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Türkischer Protest gegen Schweizer Minarettverbot: Fatales Signal für die Christen

Von , Istanbul

Die türkische Regierung avanciert zum Wortführer gegen das Minarettverbot in der Schweiz. Religiöse Minderheiten hätten in seinem Land mehr Rechte als in Europa, behauptet Premier Erdogan - die tatsächliche Lage ist anders. Christen kämpfen im Alltag mit vielen Problemen.

Christen in Kirche in Istanbul: Enttäuschung über das Schweizer Referendum Zur Großansicht
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Christen in Kirche in Istanbul: Enttäuschung über das Schweizer Referendum

Istanbul ist die toleranteste und vielfältigste Stadt der Welt. Sagen die Istanbuler. Und verweisen stolz auf Moscheen, Kirchen und Synagogen, auf das reiche kulturelle Erbe von Byzanz und Konstantinopel. Als ein Idyll des friedlichen Miteinanders von Christen, Muslimen und Juden wollen auch die Veranstalter von "Istanbul 2010" ihre Stadt, die im nächsten Jahr europäische Kulturhauptstadt sein wird, verstanden wissen. Von Religionskonflikten, ja Pogromen gegen Andersgläubige, die auch Istanbul in seiner wechselvollen Geschichte ertragen musste, ist in den Werbebroschüren nichts zu lesen. Natürlich nicht. Sie passen schlecht ins rosige Bild, das die offizielle Türkei gerne von sich selber zeichnet.

"In der Türkei haben die religiösen Minderheiten mehr Rechte als in Europa", behauptete auch der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in einem Interview mit dem SPIEGEL vor zwei Jahren. Da passte es perfekt, dass sich im April diesen Jahres in Istanbul zum zweiten Mal eine muslimisch-westliche "Allianz der Zivilisationen" zusammenfand, um "Barrieren zwischen den Kulturen und Gesellschaften zu überwinden".

Doch gerade die Lage der Christen in der Türkei muss differenziert betrachtet werden: 100.000 bis 120.000 Christen leben nach inoffiziellen Schätzungen heute noch in der Türkei, das ist weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung. Die übergroße Mehrheit von ihnen wohnt in Istanbul. Die Stadt ist Sitz des ökumenischen Patriarchen, dem Oberhaupt der christlichen Weltorthodoxie - obwohl es kaum noch 2000 Griechen in Istanbul gibt. Auf etwa 60.000 wird dagegen die Zahl der Armenier geschätzt, auch sie haben ein Patriarchat in der Stadt. Daneben existieren vor allem assyrische beziehungsweise syrisch-orthodoxe sowie kleinere katholische und protestantische Gemeinden.

Während die Griechen, Armenier und Juden nach dem "Vertrag von Lausanne" von 1923 zu den drei staatlich anerkannten Minderheiten gehören und ihre eigenen Schulen und Kirchen unterhalten dürfen, haben es die assyrischen, katholischen und protestantischen Türken bedeutend schwerer. Im Südosten des Landes kämpfen die syrisch-orthodoxen Christen um die Rechtssicherheit ihres wichtigsten Klosters Mor Gabriel: Keine 3000 von ihnen leben heute noch in der Grenzregion zu Syrien, bis zu einer halben Million sollen es noch zu Anfang des letzten Jahrhunderts gewesen sein.

Hohe Staatsämter nur für Muslime

Bis in die neunziger Jahre wurde ihnen außerschulischer Unterricht in ihrer eigenen Sprache - dem Aramäischen - vom Staat verboten. Heute kämpfen sie um die volle Anerkennung ihrer Religion, ohne als Minderheit eingeengt zu werden: Denn nicht wenige Armenier, Griechen und Juden verstehen den Vertragsstatus von Lausanne heute als anachronistisch. "Die faktische Gleichsetzung von Türkentum und sunnitischem Islam passt nicht mehr in unser Jahrhundert und schon gar nicht in ein Land, das Mitglied der Europäischen Union werden will", sagt der türkisch-armenische Schriftsteller Raffi Hermonn. Obwohl sich ausgerechnet die islamisch-konservative AKP für Verbesserungen für die Minderheiten eingesetzt habe, gelten bis heute unumstößliche Dogmen: Ein hohes Staatsamt etwa könne nur ausfüllen, wer "echter Türke", also muslimischer Türke sei.

