Türkische Nahost-Politik: Warum Erdogan die Hamas hofiert

Von Christoph Sydow

Die Türkei will im Konflikt zwischen den Palästinensergruppen Hamas und Fatah vermitteln. Das Engagement von Regierungschef Erdogan ist Teil der neuen türkischen Nahost-Politik im Angesicht des Arabischen Frühlings. Doch Ankaras Kurs ist im Innern umstritten und dürfte die Kluft zu Israel vergrößern.

Hamas-Führer Hanija, türkischer Premier Erdogan: "Palästinensische Brüder vereinen" Zur Großansicht
AFP

Hamas-Führer Hanija, türkischer Premier Erdogan: "Palästinensische Brüder vereinen"

Er wurde empfangen wie ein Staatschef: Mit stehenden Ovationen feierten die Parlamentsabgeordneten der türkischen Regierungspartei AKP Anfang der Woche den Gast aus dem Gaza-Streifen. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan rief Ismail Hanija, den Anführer der Hamas im Gaza-Streifen, zu sich ans Rednerpult. Der Premier begrüßte seinen Gast herzlich, beide gingen in Siegerpose, ließen sich von der AKP-Fraktion feiern.

Der Türke-Besuch ist Teil von Hanijas erster Auslandsreise, seit die Hamas 2007 in Gaza gewaltsam die Macht übernahm. Zuvor hatte der 49-Jährige Ägypten und Sudan besucht, am Mittwoch flog er nach Tunesien weiter.

Drei Tage dauerte die Visite des Hamas-Anführers in der Türkei, während der er mehrfach mit Erdogan zusammentraf. Offiziell stand dabei die türkische Hilfe beim Wiederaufbau im Gaza-Streifen im Mittelpunkt. Hinter den Kulissen wurden jedoch die Chancen für eine Versöhnung der rivalisierenden palästinensischen Fraktionen Hamas und Fatah ausgelotet.

Die Türkei unterstützt Hamas und Fatah gleichermaßen

Die Chefs der beiden Bewegungen geben sich derzeit in Ankara die Klinke in die Hand. Erst Mitte Dezember war Palästinenserpräsident Mahmud Abbas von der Fatah zu politischen Gesprächen in die Türkei gereist.

Mit dieser Art der Pendeldiplomatie will die türkische Führung die Versöhnung von Hamas und Fatah vorantreiben. Seit der Machtübernahme der Hamas in Gaza stehen sich beide Bewegungen feindselig gegenüber. Zwar einigten sich die Konfliktparteien im April 2011 im Grundsatz auf einen Versöhnungsplan, der bis dato jedoch nicht umgesetzt wurde. Einer der Hauptstreitpunkte ist das Bekenntnis der Fatah zum Friedensprozess mit Israel, den Vertreter der islamistischen Hamas als "Unsinn" ablehnen.

Seit Monaten versucht die türkische Regierung, im Hintergrund zwischen den Positionen zu vermitteln. "Wir sind bereit, an jedem Projekt mitzuwirken, das die palästinensischen Brüder vereint", erklärte Außenminister Ahmet Davutoglu in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz in Ankara. Dazu gehörten auch mögliche direkte Gespräche zwischen Hamas und Fatah in der Türkei. Ziel sei die Bildung einer palästinensischen Einheitsregierung im Gaza-Streifen und dem Westjordanland, mit der eine Anerkennung Palästinas durch die Vereinten Nationen erleichtert werden soll, so Davutoglu. USA und EU lehnen eine palästinensische Regierung mit Beteiligung der Hamas ab, solange die Bewegung sich weigert, Israel anzuerkennen.

Die Türkei ist zum wichtigsten internationalen Fürsprecher für Fatah und Hamas gleichermaßen geworden. Ankara unterstützt einerseits die Uno-Initiative von Palästinenserpräsident Abbas, erkennt aber anders als USA und EU gleichzeitig die Hamas als legitime Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzung an. Beide Palästinensergruppen genießen damit den Rückhalt einer muslimischen Demokratie, die gleichzeitig ein wichtiger US-Verbündeter und Nato-Mitglied ist.

