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Türkei vor den Wahlen: "Nur Erdogan gibt uns Stabilität"

Aus Kayseri berichtet

Anhängerinnen der Erdogan-Partei AKP: "Stabilität für die Türkei" Zur Großansicht
AFP

Anhängerinnen der Erdogan-Partei AKP: "Stabilität für die Türkei"

Der Krieg gegen die PKK spaltet das Land, die Wirtschaft schwächelt: In Zentralanatolien halten die Menschen trotzdem zu Präsident Erdogan. Bei der Wahl am Sonntag werden die meisten Türken wieder für seine AKP stimmen.

Man muss sich immer wieder die Ohren zuhalten, wenn man über den Markt von Kayseri schlendert. Alle paar Minuten fährt ein Auto mit auf dem Dach montierten Lautsprechern vorbei, aus denen aufgezeichnete Politikerreden oder Musik dröhnen. Wahlkampf ist extrem laut in der Türkei.

Am Sonntag wählt die Türkei ein neues Parlament und damit eine neue Regierung. Schon wieder, muss man sagen, denn die letzte Wahl liegt nicht einmal fünf Monate zurück. Am 7. Juni gewann die seit 2002 regierende AKP zwar erneut die meisten Stimmen, verlor aber ihre absolute Mehrheit. Koalitionsverhandlungen scheiterten, und so beschloss Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Neuwahlen.

Als Staatschef ist Erdogan zwar zu Neutralität verpflichtet, aber darum scherte er sich nicht, sondern warb offen für die AKP. "Am besten 400 Sitze" von insgesamt 550 Mandaten forderte er, also gleich eine verfassungsändernde Mehrheit, um ihm den Weg zu mehr Macht, zum Präsidialsystem zu ebnen. Doch der Traum zerplatzte am Wahltag: Die Partei verlor etwa neun Prozent und stürzte auf knapp 41 Prozent ab. Erdogan erklärte dazu, das Ergebnis sei ein "Fehler" gewesen, den die Türken nun "korrigieren" müssten.

"Koalitionen funktionieren in der Türkei nicht"

Ein AKP-Auto fährt durch die Innenstadt von Kayseri, darauf das Porträt von Premierminister Ahmet Davutoglu. Ein Lied scheppert aus einer Box, anschließend verspricht eine Stimme "Stabilität für die Türkei", wenn die Partei nur wieder alleine regieren darf. Das sieht auch Battal Tasyürek so. Seit 13 Jahren betreibt er direkt neben der zentralen Bürüngüz-Moschee einen kleinen Laden, in dem er Korane, religiöse Bücher, Gebetsketten und Parfüm verkauft. "Es wäre am besten und am sichersten, wenn die AKP alleine regiert", sagt er. "Ich weiß nicht, was sonst passiert." Koalitionen, betont er, würden in der Türkei nicht funktionieren. "Das hat noch nie geklappt."

Devotionalienhänder Tasyürek: "Die PKK muss bekämpft werden" Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Devotionalienhänder Tasyürek: "Die PKK muss bekämpft werden"

Rund 52 Prozent der Stimmen hat die AKP in der konservativ-religiösen Provinz Kayseri im Juni erhalten - deutlich weniger als sonst. Die meisten Stimmen verlor sie in ihrem Kernland an die nationalistische MHP. Tasyürek findet, das sei eine Warnung an die AKP gewesen, die zu weich, zu nachsichtig im Umgang mit der PKK gewesen sei in der Vergangenheit und die sogar Friedensgespräche angestoßen habe "mit denen, die keinen Frieden wollen". Man wolle in Frieden mit Kurden leben, brüderlich, aber die PKK müsse bekämpft werden.

Die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK hat das Land in den vergangenen Monaten wieder mit Terror überzogen. Allein aus Kayseri starben seit Juni sieben Soldaten bei Anschlägen. Für versöhnliche Gesten hat hier deshalb kaum jemand Verständnis, und das Bombardement der türkischen Luftwaffe von PKK-Stellungen im Nordirak sowie das energische Vorgehen der Armee in den überwiegend von Kurden bewohnten Landesteilen im Osten der Türkei sehen viele in Kayseri mit Genugtuung. Dass die PKK ihre Angriffe auf Soldaten und Polizisten als "Selbstverteidigung" gegen den Sicherheitsapparat rechtfertigt, der selbst auf die kurdische Bevölkerung schieße, empfinden Menschen wie Tasyürek als Hohn. "Die PKK will keinen Frieden!", sagt er.

