Muharrem Ince will türkischer Präsident werden Der Anti-Erdogan

Muharrem Inces fulminanter Wahlkampf hat Anhänger wie Gegner in der Türkei überrascht. Reicht das, um Präsident Erdogan am 24. Juni zu schlagen? Für den Fall eines Sieges schmiedet er radikale Pläne.

DPA

Aus Yalova berichtet


Sie sind aus dem ganzen Land angereist - aus Istanbul und vom Schwarzen Meer, aus Izmir und dem Südosten der Türkei. Sie haben Stunden in der Hitze ausgeharrt, nur um ihn zu sehen: Als Muharrem Ince, der Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Volkspartei (CHP), an einem Juniabend in seiner Heimatstadt Yalova, zwei Autostunden östlich von Istanbul, schließlich auf die Bühne tritt, bricht unter den Zuschauern auf dem "Platz der Republik" minutenlanger Jubel aus.

Ince greift nach dem Mikrofon. "Hier in Yalova hat alles angefangen!", ruft er. "Nun werden wir gemeinsam den nächsten Schritt gehen. Wir werden die Demokratie in der Türkei wiederherstellen." "Präsident Muharrem!", skandieren seine Anhänger. Und: "Türkiye! Türkiye!"

Als Präsident Recep Tayyip Erdogan im April Neuwahlen für den 24. Juni ausrief, glaubten die allermeisten Menschen in der Türkei, das Ergebnis schon zu kennen. Erdogan, so die allgemeine Annahme, würde mit großem Abstand gewinnen, so wie bei allen Wahlen seit 2002. Seither aber ist Erstaunliches passiert: Erdogans Vorsprung schrumpft, die Opposition ist im Aufwind. Und selbst das Undenkbare scheint plötzlich denkbar: Dass Erdogan verliert - oder sich zumindest einer Stichwahl um die Präsidentschaft stellen muss.

CHP-Kandidat Ince hat einen großen Anteil daran, dass der Ausgang der Abstimmung so offen ist wie seit Jahren nicht mehr. Seine Partei war Erdogans AKP lange Zeit hoffnungslos unterlegen. Sie galt als elitär, religionsfeindlich, reaktionär. Ince ist es gelungen, dieses Image zu korrigieren.

In den Medien wird die Opposition totgeschwiegen

Der 54-Jährige sitzt seit 2002 für die CHP im Parlament. Er war Fraktionschef und bewarb sich vergeblich um den Posten als Parteichef. Einem breiten Publikum in der Türkei wurde er erst bekannt, als ihn die CHP überraschend als Präsidentschaftskandidaten aufstellte.

Die türkischen Massenmedien schweigen die Opposition weitgehend tot, doch Ince hat es geschafft, trotzdem auf sich aufmerksam zu machen. Er hat in den vergangenen Wochen mehr als doppelt so viele Auftritte absolviert wie Erdogan. Zum ersten Mal seit Erdogans Amtsantritt gibt die Opposition die Themen vor und nicht die Regierungspartei.

In dem Dorf Elmalik, wenige Kilometer vom Zentrum von Yalova entfernt, sind die Straßen mit Türkei-Fahnen geschmückt. Porträts von Ince hängen von den Häuserwänden. Ince ist in Elmalik als Sohn eines Lastwagenfahrers aufgewachsen. Er hat als Physiklehrer gearbeitet, bevor er in die Politik ging. Seiner Heimat ist er bis heute verbunden geblieben.

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Ince inszeniert sich als Anti-Erdogan: Er lebt gemeinsam mit seiner Frau in einem Einfamilienhaus in Elmalik - und nicht wie Erdogan in einem Palast mit 1000 Zimmern. Er hat angekündigt, den Regierungspalast in eine Universität umzuwandeln, sollte er die Wahl gewinnen. Die AKP versucht, Ince als abgehobenen Kemalisten darzustellen. Doch die Strategie zieht nicht. Ince gibt sich betont volksnah. Er geht zum Freitagsgebet in die Moschee. Seine Leute verbreiten Fotos, die ihn beim Volkstanz oder auf einem Traktor zeigen.

"Muharrem ist einer von uns", sagen die Männer, die auf dem Marktplatz von Elmalik in einem Teehaus sitzen. "Er macht kein Aufhebens um sich. Wenn er ins Dorf kommt, dann ist alles wie früher, als er noch nicht berühmt war."

