Stimmung in der Türkei vor den Wahlen Ein gespaltenes Land - und neue Hoffnung

Die eine Hälfte der Türken verehrt Präsident Erdogan wie einen Heilsbringer, die andere hält ihn für einen Despoten. Was erwarten die Menschen von der Wahl am Sonntag? Fünf Stimmen.

Erdogan-Wahlplakat in Istanbul
SRDJAN SUKI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Erdogan-Wahlplakat in Istanbul

Von Eren Caylan und , Istanbul


Wer in diesen Tagen mit Wählern in der Türkei spricht, der kann leicht glauben, diese würden auf verschiedenen Planeten leben: Die Türkei ist seit jeher gespalten in Anhänger und Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Doch unmittelbar vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am Sonntag hat sich diese Polarisierung noch einmal verschärft.

Die eine Hälfte der Gesellschaft verehrt Erdogan wie einen Heilsbringer, die andere hält ihn für einen Despoten. Beide Lager sind sich einig, dass das Land am 24. Juni vor einer historischen Wahl steht.

Hier verraten fünf Menschen aus der Türkei, was sie von der Abstimmung am Sonntag erwarten.


Sezer Yanik, 25, Taxifahrer

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Als Erdogan zum ersten Mal zum Regierungschef gewählt wurde, war ich gerade einmal neun Jahre alt. Seither ist er an der Macht. Ich kann mich nicht erinnern, wie es vorher war. Will ich auch nicht. Erdogan ist mein Präsident. Und das soll auch so bleiben. Ich werde für ihn stimmen - wie bei jeder Wahl. Er hat so viel für unser Land geleistet. Unsere Wirtschaft ist stark, aber sie muss noch stärker werden. Und das geht nur mit Erdogan. Als Taxifahrer habe ich vor fünf Jahren 500 Lira am Tag verdient, jetzt sind es 800 Lira. Ja, im Moment ist die Lira schwach. Aber das liegt nicht an Erdogan. Es sind ausländische Mächte, die die Türkei herausfordern. Sie wollen die Regierung stürzen. Wir haben das schon einmal in Griechenland erlebt. Aber das türkische Volk, wird das nicht zulassen. Ich bin mir sicher, dass Erdogan am Sonntag mindestens 60 Prozent holt.


Suat Genc, 60, Reiseführerin

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Die Türkei wurde lange genug von einem Mann regiert. Es ist Zeit, dass mit Meral Aksener eine Frau an die Macht kommt. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es der Türkei unter Erdogan gut geht. Ich arbeite in der Tourismusbranche, wir bekommen die Probleme jeden Tag zu spüren. Gäste aus Europa bleiben aus. Wir haben vier Millionen Syrer aufgenommen, das belastet unsere Wirtschaft zusätzlich. Ich möchte, dass diese Menschen in ihre Heimat zurückkehren. Erdogan hat ein Ein-Mann-Regime etabliert. Im Irak oder in Syrien sieht man, dass das auf Dauer nicht gut geht. Meral Aksener ist eine ehrliche Politikerin. Sie wird die Demokratie in der Türkei wiederherstellen.


Nur Selcuk, 60, Bankkauffrau

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Ich wähle Erdogan, seit er 2002 zum ersten Mal als Premier angetreten ist. Und ich werde das auch diesmal tun. Es gibt auf der Welt keinen Politiker mit einem vergleichbaren Charisma. Er ist erfahren, selbstbewusst. Es geht der Türkei heute sehr viel besser als vor seiner Amtszeit. Gerade bauen wir in Istanbul einen neuen Flughafen, einen zweiten Bosporus. Deutschland blickt voller Neid auf uns. Erdogan hat einen einzigen Fehler gemacht: Er hat die Gülenisten zu lange gewähren lassen. Aber er hat diesen Fehler eingeräumt. Und jetzt ist er der Einzige, der sie im Schach halten kann.


Ali Ihsan Yildiz, 37, Friseur

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Erdogan hat das Land verscherbelt. Er hat unsere Fabriken an ausländische Investoren verkauft. Unsere Landwirtschaft existiert praktisch nicht mehr. Überall wird gebaut, aber die Menschen haben keine Arbeit. Es tut mir weh, mitanzusehen, in was für einem Land meine Kinder aufwachsen. Meine Familie ist verschuldet, obwohl ich jeden Tag schufte. Und so geht es ganz vielen Menschen in der Türkei. Schauen Sie in die Gesichter der Passanten auf der Straße. Sie sind voller Angst um ihre Zukunft, wissen nicht, wie sie überleben sollen. Wir brauchen nach 16 Jahren Erdogan einen Wandel. Und ich bin überzeugt, dass Muharrem Ince genau diesen Wandel ermöglichen kann. Die CHP hatte lange keinen so starken Kandidaten mehr. Wenn es diesmal nicht mit dem Regierungswechsel klappt, dann habe ich genug, dann wandere ich mit meiner Familie aus - so, wie viele unserer Bekannten das bereits getan haben.


Elif Özdemir, 30, Doktorandin

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Die Türkei ist gespalten. Erdogan macht sich nicht einmal mehr die Mühe zu versuchen, seine Gegner in irgendeiner Weise miteinzubeziehen. Er bekämpft sie nur noch. Es macht mir Angst, in einem Land zu leben, in dem für abweichende Meinungen kein Platz mehr ist. Ich unterstütze bei der Wahl Selhattin Demirtas, den Kandidaten der HDP, da ich hoffe, dass er den Niedergang der Demokratie in der Türkei aufhalten kann. Ich habe jedoch große Sorge, dass diese Wahl nicht frei und fair ablaufen wird. Man sieht am Beispiel Russlands, wie sehr einzelne Politiker Menschen manipulieren können, wenn sie nur genügend Macht haben. Sollte es Demirtas bei den Präsidentschaftswahlen nicht in die zweite Runde schaffen, wovon ich leider ausgehe, werde ich trotzdem den Kandidaten der Opposition unterstützen - notfalls auch die Rechtspopulistin Meral Aksener. Alles ist besser als Erdogan.

Video-Einschätzung vor der Türkei-Wahl: "Das Rennen ist offen"

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