Verwundete in belagerter Stadt Cizre eingeschlossen

Mehr als 20 verwundete Menschen sind in der umkämpften türkischen Stadt Cizre in einem Haus eingeschlossen. Kurden und Menschenrechtler werfen der Armee unterlassene Hilfeleistung vor.

Barrikaden in Cizre (Archivbild): "Die Verwundeten sind zusammen mit den Toten auf engstem Raum eingeschlossen"
REUTERS

Barrikaden in Cizre (Archivbild): "Die Verwundeten sind zusammen mit den Toten auf engstem Raum eingeschlossen"


Die Lage in dem Keller ist dramatisch: Rund 20 Menschen sind seit 23. Januar in einem Haus in der südosttürkischen Stadt Cizre eingeschlossen. Zur Außenwelt hielten sie nur per Telefon Kontakt, inzwischen wurde auch diese Verbindung gekappt. Vier Menschen seien in dem Keller inzwischen verstorben, mindestens zwölf weitere sind schwer verletzt - das ist der Stand vom Donnerstagnachmittag.

Seitdem die Menschen am Samstag in den Keller flohen, warten sie auf medizinische Versorgung. Das Gebäude liegt unter schwerem Beschuss. Der Parlamentsabgeordnete der prokurdischen Oppositionspartei HDP, Faysal Sariyildiz, sagte der dpa, die Behörden hätten zwar einen Rettungseinsatz genehmigt, türkische Sicherheitskräfte hielten die Krankenwagen jedoch auf und drohten, die Helfer zu erschießen. "Die Verwundeten sind zusammen mit den Toten auf engstem Raum eingeschlossen", sagte Sariyildiz.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft Ankara unterlassene Hilfeleistung vor. "Die Weigerung der türkischen Behörden, die medizinische Versorgung zu gewährleisten, ist unverzeihlich", sagte Andrew Gardner, Türkei-Experte von Amnesty International. "Diese Operation zeigt eine gefühllose Missachtung menschlichen Lebens."

Die türkische Regierung widerspricht dieser Darstellung. Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoglu sagte in Ankara unter Berufung auf eine Mitarbeiterin vor Ort, Krankenwagen stünden rund um die Uhr bereit. Sie könnten jedoch nicht zu den Verletzten vordringen. Grund sei Beschuss durch Kämpfer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

In Cizre gilt seit Mitte Dezember eine Ausgangssperre. Die Regierung liefert sich dort schwere Gefechte mit der PKK-Jugendorganisation (YDG-H).

Im Juli 2015 war ein mehr als zwei Jahre anhaltender Waffenstillstand zwischen Regierung und PKK gescheitert. Seitdem eskaliert der Konflikt erneut. Die Armee geht seit Dezember in einer Offensive gegen die PKK in der Südosttürkei vor.

Nach Angaben der International Crisis Group wurden in dem Konflikt seit Juli mindestens 243 Sicherheitskräfte getötet. Die PKK habe zudem 257 getötete Kämpfer bestätigt.

syd/dpa



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