Tunis - Tunesien steckt nach der Ermordung des Oppositionspolitikers Chokri Belaïd weiter in einer tiefen politischen Krise. Ministerpräsident Hamadi Jebali kündigte am Samstag seinen Rücktritt für den Fall an, dass die von ihm geplante Regierungsneubildung scheitert. Der Chef der Islamisten-Partei Nahda, Rachid Ghannouchi, wies eine Spaltung der Partei am Sonntag zurück.
Jebali sagte örtlichen Medien, er wolle spätestens Mitte der Woche ein neues Expertenkabinett vorstellen. Sollte seine Regierungspartei Nahda im Parlament die Zustimmung dazu verweigern, werde er zurücktreten. Es war das erste Mal, dass der Ministerpräsident mit Rücktritt drohte. Alle Schlüsselministerien, auch die von der Nahda besetzten Ressorts für Inneres, Justiz und Außenpolitik, müssten von unabhängigen Experten besetzt werden, forderte Jebali im französischen Sender France 24.
Jebali, der als Generalsekretär die Nummer zwei in der Partei ist, gehört dem gemäßigten Flügel der Nahda an, die nun vor einer Zerreißprobe steht. Der Ministerpräsident hatte am Mittwoch nach heftigen landesweiten Protesten wegen der Ermordung des linksgerichteten Belaïd mit der Ankündigung einer Regierungsumbildung überrascht. Seine Partei hatte das Vorhaben jedoch umgehend abgelehnt. Der radikale Parteiflügel drohte mit neuen Straßenprotesten, um die "Legitimität der Urnen" zu verteidigen.
Ghannouchi sagte der Zeitung "El Khabar" vom Sonntag, es gebe keine Spaltung innerhalb der Nahda. "Die Partei ist sehr genau, wenn es um ihre Einheit geht", sagte Ghannouchi. Meinungsverschiedenheiten würden "in aller Freiheit" ausgetragen. Der Zusammenhalt der Partei sei nicht gefährdet. Jebali habe "seine Entscheidung erklärt und seine Argumente vorgelegt", die Partei habe aber "Argumente, die nicht zwangsläufig zu dem gleichen Schluss kommen". Ghannouchi sprach sich zugleich gegen einen Rücktritt Jebalis aus.
Proteste gegen Frankreich
Am Samstag protestierten nahe der französischen Botschaft in Tunis mehr als 3000 islamistische Demonstranten. Zu der Kundgebung hatte Nahdas Jugendorganisation aufgerufen. Wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten, riefen sie gegen Frankreich gerichtete Parolen und ließen die islamistische Regierung hochleben. Der Protest richtete sich gegen Äußerungen des französischen Innenministers Manuel Valls, der nach Belaïds Ermordung von "islamistischem Faschismus" gesprochen hatte. Am Sonntag gab es erneut Proteste mit rund tausend Teilnehmern im zentraltunesischen Gafsa.
Belaïd war am Mittwoch in Tunis erschossen worden. Seine Angehörigen machen Nahda für seinen Tod verantwortlich. Zehntausende Menschen hatten sich am Freitag an den Trauerfeierlichkeiten beteiligt. Zugleich legte ein Generalstreik das öffentliche Leben vielerorts lahm.
An Solidaritätskundgebungen für die tunesische Opposition in Paris und Lyon sowie in den beiden Hafenstädten Marseille und Toulouse beteiligten sich am Samstag offenbar viele in Frankreich lebende Tunesier. Jeweils mehrere hundert Teilnehmer trugen tunesische Fahnen, Bilder des ermordeten Oppositionspolitikers und Transparente mit den Aufschriften "Es lebe ein laizistisches Tunesien" und "Wir sind alle Chokri Belaïd".
cte/AFP
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