Wegen Terrorverdacht Wieder Deutscher in der Türkei festgenommen

Seit Freitag befindet sich ein weiterer Deutscher in der Türkei in Haft: Adil Demirci, Sozialarbeiter aus Köln. Die Behörden werfen ihm nach SPIEGEL-Informationen vor, er sei Mitglied in einer Terrororganisation.

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Adil Demirci hatte sich nichts dabei gedacht, als er am 7. April gemeinsam mit seiner Mutter aus Köln in die Türkei flog. Seine Mutter leidet an Krebs. Ein paar Tage in Istanbul, so hoffte er, würden ihr gut tun.

Bei der Passkontrolle am Istanbuler Flughafen gab es keine Schwierigkeiten: Demirci reiste ein, ohne belangt zu werden. Mutter und Sohn kamen bei einem Verwandten im Istanbuler Stadtteil Kartal unter.

Am frühen Freitagmorgen vergangener Woche wurde die Familie von einem lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Polizisten mit Masken und Waffen stürmten die Wohnung. Sie durchwühlten Schubladen und Schränke, nahmen Demirci fest und brachten ihn auf die Polizeiwache in der Istanbuler Vatan Straße, in der in der Regel Terrorverdächtige festgehalten werden.

Es sei unklar, ob die Festnahme politisch motiviert gewesen sei

Zunächst war unklar, was genau Demirci vorgeworfen wird. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte in einer ersten Stellungnahme mit, mit der Familie in Kontakt zu sein, aber nicht zu wissen, ob die Festnahme politisch motiviert gewesen sei.

Am Montagabend schließlich wurde Demirci das erste Mal vernommen. Seine Anwältin sagte dem SPIEGEL, die Behörden bezichtigten ihren Mandanten, Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) zu sein, die vom türkischen Staat als Terrororganisationen eingestuft werde.

Demirci wird offenbar zur Last gelegt, dass er in den Jahren 2013, 2014 und 2015 an der Beerdigung von drei MLKP-Mitgliedern teilgenommen hat, die auf Seiten der kurdischen Miliz YPG in Syrien gekämpft hatten. Am Dienstag soll er gegenüber der Istanbuler Staatsanwaltschaft aussagen.

Demirci besitzt einen deutschen und einen türkischen Pass

Der Fall Demirci dürfte die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, die sich nach der Freilassung der Journalisten Mesale Tolu und Deniz Yücel sowie des Menschenrechtlers Peter Steudtner langsam wieder normalisiert hatten, erneut belasten.

Denn Demirci, 33 Jahre alt, besitzt, wie Yücel, neben dem türkischen auch einen deutschen Pass. Er hat als Berater für einen Verein in Nordrhein-Westfalen gearbeitet, der sich um Migranten kümmert, und nebenbei für die linke Nachrichtenagentur Etha, für die auch Mesale Tolu geschrieben hat. Tolu machte die Razzia, bei der zwei weitere Etha-Mitarbeiter festgesetzt wurden, am Freitag auf Twitter öffentlich.

Demirci wollte nach einer Woche Urlaub in der Türkei eigentlich am Samstag zurück nach Deutschland fliegen. Die Umstände seiner Festnahme deuten darauf hin, dass ihn die türkischen Behörden erst seit Kurzem beobachteten. Demirci ist in Istanbul nicht gemeldet, die Polizei muss seinen Aufenthaltsort auf eine andere Weise in Erfahrung gebracht haben. Er befindet sich nun in Polizeigewahrsam, in spätestens eineinhalb Wochen muss ein Richter entscheiden, ob er in Untersuchungshaft kommt oder freigelassen wird.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Frank Überall, forderte die Bundesregierung auf, sich für Demirci einzusetzen: "Journalismus ist kein Verbrechen, auch nicht in der Türkei."

Video: DER SPIEGEL live: Der tiefe Graben - Das deutsch-türkische Verhältnis

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