Wahlen in der Türkei Erdogan knapp über 50 Prozent - Opposition zweifelt an Zahlen

Ein Großteil der Stimmen in der Türkei ist laut staatlichen Medien ausgezählt, Präsident Erdogan liegt vorn. Doch es gibt auch Berichte über Manipulationen.

REUTERS/Kayhan Ozer/Presidential Palace


Dieser Text wird laufend aktualisiert.


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan liegt laut veröffentlichten Teilergebnissen bei der Präsidentschaftswahl vorn. Aber sein Vorsprung schrumpft. Der Kandidat der islamisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) kam nach Auszählung von mehr als 95 Prozent der Stimmen auf 52,7 Prozent, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet.

Erdogans größter Herausforderer, Muharrem Ince von der Oppositionspartei CHP, lag demnach mit 30,7 Prozent auf dem zweiten Platz. Sollte Erdogan die absolute Mehrheit verlieren und weniger als 50 Prozent der Stimmen erhalten, müsste er am 8. Juli gegen den Zweitplatzierten in die Stichwahl.

Hinter Erdogan und Ince kommt der inhaftierte Kandidat der prokurdischen HDP, Selahattin Demirtas, mit 8 Prozent auf Rang drei. Die Kandidatin der rechtsnationalistischen IYI-Partei, Meral Aksener, liegt bei 7,4 Prozent.

Allerdings gibt es Zweifel an den offiziellen Angaben. Erdogans Kontrahent Ince wandte sich auf Twitter an die Wahlbeobachter. Laut der Bundeswahlbehörde seien erst 37 Prozent der Stimmen ausgezählt (zu diesem Zeitpunkt hatte Anadolu bereits von 85 Prozent ausgezählter Stimmen berichtet). "Bitte verlasst die Wahlurnen nicht." Dahinter verbirgt sich offenbar die Sorge, die Regierung könnte mit voreiligen Zwischenständen dafür sorgen wollen, dass die Auszählung nicht bis zum Ende überwacht wird.

Zahlen sind noch nicht aussagekräftig

Bei den über die türkischen Medien vermeldeten Zahlen handelt es sich um keine - normalerweise bereits recht präzisen - Hochrechnungen, so wie deutsche Wähler sie unmittelbar nach Ausgang der Bundestagswahlen kennen. Deshalb verändern sich die Ergebnisse im Laufe des Abends deutlich.

Bei früheren Wahlen startete Erdogans Lager bei Anadolu stets mit großem Vorsprung, der dann kleiner wurde. Dieser Trend lässt sich auch aktuell beobachten. Der ersten Anadolu-Meldung beim Stand von 20,73 Prozent an ausgezählten Stimmen zufolge hatte Erdogan noch bei 59,3 Prozent gelegen. Anadolu ist die einzige offizielle Quelle für Teilergebnisse.

Der Sprecher der Republikanischen Volkspartei (CHP), Bülent Tezcan, kritisierte die staatlichen Medien am Sonntagabend für ihre Berichterstattung. Sie diene dazu, die Öffentlichkeit über das tatsächliche Wahlergebnis zu täuschen.

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Abstimmung in der Türkei: Wahl der 60 Millionen

Parlamentswahl: AKP liegt vorn

Bei der Parlamentswahl waren am Abend mehr als 95 Prozent der Stimmen ausgezählt. Nach diesen Teilergebnissen lag Erdogans islamisch-konservative AKP mit 42,5 Prozent der Stimmen vorn. Auf Platz zwei kam demnach das Oppositionsbündnis aus Mitte-Links-Partei CHP und IYI mit 32,8 Prozent.

Die prokurdische HDP würde den aktuellen Teilergebnissen zufolge mit 11,1 Prozent knapp die Zehn-Prozent-Hürde überspringen. Auch hier schrumpft das AKP-Lager, während die Oppositionsparteien wie die HDP im Verlauf des Abends zulegen, je mehr Stimmen ausgezählt sind.

