Zweiter Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei Am Abgrund

Präsident Erdogan verklärt den Putschversuch 2016 zu einem zweiten Gründungsmythos der Türkei. Er verschweigt, wie eng seine Regierung mit der Gülen-Gemeinde verbunden war. Chronik eines Zerwürfnisses.

Recep Tayyip Erdogan
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Von , Istanbul


Im Dezember 2013 erhielt der türkische Publizist Femih Koru einen Anruf von Abdullah Gül, dem damaligen türkischen Präsidenten. Gül und Koru hatten sich einst in London eine Studentenwohnung geteilt.

Nun wandte sich der Präsident mit einer Bitte an seinen Studienfreund: Koru sollte in dem Konflikt zwischen der Regierung unter Recep Tayyip Erdogan und der Gemeinde des Islamisten-Predigers Fethullah Gülen schlichten, bevor dieser das Land endgültig zerreißt.

Erdogan und Fethullah Gülen waren Verbündete: Der Regierungschef versorgte Gülen-Funktionäre mit Posten und Gülen-Unternehmer mit Aufträgen, die Sekte des Predigers half ihm, säkulare, liberale Oppositionelle auszuschalten.

Nach den Parlamentswahlen 2011 jedoch zerstritten sich die beiden Partner über Machtfragen. Die Auseinandersetzung eskalierte, als die Regierung im Herbst 2013 Gülen-Schulen schließen ließ.

Die Gülen-Sekte wollte Erdogan loswerden, ihre Kader in der Justiz eröffneten ein Korruptionsverfahren gegen Regierungsmitglieder. Der Konflikt sollte drei Jahre später in dem Putschversuch gipfeln, der fast 300 Menschen das Leben kostete - und der sich an diesem Sonntag zum zweiten Mal jährt.

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"Von diesem Konflikt profitiert niemand"

Abdullah Gül ahnte bereits 2013, dass die Regierung an der Krise zerbrechen könnte. Femih Koru war eine der wenigen Personen, der zu diesem Zeitpunkt noch gute Kontakte zu beiden Seiten unterhielt.

Er hatte in den neunziger Jahren als Chefredakteur für die Tageszeitung "Zaman" gearbeitet, das Sprachrohr der Gülen-Sekte. Gül bat Koru nach Pennsylvania zu fliegen, wo Fethullah Gülen im Exil lebt, und mit ihm zu reden. Der Vorstoß war mit Erdogan abgesprochen.

Koru wurde in Pennsylvania freundlich empfangen. Gülen, so erinnert sich der Ex-Zaman-Chef, beteuerte, kein Interesse daran zu haben, die Regierung zu stürzen. "Von diesem Konflikt", so soll der Prediger gesagt haben, "profitiert niemand."

Als Koru nach Ankara zurückkehrte, war er erleichtert. Er reichte einen Brief an Erdogan weiter, den ihm Gülen mit auf den Weg gegeben hatte. Der Streit schien befriedet. Doch am nächsten Tag weiteten Gülen-Kader die Ermittlungen auf Erdogans Sohn Bilal aus. "Erdogan war außer sich", erzählt Koru. "Ich wusste, von jetzt an würde Krieg zwischen ihm und der Gülen-Gemeinde herrschen."

"Die Indizien sind erdrückend"

Die Regierung erklärte die Gülen-Gemeinde, mit der sie jahrelang eng zusammengearbeitet hatte, zu einer Terrororganisation. Erdogan ließ Tausende vermeintliche Gülen-Unterstützer von ihren Posten entfernen. In der Türkei zweifeln selbst Erdogan-Kritiker nicht daran, dass Kader der Gülen-Sekte hinter dem gescheiterten Staatsstreich vom 15. Juli 2016 stecken.

Fethullah Gülen
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Fethullah Gülen

"Es gibt keinen eindeutigen Beweis, aber die Indizien, die für die Gülen-Bewegung als Hauptverantwortlichen für den Putschversuch sprechen, sind erdrückend", sagt der Online-Chef der regierungskritischen Tageszeitung "Cumhuriyet", Bülent Mumay.

