Türkischer Medienunternehmer Önder Keine Angst vor der Wahrheit - auch nicht unter Erdogan

Präsident Erdogan sägt an der Pressefreiheit in der Türkei, etablierte Medien zensieren sich selbst. Internet-Unternehmer wie Engin Önder suchen nach Wegen, die Menschen trotzdem zu informieren - mit Erfolg.

Medien-Unternehmer Engin Önder
Furkan Temir

Medien-Unternehmer Engin Önder

Von , Istanbul


Ein Journalist? Engin Önder lacht. Nein, da denke er an Männer mit weißen Haaren, die Zeitungskolumnen schreiben. Er selbst versteht sich als Bürger, der mit den Mitteln des Journalismus Informationen verbreitet und Debatten anregt.

Önder sitzt an einem Herbsttag in einem Café im Istanbuler Szeneviertel Moda. Er ist erst 25 Jahre alt, betreibt aber bereits seit fast sechs Jahren "140journos", eine Internetplattform für Bürgerjournalismus. Das "Time-Magazine" kürte ihn 2015 zu einem "Next Generation Leader". Önder verwandle den Journalismus in der Türkei, hieß es. Millionen Nutzer schauen seine Videos auf YouTube.

Der Siegeszug von "140journos" ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte in einem Land, das zuletzt vor allem durch Angriffe gegen die Meinungsfreiheit auffiel. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 mehr als 150 Journalisten verhaften und fast 200 Medienhäuser schließen lassen. "Die Repressionen gegen Journalisten in der Türkei sind groß", sagt Önder. "Doch das Bedürfnis der Bürger nach unabhängigen, objektiven Informationen ist größer."

Demo für die Pressefreiheit in Istanbul (im Oktober 2017)
AFP

Demo für die Pressefreiheit in Istanbul (im Oktober 2017)

"Bürgerjournalisten" als Informationsquelle

Am 28. Dezember 2011 bombardierten türkische Kampfjets ein Dorf an der Grenze zum Irak. 34 Menschen starben. Später stellte sich heraus, dass es sich bei den Opfern nicht, wie vom Militär unterstellt, um Rebellen der kurdischen Terrororganisation PKK handelte. In Wahrheit waren es Zivilisten, die Öl und Zigaretten aus dem Irak in die Türkei schmuggelten.

Die großen türkischen Fernsehsender ignorierten den Vorfall. Lediglich Nischenmedien und Blogger berichteten darüber. Önder war darüber so empört, dass er gemeinsam mit zwei Kommilitonen "140journos" gründete, einen Twitter-Account, der später zu einer eigenen Website wuchs. Die Aufgabe: Über Ereignisse informieren, die türkische Mainstream-Medien verschweigen.

Die "140journos"-Macher erzielten in den Anfangsjahren einige Achtungserfolge, ihre Berichte über den Prozess gegen den Investigativreporter Ahmet Sik wurden auch von anderen Journalisten aufgegriffen. Doch das Projekt stagnierte. Önder war kurz davor aufzugeben, als sich im Frühsommer 2013 eine Kundgebung gegen die Zerstörung des Gezi-Parks in Istanbul zu einem landesweiten Aufstand gegen die Regierung Erdogan ausweitete.

Die Gezi-Proteste markierten einen Tief- und Wendepunkt im türkischen Journalismus: Hunderttausende Menschen gingen gegen Erdogan auf die Straße, doch etliche Fernsehanstalten und Zeitungen taten, als wäre nichts geschehen. Zum Symbol für das Scheitern wurde der Sender CNN Türk, der eine Dokumentation über Pinguine ausstrahlte, während die Demos eskalierten.

Die Menschen suchten nach neuen Wegen, um an Informationen zu gelangen. Die Zahl der Twitter-Nutzer in der Türkei stieg innerhalb eines Monats von 1,8 auf über 10 Millionen. "140journos" gewann mit einem Schlag 40.000 Follower hinzu. Önders Team setzte vor dem Aufstand 400 Tweets jeden Monat ab, im Juni 2013 waren es mehr als fünf Mal so viele.

Önder nutzte die Bekanntheit, um ein Netz aus Informanten und Mitarbeitern zu etablieren. Zwischenzeitlich engagierten sich bis zu 250 "Bürgerjournalisten" für "140journos" - die meisten von ihnen ehrenamtlich.

Unabhängiger Journalismus abseits der Leitmedien

Im Juni 2015 verlor Erdogans Partei, die AKP, bei den Parlamentswahlen erstmals die absolute Mehrheit. Önder sah, wie viele junge Menschen in der Türkei, eine neue Ära anbrechen. Doch Erdogan weigerte sich, das Ergebnis anzuerkennen. Er rief Neuwahlen aus, die die AKP schließlich mit hoher Mehrheit gewann. Die Regierung verschärfte die Repressionen gegen die Zivilgesellschaft. Oppositionelle wurden verhaftet, im Südosten des Landes eskalierte der Konflikt mit der PKK.