"Eine andere, bessere Türkei"

Imbissbesitzer Kara: "Mit einer starken Regierung geht es bergauf" Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Imbissbesitzer Kara: "Mit einer starken Regierung geht es bergauf"

Auch Imbissbesitzer Orhan Kara, der sein Geschäft gleich neben Tasyürek betreibt, sieht das so. Er ist Kurde und betont, dass längst nicht alle Kurden hinter der PKK stünden. Auch er wünscht sich eine Alleinregierung der AKP. Alle anderen Parteien seien "unfähig". "Die AKP hat uns erlaubt, wieder unsere Sprachen zu sprechen. Es ist nicht mehr strafbar, kurdische Lieder zu singen, es gibt kurdische Abgeordnete." Sein siebenjähriger Sohn wachse "in einer ganz anderen, besseren Türkei auf" als er selbst, sagt der 35-Jährige.

Wichtig sei jetzt, dass die Menschen bald wieder zum Alltag zurückkehren könnten, sagt Kara. Mehrere Ladenbesitzer beklagen einen Rückgang der Geschäfte im Jahr 2015, wegen der andauernden Wahlsituation. Kayseri ist eine der wirtschaftlich stärksten Regionen der Türkei, bekannt vor allem für ihre Möbelindustrie. "Wenn wir eine starke Regierung haben, geht es wieder bergauf", sagt Kara. Andere beklagen, schon seit dem Frühjahr 2014 stagnierten die Umsätze und seien die Menschen verunsichert. Damals fanden die Kommunalwahlen statt, die Erdogan, zu der Zeit noch Premier, zu einer Abstimmung über sich erklärt hatte. Im August wurde dann ein neuer Präsident gewählt, Erdogan, dann die Parlaments- und Regierungswahl im Juni dieses Jahres, und nun schon wieder.

"Es könnte eine dritte Wahl geben"

Landesweite Umfragen sehen die AKP zwar wieder deutlich vorne, aber ebenso klar entfernt von der Alleinherrschaft wie im Juni. Die Zustimmung zu Erdogan sinkt kontinuierlich, laut US-Forschungsinstitut Pew von 62 Prozent vor zwei Jahren auf nur noch 39 Prozent.

Fraglich, ob sich der Wunsch vieler Geschäftsleute in Kayseri und andernorts nach einer baldigen starken Regierung am Sonntag erfüllt. Für den Fall, dass es nicht so kommt, hat Mehmet Ali Sahin, Mitgründer der AKP und früherer Vizepremier, schon eine Lösung parat: "Wenn sich das Ergebnis vom Juni wiederholt, könnte es eine dritte Wahl geben."

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
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1. Back to ... Past ...
flyer1915 29.10.2015
Tja, da kann man den Türken nur eine schöne Reise zurück in die Vergangenheit wünschen ...
2. Demokratieverständnis Null
Zentrus 29.10.2015
der Mann hat ja wohl ein Demokratieverständnis von NULL. Wenn es bislang noch nicht geklappt hat, sich mit Leuten zu verständigen, die eine etwas andere Meinung haben, dann wird es mal Zeit. Das ist doch zuhause, mit dem Nachbarn, Freunden, in der Familie, zwischen Staaten etc. auch nicht anders. Wieso sollte das in einer Regierung dann wohl nicht klappen. Der Grund wird sein: die APK will allein regieren um die Türkei weiter in islamische Traditionen zurückzubringen. Ich hoffe, die Bevölkerung spielt hier nicht mit und zwingt sie zu einer Koalition.
3. Gut so!
picassoundich 29.10.2015
Und auch noch die nächsten 300 Jahre das Atatürk Bild in jedem Büro, öffentlichen Gebäude und den meisten Wohnzimmern. Türkei stand, steht und dreht sich im Kreis. Gut so, für die EU. Ansonsten wären sie einmal wirklich reif für einen Beitritt.
4. Na das die Damen
oneil57 29.10.2015
den Sultan wählen ist schon klar, wahrscheinlich hat der Vater und die Brüder denen das eingetrichtert. Aber jeder verdient was er wählt und Mutter Merkel wirds freuen.
5. richtig
seiitso 29.10.2015
Zitat von Zentrusder Mann hat ja wohl ein Demokratieverständnis von NULL. Wenn es bislang noch nicht geklappt hat, sich mit Leuten zu verständigen, die eine etwas andere Meinung haben, dann wird es mal Zeit. Das ist doch zuhause, mit dem Nachbarn, Freunden, in der Familie, zwischen Staaten etc. auch nicht anders. Wieso sollte das in einer Regierung dann wohl nicht klappen. Der Grund wird sein: die APK will allein regieren um die Türkei weiter in islamische Traditionen zurückzubringen. Ich hoffe, die Bevölkerung spielt hier nicht mit und zwingt sie zu einer Koalition.
und unsere verfassungswidrig Agierende geht in den Palast und spielt Hoppe-Hoppe-Reiter....
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Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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