So wurden am frühen Morgen des 16. Juli, wenige Stunden nachdem der Aufstand niedergeschlagen war, fünf Zivilisten auf dem Gelände des Luftwaffenstützpunktes Akinci bei Ankara, der Zentrale der Putschisten festgenommen, und das, obwohl Zivilisten der Zugang zu Militäranlagen streng verboten ist.

Geheimtreffen mit Gülen

Vier von ihnen waren hochrangige Funktionäre der Gülen-Gemeinde, zwei von ihnen, der Theologe Adil Öksüz und Kemal Batmaz, waren unmittelbar vor dem Putsch gemeinsam in die USA gereist, wo Gülen lebt.

In ihrer Vernehmung sagten die beiden aus, sich in Akinci nach Farmland umgesehen zu haben. Die Aufnahmen der Überwachungskameras belegen jedoch eindeutig, dass sich zumindest Batmaz während des Putschs in der Kaserne mit Soldaten beriet.

Türkische Bürger stoppen einen Panzer in Ankara während des Putsches (Archiv)
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Türkische Bürger stoppen einen Panzer in Ankara während des Putsches (Archiv)

Öksüz behauptete, Gülen nicht zu kennen, dabei zeigt ein Video die beiden beim gemeinsamen Gebet und auf Gülens Anwesen in Pennsylvania. Gülen selbst hat mittlerweile eingeräumt, dass Öksüz bei ihm zu Besuch war.

Mehre Zeugen gaben an, dass Öksüz die Revolte über Monate hinweg vorbereitet habe - in Abstimmung mit Gülen. Seit November 2017 suchen auch die deutschen Behörden nach dem Theologen.

Gedenken an die "Märtyrer vom 15. Juli"

Etliche Beschuldigte bekannten, im Auftrag der Gülen-Gemeinde gehandelt zu haben. Ex-Generalstabschef Hulusi Akar, der in der Putschnacht gefesselt wurde, sagte aus, dass die Aufständischen ihm angeboten hätten, mit Gülen zu telefonieren.

"Der Putschversuch trägt eindeutig die Handschrift der Gülen-Bewegung", schreibt Sedat Ergin, der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung "Hürriyet", ein Erdogan-Gegner, auf der Website des European Council on Foreign Relations.

Erdogan hat den gescheiterten Putsch längst zu einer Art zweitem Gründungsmythos der Türkei verklärt. Seine Regierung gedenkt auch an diesem Sonntag wieder mit viel Pomp den "Märtyrern vom 15. Juli". Um eine vollständige Aufklärung des Verbrechens hat sich der Präsident hingegen nie wirklich bemüht.

Angehörige besuchen Gräber am zweiten Jahrestag des Putsches
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Angehörige besuchen Gräber am zweiten Jahrestag des Putsches

Erdogan nimmt den Staatsstreich als Vorwand, nicht nur Tausende vermeintliche Gülen-Anhänger zu verfolgen, sondern grundsätzlich jeden, der sich seiner Herrschaft widersetzt: Oppositionspolitiker, Menschenrechtsaktivisten, Kurden, Journalisten.

Verfolgung Tausender Menschen

Moderate Berater im Präsidentenpalast haben Erdogan immer wieder angehalten, die Säuberungen einzugrenzen. Die Massenverhaftungen, argumentierten sie, würden der Glaubwürdigkeit der Regierung schaden. Doch der Präsident will von diesen Bedenken nichts hören.

Publizist Koru hat sich bereits vor dem Putschversuch von der Gülen-Bewegung distanziert. In seinem Artikel für die Zeitung "HaberTürk" hat er jedoch zugleich die Hexenjagd gegen vermeintliche Gülen-Anhänger durch die Regierung kritisiert. Seinen Job hat er deshalb inzwischen verloren. "Der Machtkampf zwischen Erdogan und Gülen", sagt er, "hat die Türkei an den Abgrund geführt."



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