Erdogan füllt ein Machtvakuum im Nahen Osten

Das verstärkte Engagement der Türkei in Palästina fügt sich ein in die neue regionalpolitische Strategie, die Ankara nicht erst seit Beginn des Arabischen Frühlings verfolgt, die aber seither an Dynamik gewonnen hat. In deren Mittelpunkt steht eine Neupositionierung als Führungsmacht für die Länder des Nahen Ostens - auch als Reaktion auf die ablehnende Haltung Frankreichs und Deutschlands gegenüber der angestrebten türkischen Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Geschickt machte sich Erdogan frühzeitig zum Sprachrohr der Regimegegner in Ägypten, Libyen und Syrien und gewann dadurch ebenso an Popularität in der arabischen Welt wie durch die deutliche Abkühlung der türkischen Beziehungen zu Israel. Die traditionellen Schwergewichte in der Region haben derweil genug mit eigenen Problemen zu kämpfen.

Die Militärregierung in Ägypten ist innenpolitisch gebunden und ohne Mandat für die Außenpolitik. Saudi-Arabien hat alle Hände voll damit zu tun, die Rebellionen vor der eigenen Haustür in Bahrain und dem Jemen einzudämmen, und in Syrien kämpft Diktator Baschar al-Assad ums eigene Überleben. Iran, zuvor der eigentliche Hegemon in der Region, ist durch den Arabischen Frühling wiederum diskreditiert. Als repressives Regime, das seine eigene Opposition unterdrückt, eignet sich Teheran nicht als starker Freund der arabischen Revolutionäre.

In dieses Vakuum stößt die Türkei. Dabei ist Erdogans Außenpolitik in der Heimat nicht unumstritten. Kritiker in der Opposition und den Medien werfen ihm Größenwahn vor, warnen gar vor einem "Neo-Osmanismus", der das Ziel habe, den Nahen Osten zu dominieren, dabei aber die eigenen Möglichkeiten überstrapaziere. Jahrzehntelang stand die türkische Regionalpolitik unter dem Motto "Null Probleme mit den Nachbarn". Erdogan hingegen fordert einen Regimewechsel in Syrien und schickt regelmäßig türkische Soldaten in den Nordirak.

Israel wird weiter vor den Kopf gestoßen

Zufrieden registriert die Regierung in Ankara allerdings, dass gemäßigte Islamisten die großen Gewinner der ersten Parlamentswahlen nach den Revolutionen in Tunesien und Ägypten geworden sind. Sowohl die tunesische Ennahda-Partei als auch die ägyptische Partei der Muslimbruderschaft haben erklärt, sich an der moderat islamischen türkischen Regierungspartei AKP orientieren zu wollen. Die Beziehungen der beiden Länder zur Türkei dürften damit auf absehbare Zeit noch enger werden. Erdogan selbst hatte seine Regierung nach Beginn der Umsturzbewegungen als "Quelle der Inspiration" für den Nahen Osten bezeichnet.

Ankara will offenbar auch die Hamas enger an sich binden. Diese wird bislang maßgeblich von Syrien unterstützt und finanziert. Ihre Exilführung unter Politbürochef Chalid Maschaal sitzt bislang in Damaskus, sucht aber aufgrund der Lage in Syrien nach alternativen Standorten. Dabei ist neben Ägypten und Katar auch das Nato-Mitglied Türkei im Gespräch.

Der einstige enge Bündnispartner Israel würde damit weiter vor den Kopf gestoßen. Die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten wurden im September vergangenen Jahres herabgestuft und die Militärverträge eingefroren, nachdem sich Israel weigerte, sich für den Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte zu entschuldigen, bei dem im Mai 2010 neun Türken getötet wurden.

Der "Mavi Marmara", dem Schiff, das damals von der israelischen Armee aufgebracht wurde, stattete Ismail Hanija in Istanbul einen symbolträchtigen Besuch ab. Später erklärte er: "Nach meinem Gespräch mit Ministerpräsident Erdogan weiß ich, dass die Palästinenser einen besonderen Platz in den Herzen des türkischen Volkes haben."

