Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Türkischer Ministerpräsident: Erdogans Reise in den arabischen Frühling

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul

Ägypten, Tunesien, Libyen - das sind die Stationen der Reise von Recep Tayyip Erdogan. Der türkische Ministerpräsident will sich nach den politischen Umwälzungen in Nordafrika als Führungsfigur der islamischen Welt in Szene setzen. Aber der Besuch steckt voller Gefahren.

Türkischer Regierungschef Erdogan: Annäherung an die arabische Welt Zur Großansicht
AP

Türkischer Regierungschef Erdogan: Annäherung an die arabische Welt

Recep Tayyip Erdogan steht bei seiner Reise nach Ägypten, Tunesien und Libyen vor einer heiklen Mission: Der türkische Ministerpräsident will vor allem in Kairo die Früchte seiner frühen Kritik am ehemaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak einfahren und sich als Fürsprecher der Palästinenser feiern lassen - aber Erdogan bewegt sich auf schmalem Grat.

Das liegt nicht zuletzt an dem wütenden Mob, der vergangene Woche in Kairo mit Gewalt die israelische Botschaft stürmte. "Eine kritische Reise in einer kritischen Zeit", so bezeichnet Murat Yetkin, Chefredakteur der "Hürriyet Daily News", die Tour Erdogans.

Auch Erdogans Politik gegenüber Israel macht den Besuch schwierig: Die Türkei hat den israelischen Botschafter aus Ankara rausgeworfen, weil sich die Regierung in Jerusalem nicht für den Tod von neun türkischen Aktivisten entschuldigen will - sie waren im Mai 2010 von israelischen Soldaten auf einem Schiff der Gaza-Hilfsflotte erschossen worden.

Am Montag verschärfte Erdogan seinen Ton gegenüber Israels Regierung: Deren Militäreinsatz gegen die Hilfsflotte sei ein "Kriegsgrund" gewesen, erklärte er kurz vor seiner Abreise nach Kairo. Die Türkei habe sich aber in Geduld und Zurückhaltung geübt und damit ihre Größe bewiesen.

Kairo steht unter Druck

Die Ausweisung des Diplomaten erzeugt in Kairo einen enormen Druck, ebenfalls auf Distanz zu Israel zu gehen. Eine große Zahl ägyptischer Intellektueller dränge darauf, dem türkischen Beispiel zu folgen und die Beziehungen zu Israel auf Eis zu legen, berichtete die regierungsnahe türkische Zeitung "Zaman".

Erdogan wird in Kairo deshalb vor diesem Problem stehen: Wie kann er seinem Image als großer Fürsprecher der Palästinenser gerecht werden, ohne die Stimmung so sehr aufzuheizen, dass es erneut zu unkontrollierbaren Ausbrüchen einer vermeintlichen Volkswut kommt?

Das Ziel von Erdogans Reise ist offensichtlich: Er will sich symbolisch an die Spitze der arabischen Freiheits- und Demokratiebewegung stellen, um die Türkei endgültig zum Vorbild für die gesamte Region zu machen. Dazu wird Erdogan am Dienstag in Kairo zunächst Mohammed Hussein Tantawi treffen, Chef des Militärrats und derzeit mächtigster Mann des Landes. Danach darf er eine Rede vor den Außenministern der Arabischen Liga halten, eine Ehre, die einem Nicht-Araber nur selten zuteil wird. Erdogan will aber auch auf den direkten Kontakt zu den Helden des arabischen Aufstands nicht verzichten. Geplant ist deshalb eine Rede auf dem Tahrir-Platz.

Verzicht auf Gaza-Besuch

Aus Rücksicht auf die ägyptischen Machthaber hat der Besucher aus der Türkei auf seinen kritischsten Abstecher bereits im Vorfeld verzichtet. Wie Außenminister Ahmed Davutoglu bereits am Sonntag erklärte, will Erdogan nun doch nicht von Ägypten aus den Gaza-Streifen besuchen. Nach dem Sturm auf die israelische Botschaft wäre eine derartige Unterstützung der Hamas eine zu große Provokation Israels.