Auch "140journos" litt unter der neuen Härte. Bürger haben Angst, Informationen weiterzugeben. Önder baute die Seite zu einer Multimedia-Plattform um. Er setzt inzwischen weniger auf Laien, die ihm Informationen zuspielen, sondern auf einige, wenige professionelle Mitarbeiter. "140journos" dreht Videos, die auf der Website laufen, vor allem aber auf YouTube. Artikel werden auf Facebook und Twitter zum Teil hunderttausendfach geteilt.

Der Journalismus in der Türkei wurde, gerade im Westen, in den vergangenen Jahren totgesagt. Fast alle großen Zeitungen und TV-Sender in dem Land gehören Wirtschaftsführern, die aus Sorge ums Geschäft regierungskritische Nachrichten zensieren. Doch jenseits der etablierten Medien und von der europäischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt sind eine Reihe erfolgreicher, journalistischer Neugründungen entstanden.

  • REUTERS
    Erdogan ist in der Türkei überall: in den Medien, auf Plakaten. Ständig hält er irgendwo eine Rede, die im Fernsehen live übertragen wird, eröffnet ein Gebäude, hetzt gegen Widersacher.

    Doch es gibt auch eine andere, liberale Türkei. SPIEGEL ONLINE stellt in dieser Reihe Menschen vor, die sich, trotz aller Repressionen, der Regierung widersetzen, die die Hoffnung auf Demokratie in der Türkei längst noch nicht aufgegeben haben.

"Diken", eine Website, die beinahe altmodischen Nachrichtenjournalismus betreibt, ist inzwischen eine ernsthafte Alternative zu "Hürriyet", der größten Tageszeitung des Landes. Hinzu kommen Seiten wie "Bianet" oder das Portal "T24", die kritisch über Politik berichten.

Politisches in MTV-Optik

Von all den unabhängigen türkischen Medienprojekten ist "140journos" das innovativste. Es berichtet im Stil von MTV-Videos über Ausbeutung am Arbeitsmarkt und politische Indoktrinierung in Moscheen. Über WhatsApp-Gruppen und Live-Events bindet die Plattform ihre Leser ein. Finanziert wird das Projekt über Anzeigen und - ähnlich wie bei dem US-Medienunternehmen "Vice" - durch Beiträge, die "140journos" eigens für Werbekunden produziert.

Önder packt heikle Themen an, achtet jedoch auf eine neutrale Sprache bei "140journos". Kampfbegriffe meidet er. Womöglich wurde seine Plattform auch deshalb bislang noch nicht von der Regierung belangt.

"Unser Geschäftsmodell ist einfach", sagt Önder: "Wir suchen nach der Wahrheit in einer Welt voller Desinformation."

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
alles.auf.horst 31.10.2017
1. Der richtige Zeitpunkt wird kommen!
Erdogan ist ein Despot, aber er ist nicht dumm. Es gibt immer einen passenden Break-Even-Point. In dem Fall der Moment an dem es sich für ihn lohnt etwas zu zerschlagen. 140journos mag Reichweite haben, seine Relevanz ist allerdings begrenzt. Wenn Erdogan ein Zeichen setzen möchte, dann tut er das erst, wenn die Wirkung groß genug ist. Wirkung bedeutet hier möglichst viele Mitarbeiter/Kritiker auf einen Schlag ausschalten und dies unter möglichst großer Aufmerksamkeit. Es ist also nur eine Frage des WANN, nicht des OB.
Atheist_Crusader 31.10.2017
2.
Das ist die Art von Bürger die die Türkei braucht. Aber leider wohl auch die Art von Bürger, bei der man früher oder später angebliche Verbindungen zu Terrororganisationen finden wird.
rainer_daeschler 31.10.2017
3. Schlechte Aussichten
Zitat von Atheist_CrusaderDas ist die Art von Bürger die die Türkei braucht. Aber leider wohl auch die Art von Bürger, bei der man früher oder später angebliche Verbindungen zu Terrororganisationen finden wird.
Die muss man nicht mal finden. Die Dauer der Untersuchungshaft ist so lange, während man nach den Beweisen dazu erst sucht, dass er nach seiner Freilassung beruflich und wirtschaftlich ma Ende sein wird. Das Ergebnis der Ermittlungen wird dann zur Nebensache. Die Anschuldigung reicht.
obenim 31.10.2017
4. Mehr solche Beiträge...
Es sollten mehr solche Beiträge über die eigentliche Mehrheit der Türken berichtet werden als nur über den Erdogan, damit die Sicht auf die Türkei wieder gerade gerückt wird.
amezaliwa 31.10.2017
5. Danke, Hr. Önder
Es ist wichtig und richtig zu zeigen, dass es Menschen gibt die couragiert zu Werke gehen, auch um klar zu machen: Wir kennen jetzt Hr. Önder, er ist nicht mehr nur ein Name, er hat auch ein Gesicht. Damit bin ich auch gleich meine größte Sorge - hoffentlich geht das für ihn gut weiter (um es positiv zu formulieren). Der Gedanke kam leider sofort, bereits nach den ersten Zeilen.
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