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Freunde
Reqonquista 04.01.2012
Zitat von sysopDie Türkei will im Konflikt zwischen den Palästinensergruppen Hamas und Fatah vermitteln. Das Engagement von Regierungschef Erdogan ist Teil der neuen türkischen Nahost-Politik im Angesicht des Arabischen Frühlings. Doch Ankaras Kurs ist im Innern umstritten und dürfte die Kluft zu Israel vergrößern. Türkische Nahostpolitik: Warum Erdogan die Hamas hofiert - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807179,00.html)
Es spannt sich ein großer Bogen der Politik einer Religion auf, die diese Leute verbindet! Die Machtverhältnisse ändern sich zur Zeit sehr gegen Israel und wenn die neue Machthaber des arabischen "Frühlings" erst im Sattel sitzen, wir es neue Fronten geben. Der Westen wird neue Herausforderungen haben. Die Türkei offenbart zur Zeit die Auswirkungen der Reislamisierung der Türkei. Die Freunde werden nach religiösem Hintergrund ausgesucht!
2. oh ohhh
jaein 04.01.2012
Zitat von sysopDie Türkei will im Konflikt zwischen den Palästinensergruppen Hamas und Fatah vermitteln. Das Engagement von Regierungschef Erdogan ist Teil der neuen türkischen Nahost-Politik im Angesicht des Arabischen Frühlings. Doch Ankaras Kurs ist im Innern umstritten und dürfte die Kluft zu Israel vergrößern. Türkische Nahostpolitik: Warum Erdogan die Hamas hofiert - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807179,00.html)
die hamas ist eine terroristische vereinigung....muß man noch mehr sagen..?!
3.
Klaus.Freitag 04.01.2012
Zitat von jaeinDie Türkei will im Konflikt zwischen den Palästinensergruppen Hamas und Fatah vermitteln. Das Engagement von Regierungschef Erdogan ist Teil der neuen türkischen Nahost-Politik im Angesicht des Arabischen Frühlings. Doch Ankaras Kurs ist im Innern umstritten und dürfte die Kluft zu Israel vergrößern. Türkische Nahost-Politik: Warum Erdogan die Hamas hofiert - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807179,00.html)
Ein Beitrag, der weitestgehend sachlich ist- dank guter Analyse. Ganz im Gegensatz zu dem ujnten angeführten Post. Na,das sieht man in der Türkei offensichtlich anders. Sie machen sich die Sache ein wenig einfach.Konstruktiv ist das nicht.
4. Was ist daran falsch?
.......... 04.01.2012
Zitat von sysopDie Türkei will im Konflikt zwischen den Palästinensergruppen Hamas und Fatah vermitteln. Das Engagement von Regierungschef Erdogan ist Teil der neuen türkischen Nahost-Politik im Angesicht des Arabischen Frühlings. Doch Ankaras Kurs ist im Innern umstritten und dürfte die Kluft zu Israel vergrößern. Türkische Nahost-Politik: Warum Erdogan die Hamas hofiert - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,807179,00.html)
Israel hat sich dabei selbst disqualifiziert einen Partner der Türkei zu sein. Arabische Laender suchen neue Wege und was ist daran schlecht, wenn die Türkei dabei der Wegweiser sein möchte? Hinzu kommt, dass Sarkozy und Merkel die Türkei auf der Europakarte nicht finden können! Aussenpolitik ist sicherlich keine romantische Angelegenheit. Die Welt bzw. die Region aendert sich und neue Verbündete kommen zusammen. Die USA, England und die Türkei gehen zusammen neue Wege. Diesmal werden Frankreich und Deutschland nicht dabei sein können, weil sie sich für "klein aber mein" Politik entschieden haben. Nicht nur das. Frankreich und Deutschland kommen mit der neuen Rolle der Türkei nicht zu Recht. Sie wollen weiterhin eine Türkei haben, die zu ihren Diensten steht. Die Türkei geht inzwischen eher mit Russland als mit der EU. Sie hat in einer Nacht das Nabucco-Projekt sterben lassen, waehren Sarkozy und Merkel die naechsten Wahlen im Visier haben.
5. Dann...
mm01 04.01.2012
Zitat von Klaus.FreitagEin Beitrag, der weitestgehend sachlich ist- dank guter Analyse. Ganz im Gegensatz zu dem ujnten angeführten Post. Na,das sieht man in der Türkei offensichtlich anders. Sie machen sich die Sache ein wenig einfach.Konstruktiv ist das nicht.
geben Sie uns bitte eine konstuktive Antwort. Danke
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