Noch schwieriger ist die Situation für die nicht angestammten Christen, für türkische Konvertiten oder ausländische Christen, die sich im Lande niedergelassen haben. Der Deutsche Rainer Korten findet deutliche Worte: "Es gibt keine Freiheit für uns" schimpft der 68-Jährige, der als Prälat seit einigen Jahren eine ökumenische deutschsprachige Gemeinde im südtürkischen Antalya leitet. Existieren könne diese freilich nur als Verein, vor einer rechtlichen Anerkennung als Religionsgemeinschaft schrecke der Staat zurück, so Korten. Und so gebe es zwar keine Probleme mit der muslimischen Nachbarschaft, aber mit den Behörden, die den Verein mit bürokratischen Auflagen und hohen Steuern schikanierten. "Ich lebe sehr gerne in der Türkei", sagt Korten. "Es gibt viel Herzlichkeit und intakte Familienstrukturen. Aber von einer tatsächlichen Akzeptanz für Christen und Andersgläubige kann nicht die Rede sein."

Bloß keinen jüdischen oder christlichen Nachbarn!

Wie wohl seine Landsleute über den Bau von Kirchen, gar solchen mit hohen Kirchtürmen, abstimmen würden, fragte der "Sabah"-Kolumnist Mehmet Barlas selbstkritisch. Kaum positiv, wie die Ergebnisse einer aktuellen türkischen Umfrage nahelegen: Danach lehnt jeder dritte Befragte ab, neben einem jüdischen oder christlichen Nachbar zu leben. Ein Nichtmuslim könne gar kein loyaler Staatsbürger sein, so das mehrheitliche Fazit. Ein "erschreckendes Ergebnis", wie auch der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc befand.

Doch muss die immer noch unbefriedigende Situation für Christen in der Türkei den Muslimen in Europa tatsächlich mit gleicher Münze heimgezahlt werden? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Davor warnt der evangelische Geistliche Holger Nollmann, der die kleine "evangelische Gemeinde deutscher Sprache" in Istanbul leitet. Er glaubt, dass die türkische Gesellschaft ja gerade erst dabei ist, sich zu demokratisieren und die Regierung für ihre Verhältnisse schon Gewaltiges geleistet habe: Dass etwa das Stiftungsrecht reformiert wurde und es den Christen in der Türkei zum ersten Mal seit Bestehen der Republik erlaubt sei, Immobilien zu erwerben.

Um für die Vorteile der Religionsfreiheit zu streiten, habe Nollmann auch immer auf die Rechte verwiesen, die Muslime in Europa genießen könnten. Entsprechend groß ist seine Enttäuschung über das Schweizer Referendum. "Gerade für die Christen in der muslimischen Welt ist dieser Volksentscheid das falsche Signal."

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Forum - Minarettverbot - isoliert sich die Schweiz international?
insgesamt 12807 Beiträge
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1.
mjv 29.11.2009
Auch wenn Toleranz nicht in Beliebigkeit umschlagen darf, wäre ein solches Ergebnis für ein zivilisiertes mitteleuropäisches Land unwürdig. Die Schweiz stellt sich damit ins Abseits.
2. Endlich...
Drumnbass, 29.11.2009
Herzlichen Glückwunsch den Eidgenossen/-innen. Religionsausübung, die in unser zum Glück säkularisierten Gesellschaft absolute Privatsache sein muss, braucht keine weitreichend sichtbaren Landmarken.
3.
wasissn, 29.11.2009
Ein erfreuliches Signal für Europa und die Europäer.
4. Endlich
Mülheimer, 29.11.2009
Zitat von sysopDie Schweizer haben sich offenbar in der Volksabstimmung gegen den Bau von Minaretten entschieden. Damit haben die Rechtspopulistischen Parteien ihr Ziel erreicht. Was bedeutet die Abstimmung für die schweizer Gesellschaft? Und wie wird die Entscheidung vom Ausland aufgenommen?
Ein Dankeschön an die Schweiz. Ein Glück das noch nicht alle so kuschen vor dem Islam. Wehret Euch vor den Anfängen eines islamischen Europas. Das Schlimme ist doch: Die meisten Politiker nehmen ja nicht mal zur Kenntnis was die Islamisten wollen. !
5. Völlig inakzeptabel!
GWeberBV 29.11.2009
Wer es Religionsgemeinschaften untersagt, Gotteshäuser in der für sie typischen Form zu errichten, der erweist allen Integrationsbemühungen einen Bärendienst. Diese Entscheidung ist für einen liberalen, aufgeklärten Staat absolut inakzeptabel. Die EU sollte deutlichen Widerspruch einlegen. Und ich werde zukünftig Produkte aus der Schweiz boykottieren.
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