Nach Putschversuch Vier Deutsche noch immer in türkischer Haft

Nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei ging die Regierung auch gegen deutsche Staatsbürger vor. Neun Menschen wurden verhaftet, eine davon war die Linken-Politikerin Canli. Sie kam frei, von den anderen ist wenig bekannt.

Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan
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Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan

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Die Kieler Linken-Politikerin Yüksel Canli war in der Türkei im Urlaub, als sie festgenommen wurde. Polizisten drangen am Abend des 26. August in ihre Ferienwohnung in Edremit an der Ägäisküste ein.

Canli, 51, hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder für die Rechte von Kurden eingesetzt. Die türkischen Behörden warfen ihr vor, Terrorismus zu unterstützen. Canli leidet an Asthma und Diabetes. Sie saß eine Woche in der türkischen Stadt Baliksehir im Gefängnis - ohne ausreichende medizinische Versorgung. Erst nach fünf Tagen durfte sie einen Anwalt sehen. Inzwischen hat die Türkei das Verfahren eingestellt. Canli ist nach Kiel zurückgekehrt.

Andere Deutsche befinden sich dagegen nach wie vor in der Türkei in Haft. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken wurden nach dem Putschversuch in der Türkei vom 15. Juli insgesamt neun deutsche Staatsbürger verhaftet, fünf wurden mittlerweile wieder freigelassen - eine davon ist Canli. Sechs Deutschen wurde die Ausreise aus der Türkei untersagt, in drei Fällen ist die Sperre nach wie vor wirksam.

Wer diese Verhafteten sind, ist bislang nicht bekannt, auch nicht, was ihnen vorgeworfen wird. Es ist zu vermuten, dass sie sich entweder - wie Canli - für Kurden engagiert haben oder mit den Anhängern des islamischen Predigers Fethullah Gülen in Verbindung standen, den die türkische Regierung verdächtigt, den Staatsstreich orchestriert zu haben. (Einen ausführlichen Bericht über Gülen und seinen Einfluss lesen Sie hier.)

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es lediglich, man stehe mit Betroffenen in Kontakt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nach dem Putsch den Ausnahmezustand über sein Land verhängt. Er nutzt die Krise, um gegen Kritiker vorzugehen. Mehr als 100.000 Staatsbeamte wurden seit dem 15. Juli vom Dienst suspendiert, etwa 30.000 Menschen wurden verhaftet.

Vergangenen Sonntag hat die türkische Regierung in kurdischen Provinzen 28 Bürgermeister wegen des Vorwurfs der Terrorunterstützung durch Zwangsverwalter ersetzt. Fast alle der betroffenen Kommunen wurden von der pro-kurdischen Partei HDP regiert.

Der europapolitische Sprecher der Linken im Bundestag, Andrej Hunko, bezeichnet es als "skandalös", dass sich die Repressionen nun auch gegen deutsche Staatsbürger richten. "Es ist unfassbar, dass die Bundesregierung das Vorgehen der türkischen Behörden nicht verurteilt und an der Partnerschaft festhält. Sie macht sich mitschuldig."

insgesamt 29 Beiträge
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markus_wienken 12.09.2016
1.
Dass die Türkei nicht erst seit dem Putschversuch kein Rechtsstaat ist, sollte allgemein bekannt sein. Engagiert man sich (wie und wo auch immer) gegen die Vorstellungen des dortigen Machthabers eines solchen Staates, sollte man es tunlichst vermeiden dort auch noch seinen Urlaub zu verbringen. Ebenso sollte es ein Tibetaktivist vermeiden China zu bereisen. Beides fällt bei mir unter fahrlässiges bis grob fahrlässiges Verhalten.
Tolotos 12.09.2016
2. Für diese Kanzlerin von Erdogans Gnaden müssen anscheinend deutsche Untertanen leiden!
Vermutlich hört man so wenig davon, damit die Wähler nicht mitbekommen, dass die Bundesregierung sich damit abfindet, wie das Recht zulasten deutscher Bürger gebeugt wird, um Erdogan ruhig zu stellen! Bei Güllen ist die Türkei ja bisher wohl auch den Beweis schuldig geblieben, dass er hinter dem Staatsstreich steckt. Statt dessen hat Erdogan ja sogar zugegeben, der Staatsstreich ein Geschenk des Himmels ist, um seine Gegner zur Strecke zu bringen!
Ulrich Berger 12.09.2016
3. Mich wuerde sehr interessieren, ob
ob oder in wie weit die betroffenen Personen Doppestaatsbuergerschaften haben und also nur zu 50% Deutsche und zu den anderen 50% Tuerken sind. Dann naemlich wuerden die tuerkischen Behoerden diese Leute als Tuerken in der Tuerkei behandeln. Oder sehe ich das falsch?
ritterrippo 12.09.2016
4. Yüksel Canli
Ist in der Türkei geborene Türkin und Alevitin. Sie verfügt über eine doppelte Staatsbürgerschaft.
Atheist_Crusader 12.09.2016
5.
Eine ausdrpckliche Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gibt es (noch) nicht ür die Türkei. Bei den allgemeinen Sichtheitshinweisen findet sich allerdings der Passus: "*Es wird dringend davon abgeraten, in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen* bzw. Sympathie mit terroristischen Organisationen zu bekunden." Das sagt eigentlich alles darüber, mit was für einem Land man es zu tun hat. Wer dort noch Urlaub macht ist nicht nur selbst Schuld bezüglich allem was ihm da zustößt, sondern macht sich auch der Finanzierung von Erdogans Kriegstreiberei mitschuldig.
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