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Muharrem Ince: Der Mann, der Erdogan gefährlich werden könnte

Ince setzt darauf, dass die Menschen in der Türkei die Polarisierung leid sind. "Wenn ich Präsident bin, wird es kein 'sie' und 'ich' mehr geben", verspricht er auf der Bühne in Yalova. Sondern nur noch ein "wir". Ince hat angekündigt, das umstrittene Präsidialsystem abzuschaffen und zur parlamentarischen Demokratie zurückzukehren. Er will der Justiz ihre Unabhängigkeit zurückgeben und den Mindestlohn erhöhen.

Die Zielgruppe: Frustrierte AKP-Wähler und Kurden

"Ich wusste, dass Ince ein starker Redner ist", sagt der Istanbuler Autor und Journalist Mirgün Cabas. "Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass er seine Kampagne derart souverän durchziehen würde."

Im direkten Vergleich liegt Ince in der Popularität nach wie vor deutlich hinter Erdogan. Er hofft, den Präsidenten in eine Stichwahl am 8. Juli zwingen zu können. Die CHP ist ein Bündnis mit der neu gegründeten, rechtsnationalen IYI-Partei der früheren Innenministerin Meral Aksener und der islamischen Saadet-Partei eingegangen. Beide würden ihn wohl in einer zweiten Runde gegen Erdogan unterstützen.

Die Stimmen von CHP, IYI und Saadet allein reichen jedoch nicht, um die Wahl zu gewinnen. Ince muss frustrierte AKP-Wähler ebenso auf seine Seite ziehen wie die Kurden, die der CHP bis heute misstrauen. Ince ist mehrmals im mehrheitlich kurdischen Südosten der Türkei aufgetreten und hat Selahattin Demirtas, den Präsidentschaftskandidaten der linken, prokurdischen Partei HDP im Gefängnis besucht. Seine Leute sind überzeugt, dass eine Stichwahl weitere Wähler mobilisieren würde. "Wenn wir es in die zweite Runde schaffen", sagt ein CHP-Politiker, "ist alles möglich".

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Neophyte 21.06.2018
1. Das wäre zu schön um wahr zu sein
In der Ära der autokratischen Populisten ein Lichtblick, also bin ich leider pessimistisch das es passieren wird. Die Menschen in der Türkei sind wohl noch nicht so weit, wohl noch weniger die Türken in Deutschland, wie vorherige Wahlen gezeigt haben. Demokratie ist eben ein komplexes Gebilde, dass eine gewisse Reife der Gesellschaft voraussetzt.
ford.prefect 21.06.2018
2. Hoffnung
Das klingt nach Hoffnung für die Türkei. Die Kurden täten vermutlich gut daran, ihn zu unterstützen und danach in einer wieder demokratischeren Türkei politisch für mehr Autonomie, beispielsweise durch föderale Strukturen, zu werben. Das wäre auf Sicht auch das Ende der PKK.
HerrPeterlein 21.06.2018
3. Letzte Chance
Eigentlich müssten alle gegen Erdogan wählen, solange sie es noch können. Selbst wenn man sagt er hat am Anfang dem Land Erfolge gebracht, diese bleiben jetzt immer mehr aus, die Versuche/Pläne gehen langsam in die Verzweifelung über. Mit 64 Jahren ist ein guter Zeitpunkt das sich jemand aus der Politik zurück zieht, die Geschichte zeigte das es danach sehr oft nur noch schlecht für das Land und die Person war.
dachhase 21.06.2018
4. Dann ist alles möglich?
Natürlich! Dann lässt Erdogan eben putschen. Er kann es sich doch vermutlich gar nicht leisten, einer unabhängigen Justiz gegenüber zu treten. Bis in der Türkei wieder Demokratie gelebt wird, werden Jahrzehnte vergehen. Und noch ein Tip: ja nicht auf den Westen verlassen. Da gibt's keine Hilfe.
chrismuc2011 21.06.2018
5.
Ich befürchte, dass in der archaischen Landbevölkerung die Sehnsucht nach einem starken Mann und Führer zu ausgeprägt sind. Wenn man sie Interviews der Türken in Deutschland liest, kann es einem kalt den Rücken runterlaufen.
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