Dennoch wird Erdogan in Kairo nicht auf eine Demonstration für Palästina verzichten. Statt eines Besuchs in Gaza soll er nun Mahmud Abbas am Nil treffen. Dort will er mit dem palästinensischen Präsidenten darüber reden, wie Ankara dessen Bemühungen unterstützen kann, Ende des Monats in der Uno eine Anerkennung Palästinas zu erreichen. Die regierungsnahe Presse der Türkei ist optimistisch, dass der palästinensische Plan gelingen wird: "Die Isolation Israels" schreite voran, freut sich "Zaman".

Tunis, Erdogans nächste Station, dürfte weniger problematisch werden: Dort wird es eher um praktische Unterstützung und den Austausch gegenseitiger Sympathiebekundungen gehen.

In Libyen dagegen wird Erdogan die größte Überzeugungsarbeit leisten müssen. Lange hat seine Regierung den alten Machthaber Gaddafi unterstützt - in der libyschen Stadt Bengasi hatte es deshalb sogar Anti-Erdogan-Demonstrationen gegeben. Libyen ist für den türkischen Regierungschef auch deshalb heikel, weil etliche türkische Baukonzerne mit dem Gaddafi-Regime milliardenschwere Verträge abgeschlossen hatten. Erdogan würde diese Abkommen gerne in die neue Zeit retten.

Nach der demonstrativen Distanz zum libyschen Aufstand ist der schnelle Besuch als erster Regierungschef in Tripolis nach dem Sturz des Diktators deshalb auch der Versuch, verlorengegangenes Terrain wieder gut zu machen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gleiches Recht für alle
domaltan 13.09.2011
Als Merkel und Co. mit Gaddafi und all diesen Diktatoren munter Handel trieb, war alles in Ordnung. Wenn Erdogan jetzt seine Chance sieht, und seinem Kurs treu bleibt, soll es gefährlich und verwerflich sein ? Typisch europäische Heuchelei.
2. Sturzflug
Regulisssima 13.09.2011
Derweil setzt die türkische Lira ihren Sturzflug fort
3. Schade, dass man noch nicht weiß,
atherom 13.09.2011
Zitat von sysopÄgypten, Tunesien, Libyen - das sind die Stationen der Reise von Recep Tayyip Erdogan. Der türkische Ministerpräsident will sich nach den politischen Umwälzungen in Nordafrika als Führungsfigur der islamischen Welt in Szene setzen. Aber der Besuch steckt voller Gefahren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785800,00.html
wie der Volksaufstand in Syrien. Nachdem Erdogan bereits mit Ghaddafi falsch lag und eigentlich ein Assad-Freud ist, muss er jetzt abwarten, auf welche Seite er sich dort schlägt. Um die Zeit zu überbrücken, kann er ja immer noch auf Israel schimpfen: das versöhnt ihn mit den meisten Gastgebern und lässt die Peinlichkeiten seiner anderen Männerfreundschaften vergessen. Der das sein kürzlich verstorbene, ehemaliger Kampfgefährte und Mit-Gefängnisinsasse (Islamismus), der in ihm vor dem Tode einen zionistischen Agenten sah, erleben könnte...
4. Noch nicht lang her...
Tungay 13.09.2011
...da wurde ich als Verschwörungstheoretiker verlacht, als ich sagte, Erdogan strebt mit dem Islam zur Weltherrschaft, mit sich selbst als Führer. Ob er es schafft wir werden es sehen. Im arabischen Raum hat er die Unterstützung und die gesamte EU Clique hat keine Hemmungen ihre Bürger zu verraten.
5. etwas anderes erwartet?
janne2109 13.09.2011
wer kann etwas anderes erwartet haben als diese Haltung von E.? Nach der immer währenden Ablehnung der Aufnahme in die EU ist das ein nachvollziehbarer Schritt. Dennoch die Türkei liegt zum größten Teil nicht in Europa, gehört also auch nicht in die EU.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Türkei-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: