• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Türken und Armenier Bauer Gagiks erfrorene Hoffnung

Türkei und Armenien: Gescheiterte Fußballdiplomatie
Fotos
SPIEGEL ONLINE

2. Teil: "Diese Tragödie ist der Pfeiler unserer nationalen Identität"

Vor allem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gab sich zuletzt unversöhnlich - und drohte mit der Ausweisung Tausender in der Türkei lebender Armenier. Und noch immer leugnet die Türkei den Massenmord an den Armeniern. Zwischen 1915 und 1918 kamen laut Schätzungen von Historikern zwischen ein und zwei Millionen Armeniern im Osmanischen Reich ums Leben, sie starben bei Massakern und auf Todesmärschen.

Jedes Jahr am 24. April steigen Zehntausende Armenier mit Blumen in den Händen die Stufen zur Schwalbenfestung hinauf, einem der Hügel des fast 3000 Jahre alten Eriwan. Hier gedenkt Armenien seiner Toten. Zwölf Zacken aus Granit ragen dort schroff in den Himmel, eine für jede Provinz, aus denen die Armenier einst vertrieben wurden. Es ist die Grabkammer einer ganzen Nation, Gedenktafeln erinnern an verheerte Dörfer, zerstörte Kirchen, Schulen und Familien.

"Der größte Stein auf dem Weg der Türkei nach Europa", sagt Haik Demojan, "liegt hier auf diesem Hügel." Demojan, 34, graue Schläfen, Historiker und Enkel zweifach den Mördern entronnener Großeltern, leitet seit drei Jahren die nationale Genozid-Gedenkstätte. Rechts von seinem Schreibtisch ziert ein Foto der Stadtmauern von Ani die Wand seines Büros, vor 1000 Jahren war das die Hauptstadt eines armenischen Reiches. Heute ist es ein Ruinenfeld auf türkischem Staatsgebiet. Links schimmert der Berg Ararat durch das Fenster, Armeniens Nationalsymbol, ewig schneebedeckt und ewig unerreichbar hinter der Grenze.

Demojans Großmutter lockte den kleinen Jungen einst mit Naschwerk, setzte ihn auf ihren Schoß und erzählte Geschichten von Flucht, Vertreibung und Tod. Immer wieder von den Frauen, die sich in Scheunen versteckten, als die Häscher kamen. Immer wieder von dem verwüsteten Nachbardorf, dessen Tote der Schnee erst im Frühjahr freigab, an den Händen der Leichen noch die Fesseln.

Wenn die letzten Zeitzeugen der Massaker an den Armeniern bald für immer verstummen, dann muss Demojan der jungen Generation die Geschichten ihrer Vorfahren berichten. Er lässt jetzt ein Schulbuch entwickeln und einen Lehrplan für den Unterricht. "Denn diese Tragödie", sagt Demojan, "ist der Pfeiler unserer nationalen Identität."

Die Vergangenheit wirft lange Schatten. Die Türkei fürchtet armenische Forderungen nach Kompensation für das monströse Verbrechen, Forderungen nach Geld und verlorenen Territorien. "Niemals hat ein Repräsentant Armeniens territoriale Ansprüche erhoben", betont zwar Präsident Sargsjan. Doch in jedem armenischen Haus hängt ein Bild des verlorenen Ararat, träumen die Führer der nationalistischen Daschnaken-Partei öffentlich davon, "dass unsere Landsleute irgendwann auf frühere Territorien zurückkehren".

Selbst Obama kann Ankara nicht umstimmen

Die Türkei will die Grenzöffnung auch an Fortschritte in der Frage der umstrittenen Region Berg-Karabach knüpfen. Denn Ankara hat den Zorn seines Alliierten Aserbaidschan unterschätzt. Während im Oktober 2009 die Präsidenten der Türkei und Armeniens beim Rückspiel der Nationalmannschaften im türkischen Bursa berieten, brannten in Baku türkische Fahnen. Seither rudert Ankara zurück, aus Angst, den an Gas und Öl reichen Bündnispartner Aserbaidschan zu verprellen.

Selbst das Drängen von US-Präsident Barack Obama in der vergangenen Woche ließ die Türken kalt. Am Donnerstag hat nun auch die armenische Regierungskoalition Sargsjans Initiative auf Eis gelegt, weil sich die türkische Seite weigere, "das Abkommen in angemessener Zeit und ohne Vorbedingungen zu ratifizieren".

In Markara blickt Bauer Gagik Awetisjan bedrückt hinüber zu dem alten Zollhof, der hinter den Aprikosenbäumen langsam verfällt. Früh sind die Knospen der Obstbäume in diesem Jahr aufgesprungen, zu früh. In einem plötzlichen Nachtfrost sind die hellweißen Blüten erfroren. "Es ist wie mit all unseren Hoffnungen", sagt Gagik, "daraus wird nun nichts mehr werden."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 13 Beiträge
charlie111 25.04.2010
"Vor allem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gab sich zuletzt unversöhnlich - und drohte mit der Ausweisung Tausender in der Türkei lebender Armeniern." Also von einem SPIEGEL-Journalisten hätte [...]
"Vor allem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gab sich zuletzt unversöhnlich - und drohte mit der Ausweisung Tausender in der Türkei lebender Armeniern." Also von einem SPIEGEL-Journalisten hätte ich mehr Neutralität und Professionalität erwartet. Der türk. Ministerpräsident hatte gesagt, er würde erwägen ILLEGAL in der Türkei lebende Armenier auszuweisen. Nicht jene, die legal oder türkische Staatsbürger sind. Was macht den Deutschland oder der Rest der Welt mit illegalen Ausländern? Bekommen die in Deutschland sofort eine Niederlassungserlaubnis? Wohl nicht! Die werden sofort abgeschoben. Die illegalen Armenier in der Türkei können doch froh sein, dass sie geduldet werden und auch noch arbeiten können. Bitte das nächste mal besser recherchieren Herr Benjamin Bidder!
europe123 25.04.2010
[QUOTE=charlie111;5401942] Die illegalen Armenier in der Türkei können doch froh sein, dass sie geduldet werden und auch noch arbeiten können. QUOTE] charlie ich muß mich stark zurückhalten um sie nicht zu beleidigen. 1. [...]
[QUOTE=charlie111;5401942] Die illegalen Armenier in der Türkei können doch froh sein, dass sie geduldet werden und auch noch arbeiten können. QUOTE] charlie ich muß mich stark zurückhalten um sie nicht zu beleidigen. 1. Die Armenier haben in der heutigen Türkei schon gelebt, als die Göktürken noch Nomaden in der Mongolei waren. 2. Nur weil die Türken die heutige Türkei erobert haben macht es aus den Ureinwohnern illegale? 3. Und nur weil sie nicht unter den 1.500.000 Menschen gehören die kaltblütig ermordet wurden, macht es diese Menschen genau so wenig zu illegalen. Ich wünsche mir von unseren türkischen Mitbürgern etwas mehr Realitätssinn und Menschlichkeit. Ich hoffe, dass diese Werte im türkischen Wortschatz vorkommen. Ausserdem wünsche ich mir, dass die Deutschen noch mehr auf Ihre eigenen Beweise zurückgreifen und ihren langjährigen Kriegspartner die Türkei endlich dazu zwingen ihre dunkle Vergangenheit einzugestehen.
Ach, wie schon, dass wir uns alle über den Tatbestand des Genozids einig sind. So etwas wie wissenschaftlich und objektiv erarbeitete Beweislagen wären in der Tat viel zu hinderlich, um den Türken eins auszuwischen. Der Westen, [...]
Ach, wie schon, dass wir uns alle über den Tatbestand des Genozids einig sind. So etwas wie wissenschaftlich und objektiv erarbeitete Beweislagen wären in der Tat viel zu hinderlich, um den Türken eins auszuwischen. Der Westen, insbesondere wir Deutschen, müssen schließlich in Angelegenheiten wie EU-Aufnahme und Ausländerintegration einen Trumpf im Ärmel behalten.
bürgerschreck 25.04.2010
Die harte Haltung der Türkei gegenüber den Armeniern zeigt klar, wie sich das aktuelle türkische Regime internationale Soliadrität vorstellt: Zollunion mit den USA, Beitrittsverhandlungen und immense Forderungen an die EU, aber [...]