Verliert die rechtsnationale MHP nicht noch (derzeit 11,2 Prozent), hätte das Bündnis aus AKP und MHP selbst dann eine Mehrheit im Parlament, wenn die HDP den Sprung über die Zehn-Prozent-Hürde schafft.

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Kandidaten gegen Erdogan: Der Präsident und die Herausforderer

Opposition sieht Hinweise auf Manipulationen

Die Präsidentschafts- und Parlamentswahl am Sonntag wurde im Südosten des Landes von Berichten über Unregelmäßigkeiten überschattet. Die Opposition meldete insbesondere aus der Provinz Sanliurfa Hinweise auf Manipulationen. Vereinzelt gab es Berichte über gewaltsame Auseinandersetzungen.

Erdogan-Herausforderer Ince, der einen fulminanten Wahlkampf geführt hatte, rief seine Anhänger nach Schließung der Wahllokale dazu auf, sich nicht von zunächst oftmals hohen Teilergebnissen von Anadolu für Erdogan "in die Irre führen" zu lassen. Experten bemängelten, dass dadurch Wahlbeobachter der Opposition bei der Auszählung der Stimmen entmutigt würden und womöglich frühzeitig nach Hause gingen. Ince forderte Wahlbeobachter dazu auf, unbedingt bis zum Vorliegen der unterschriebenen Ergebnisprotokolle an den Urnen zu bleiben.

Ursprünglich galt ein Verbot für Medien, Ergebnisse vor 20 Uhr MESZ (21 Uhr Ortszeit) zu veröffentlichen. Die Wahlkommission verkürzte diese Frist auf 17.45 Uhr MESZ (18.45 Uhr Ortszeit). Die Wahllokale schlossen um 16 Uhr (17 Uhr Ortszeit).

Wahlberechtigt waren knapp 60 Millionen Türken. Mehr als drei Millionen davon leben im Ausland, wo die Abstimmung bis zum vergangenen Dienstag möglich war. Wähler aus dem Ausland konnten aber auch am Sonntag noch an Grenzübergängen, Häfen und Flughäfen der Türkei wählen.

Video: Knappes Ergebnis erwartet

picture alliance/ abaca

gru/kev/AFP/dpa

insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
Rio Sonnenschein 24.06.2018
1.
Wurde eigentlich wieder elektronisch abgestimmt und gab es wieder ominöse Stromausfälle?
Das dazu 24.06.2018
2. War doch klar
Der Außenminister der Türkei hat das doch vorrausgesagt in einem Interview. Dann verbesserte er sich schnell, das sei doch der Wille der Wähler, der werde respektiert. Blödsinn, abgekarterte Sache, ganz klar.
nelson76 24.06.2018
3. Ja genau...
war ja zu erwarten gewesen. Ob es alles rechtens ist...ich habe meine Zweifel daran abet dies kann und sollte mir im Endeffekt egal sein. Muß nicht mit dem Ergebnis leben. Zum Glück meine ich auch.
jizzyb 24.06.2018
4. Natürlich ist er vorn
Er hat doch die Wahlergebnisse vorher selbst per Dekret festgelegt /Ironie off. Ein Arbeitskollege von mir stammt aus der Türkei. Schon bei der letzten Wahl berichtete er mir, dass die Ergebnisse aus seinem Wahlkreis nicht korrekt sein konnten, er stammt aus einem Kurdengebiet, wo Erdogan so gut wie keine Anhänger hat - aber die gemeldeten Ergebnisse waren immer mit eine Mehrheit für Erdogan. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.
erzengel1987 24.06.2018
5. hat jemand etwas anderes erwartet?
Es ist traurig... Aber die Türken wollen diesen starken Mann. Sie wollen in einer unfreien Diktatur leben und die werden sie nun bekommen. Mein Mitleid hält sich in Grenzen... wir hatten die Phase ja ebenfalls. Warum sie sich dafür entscheiden keine Ahnung. Jedenfalls wird das das ende der türkischen Demokratie darstellen. Die türkische Machtergreifung. Mich wundert nur dass es immer noch genug Menschen gibt die denken dass sei gut.
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