Geheimdienste Warum Frankreich die Warnungen der Türkei ignorierte

Zweimal warnte der türkische Geheimdienst vor einem der Pariser Attentäter. Doch die Franzosen reagierten nicht. Der Grund für das Misstrauen ist ein Vorfall, der drei Jahre zurückliegt.

Von , Istanbul

Französische Soldaten auf Patrouille in Paris: Die Türkei warnte vergeblich
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Französische Soldaten auf Patrouille in Paris: Die Türkei warnte vergeblich


Hätten die französischen Sicherheitsbehörden einen der Terroristen von Paris schnappen können, wenn sie Informationen des türkischen Geheimdienstes MIT nachgegangen wären?

Das jedenfalls behaupten türkische Experten. Es geht um Ismaël Omar Mostefaï, der als einer der Selbstmordattentäter im Konzertsaal Bataclan identifiziert wurde. Demnach habe der MIT die Franzosen zweimal über den Aufenthaltsort von Mostefaï informiert, im Dezember 2014 und im Juni 2015. Doch beide Male hätten die französischen Behörden nicht reagiert.

Frankreich habe die türkische Regierung im vergangenen Jahr um Informationen über vier französische Staatsbürger gebeten, die unter Terrorverdacht standen und sich vermutlich in der Türkei aufhielten. "Bei der Überprüfung dieser Leute stießen wir auf Mostefaï", sagt ein mit der Angelegenheit Vertrauter, der namentlich nicht genannt werden will. "Wir hielten ihn für ebenso verdächtig wie die vier anderen. Aber er stand nicht auf der Liste derer, für die sich die Franzosen interessierten. Trotzdem gaben wir die Informationen über ihn weiter."

Der 29-jährige Mostefaï aus Courcouronnes, südlich von Paris, war in der Vergangenheit mehrfach durch Kleinkriminalität aufgefallen, hatte sich an Bandenkriegen beteiligt und war in Schlägereien verwickelt. Achtmal hatten ihn Gerichte deswegen zwischen 2004 und 2010 verurteilt, das Gefängnis blieb ihm jedes Mal erspart.

Dann interessierte er sich vermehrt für den Islam und radikalisierte sich. Ab 2010 wurde Mostefaï vom französischen Geheimdienst beobachtet. Ende 2013 reiste er in die Türkei aus, womöglich hielt er sich zeitweise in Syrien auf. Wann genau er nach Frankreich zurückkehrte, bekamen die französischen Behörden nicht mit - trotz der türkischen Warnungen.

"Hätten sie unsere Information ernst genommen, hätten sie ihn vielleicht erwischt", heißt es nun in der Türkei. Man wolle "in diesen Zeiten der Trauer und des gemeinsamen Kampfes gegen Terroristen" zwar keine Beschuldigungen aussprechen. Aber klar sei, "dass das Vertrauensverhältnis zwischen westlichen Geheimdiensten und dem MIT verbesserungswürdig ist".

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"Wir sollten viel mehr Informationen austauschen und teilen"

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius erklärte kürzlich, er wisse nichts von den türkischen Warnungen über Mostefaï. "Was Informationen angeht, sollten wir wirklich viel mehr austauschen und teilen", sagte er.

Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen französischem Geheimdiensten und dem MIT zerrüttet. Ein türkischer Geheimdienstmitarbeiter sagt, man arbeite "auf sehr niedrigem Level bis gar nicht zusammen".

Grund für die schlechte Stimmung ist die Ermordung dreier Frauen im Januar 2013 in Paris. Die drei Kurdinnen waren erschossen worden, und die türkische Regierung lenkte die Ermittlungen der Franzosen schnell in eine Richtung: Es handle sich um eine "interne Abrechnung" innerhalb der kurdischen Miliz PKK.

Schon bald präsentierte die französische Polizei einen Verdächtigen: den 30-jährigen Ömer Güney. Er gab sich als Kurde aus, doch rasch stellte sich heraus, dass er log: Er war Türke und hatte Verbindungen zum türkischen Geheimdienst. Dafür, dass der MIT hinter der Ermordung der Frauen steckt, gibt es keine Beweise. Aber der Verdacht, sagen westliche Beamte, sei bis heute nicht ausgeräumt.

Auch in Deutschland läuft die Kooperation mit dem MIT auf Sparflamme, wie es aus Berliner Sicherheitskreisen heißt. Man beobachte "die Aktivitäten von MIT in Deutschland mit Sorge". So vermute man "5000 bis 6000 Mitarbeiter und Informanten" in Deutschland. Ihr Ziel sei es, "all jene, die die türkische Regierung als Feind erachtet, allen voran die PKK und die Gülen-Bewegung, auszukundschaften".

Im Dezember 2014 waren drei mutmaßliche MIT-Spione aufgrund eines Haftbefehls des Generalbundesanwalts festgenommen worden. Den zwei in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürgern und einem Deutschen mit Wurzeln in der Türkei war "geheimdienstliche Agententätigkeit" vorgeworfen worden. Bei einem der Angeklagten soll es sich um einen ehemaligen Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gehandelt haben. Überraschenderweise wurde das Verfahren diesen Monat gegen Geldzahlung eingestellt - vor allem wegen dünner Beweislage.

Das gegenseitige Misstrauen ist groß

Im August 2014 hatte ein Bericht des SPIEGEL für Aufregung gesorgt, wonach die Türkei, immerhin Nato-Partner, im Auftragsprofil des deutschen Geheimdienstes BND steht. Mit anderen Worten: Der BND spitzelte in der Türkei.

Das gegenseitige Misstrauen ist groß. Doch die Europäer sind auf Informationen aus der Türkei angewiesen: Nahezu sämtliche Dschihadisten, die nach Syrien und in den Irak in den Kampf ziehen, nutzen die Türkei als Transitland.

Dass die Türken durchaus wichtige Arbeit leisten, wurde vergangene Woche deutlich. So sollten offenbar am Freitag nicht nur in Paris, sondern auch in Istanbul Anschläge verübt werden. Diese seien aber rechtzeitig vereitelt worden, sagen türkische Sicherheitsleute. Man habe in der Stadt mehrere Menschen festgenommen, die dem Briten Mohammed Emwazi nahegestanden haben sollen. Emwazi ist bekannt als "Dschihadi John" und war in mehreren Enthauptungsvideos der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) als Henker zu sehen.

Vermutlich wurde Emwazi vergangene Woche bei einem Angriff der britischen und US-Luftwaffe auf die IS-Hochburg Rakka getötet. Die Informationen über den genauen Aufenthaltsort Emwazis, also die Koordinaten für den Luftschlag, soll der MIT geliefert haben.

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