Wahl in der Türkei Er wollte so heißen wie Erdogan - nun tritt er für ihn an

Für viele Migranten aus Syrien ist der türkische Präsident Erdogan ein Held. Einer von ihnen kandidiert bei den Wahlen für die Regierungspartei AKP. Den Namen seines Idols trägt er bereits.

REUTERS

Aus Bursa berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Muhammed Sheikhuni hatte nie vor, in die Politik zu gehen. Er kam vor zehn Jahren als junger Mann aus Syrien in die Türkei, um Geld zu verdienen. Er gründete ein Reisebüro und eine Baufirma. Doch dann brach in seinem Heimatland der Krieg aus.

Sheikhuni musste mitansehen, wie Hunderttausende seiner Landsleute ums Leben kamen und Millionen ihr Zuhause verloren. Etliche Staaten in Europa hätten Syrien im Stich gelassen, hätten ihre Grenzen gegen Flüchtlinge abgeschottet, sagt er: "Nicht so die Türkei." In der Türkei fanden seit Kriegsbeginn 2011 etwa 3,5 Millionen Syrer Zuflucht - mehr als in jedem anderen Land.

Seither hat Sheikhuni das Gefühl, dass er seiner neuen Heimat und ihrem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan etwas schuldet. Er hat die türkische Staatsbürgerschaft angenommen und sich umbenannt in Muhammed Erdogan. Bei den Wahlen am 24. Juni tritt er für die Regierungspartei AKP als Parlamentskandidat an. "Ich will dazu beitragen, dass Erdogan als Präsident wiedergewählt wird", sagt er.

Wie Muhammed Erdogan geht es vielen Migranten aus Syrien in der Türkei. Für sie ist Präsident Erdogan weniger der Autokrat, der Gegner verhaften lässt und die Medien zensiert. Für sie ist er in erster Linie ein Mann, der ihnen Schutz gewährt.

Recep Tayyip Erdogan inszeniert sich in der Flüchtlingskrise als Patron der Muslime. Er nennt die Syrer "meine Brüder und Schwestern". Seine Regierung hat nach eigenen Angaben 25 Milliarden Euro für Flüchtlinge ausgegeben. 55.000 Syrer haben die türkische Staatsbürgerschaft erhalten.

"Enkel der Osmanen"

AKP-Politiker Muhammed Erdogan, 35 Jahre alt, sitzt in seinem Büro im Industriegebiet von Bursa, einer Stadt am Marmarameer, 150 Kilometer südlich von Istanbul.

An der Wand hängt Kunst aus Syrien neben einem Porträt des türkischen Staatsgründers Atatürk. Erdogan wirkt wie für eine Kampagne der AKP gecastet: Er trägt Anzug, fastet im Ramadan. Er sagt von sich selbst, er sei ein "Enkel der Osmanen".

Im Wahlkampf zieht Muhammed Erdogan in Bursa von Haus zu Haus. Er stellt sich in Teehäusern und Vereinsheimen vor und nimmt am Fastenbrechen teil. Er will, dass sich die Menschen an einen Parlamentskandidaten, der aus Syrien stammt und nur gebrochen Türkisch spricht, gewöhnen. Die AKP hat ihn auf Platz 9 im Wahlbezirk Bursa 1 nominiert. Es ist unwahrscheinlich, dass Erdogan es tatsächlich ins Parlament schafft. Ihm geht es vor allem darum, ein Zeichen zu setzen: "Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat. Bürger syrischer Herkunft gehören dazu", sagt er.

Fotostrecke

5  Bilder
Türkei: Mit Blumen auf Wählerjagd

Muhammed Erdogan spürt, dass in der türkischen Gesellschaft etwas ins Rutschen gerät. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien haben die Menschen in der Türkei Syrer mit offenen Armen empfangen. Zwar kam es auch in der Türkei zu Auseinandersetzungen zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Neuankömmlingen, aber seltener als etwa in Deutschland, wo Rassisten immer wieder Asylbewerberheime in Brand setzen. In den vergangenen Monaten jedoch wachsen die Ressentiments.

Die Wirtschaftslage hat sich verschlechtert. Viele Türken betrachten Migranten als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Gegenüber Forschern der liberalen US-Denkfabrik Center for American Progress beanstandeten im Februar acht von zehn Befragten, die Regierung in Ankara gebe zu viel Geld für Geflüchtete aus. Gewaltsame Konflikte zwischen Syrern und Türken haben sich laut einer Studie der NGO International Crisis Group im zweiten Halbjahr 2017 verdreifacht.

Fotostrecke

10  Bilder
Türkei: Erdogans Bilanz in 10 Grafiken

Präsident Erdogan hat inzwischen selbst eine Kehrtwende in der Migrationspolitik vollzogen - auch auf Druck der Europäer, die beständig mehr Abschottung fordern. Er hat an der Grenze zu Syrien eine Mauer errichten lassen, die es Flüchtlingen inzwischen beinahe unmöglich macht, dem Krieg zu entfliehen. AKP-Politiker sprechen immer öfter davon, Syrer zurück in ihre Heimat zu schicken.

Stimmungsmache gegen Geflüchtete

Der Opposition geht das nicht weit genug. Sie hat Migration als Wahlkampfthema erkannt. Die neu gegründete, nationalistische Iyi-Partei der früheren Innenministerin Meral Aksener betreibt gezielt Stimmungsmache gegen Geflüchtete. Die Lebensqualität der Türken hätte wegen der Syrer im Land dramatisch abgenommen, behauptet sie.

Auch der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei, Kemal Kilicdaroglu, spricht sich für eine verschärfte Abschiebepolitik aus: "Geht in euer eigenes Land", sagt er an die Syrer gerichtet. "Eure Mütter, eure Väter, eure Fahne ist dort." Lediglich die linke, prokurdische HDP wirbt dezidiert für eine progressive, liberale Flüchtlingspolitik.

Muhammed Erdogan sagt, er engagiere sich auch deshalb in der AKP, weil diese trotz mancher Verschärfungen noch immer einen flüchtlingsfreundlicheren Kurs verfolge als die meisten Oppositionsparteien. "In der Türkei leben Millionen Syrer", sagt er. "Diese Leute brauchen eine Stimme."


Zusammengefasst: Millionen Syrer leben in der Türkei, viele, ja die meisten, stehen hinter Präsident Erdogan. Ihr Tenor: Während andere Länder Flüchtlinge abweisen, habe seines die Hilfesuchenden aufgenommen. Doch inzwischen gibt es einen Stimmungswandel in der Türkei, die Ressentiments gegen Flüchtlinge wachsen, rechte Oppositionsparteien spielen mit gefährlichen Vorurteilen.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.