Zitat von sysopDer letzte Abschnitt des Eisernen Vorhangs ist immer noch geschlossen - auch zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion. Türken und Armenier können sich nicht auf Öffnung ihrer Grenzen einigen, das verarmte Armenien verharrt in seiner Isolation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,690752,00.html
Die harte Haltung der Türkei gegenüber den Armeniern zeigt klar, wie sich das aktuelle türkische Regime internationale Soliadrität vorstellt: Zollunion mit den USA, Beitrittsverhandlungen und immense Forderungen an die EU, aber bloß keinen Milimeter selbst nachgeben. Wir können in der EU keine Nation brauchen, die sich ihrer Vergangenheit nicht stellt, den Opfern ihrer Kriegs-verbrechen auch nach Jahrzehnten nur mit Herablassung und Druck begegnet und sich auch sonst als Vorreiter islamischer Territorialpolitik (Zypern) versteht. Armenien ist do klein und so pleite, daß selbst kleinste Schritte der Türkei den Menschen dort helfen könnten. Aber für die regierenden türkischen (gemäßigten) Islamisten käme dies einem Gesichtsverlust gleich. Solidarität wird dort nur als Einbahnstraße verstanden. Selbst eine sog. priv. Partnerschaft ist albern, solange die Türkei 1,5 Millionen ermordete Armenier als Bagatelle abtut. Diess türkische Visitenkarte sollte allen Türkei-Fans zum Nachdenken gereichen. So und jetzt Ihr naiven Türkei-Fans, fallt über mich her.
ad bürgerschreck und europe123 Gottseidank gibt es Sie, unvoreingenommene und allwissende Historiker, die aufgrund fundamentaler Recherche und Geschichtsstudium uns Übrigen an Ihren Forschungsergebnissen teil haben lassen. [...]
ad bürgerschreck und europe123 Gottseidank gibt es Sie, unvoreingenommene und allwissende Historiker, die aufgrund fundamentaler Recherche und Geschichtsstudium uns Übrigen an Ihren Forschungsergebnissen teil haben lassen. Danke für Ihre erhellenden Beiträge und lassen Sie sich nicht durch die hier schreibenden Gutmenschen, die "leider" in der Überzahl sind beirren. Auch nicht durch platte Beschimpfungen, Sie würden nur Ihre braune Sosse hier verbreiten. Der sog. Genozid an den Armeniern, die armenische Diaspora, die diesen Vorwurf am heftigsten verteidigt spricht von 1-1,5Mio getöteten Armeniern (Der Spiegelautor macht gleich 2Mio daraus, gut so!)wurde bisher noch nicht ausreichend von internationalen Historikern erforscht(Ausser von Bürgerschreck und Europe123). Der Vorschlag seitens der Türkei zur Errichtung einer int. Historikerkommission und die Bereitschaft zur Öffnung der gemeinsamen Archive wurde und wird von Armenien seit Jahren abgelehnt, warum wohl? Eine solche von der Türkei geforderte Kommission sei ein „Leugnungsinstrument“ und diene nur dazu, das Thema auf die lange Bank zu schieben... Tja, wozu Geschichte von Historikern aufarbeiten lassen,Parlamtsentscheidungen von Drittländern sind einfacher zu haben und ausserdem, ich gehe schliesslich auch zum Zahnarzt wenn ich Ohrenschmerzen habe, mein Zahnarzt wohnt nebenan...!
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Völkermord an den Armeniern

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Armenien
Das christliche Armenien liegt mit seinen 2,5 Millionen Einwohnern wie eingekeilt zwischen der Türkei, Aserbaidschan und Iran. Es ist Russlands letzter Verbündeter im Südkaukasus. Armeniens Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei sind wegen des Konflikts um die 1988 bis 1994 blutig umkämpfte Region Berg-Karabach geschlossen.

Sersch Sargsjan
AFP
Sersch Sargsjan, 55, ist seit April 2008 Präsident von Armenien. Der Genozid an seinem Volk war einer der ersten des 20. Jahrhunderts. Die Türkei, auf deren Boden das Verbrechen stattfand, leugnet die Taten der osmanischen Führung bis heute. Auch Deutschland, im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet, hat den Völkermord bis heute nicht offiziell anerkannt.




TOP



TOP