Von Katharina Pfannkuch
Die Sonne brennt auf den staubigen Boden, vertrocknete Palmenblätter liegen verloren herum. Vereinzelt schlendern junge Leute vorbei, auf den Straßen herrscht nur wenig Verkehr. Genau hier, vor dem Postamt von Sidi Bouzid, einer Kleinstadt etwa 200 Kilometer südlich von Tunis, beging der erst 23-jährige Mohammed Bouazizi am 17. Dezember 2010 eine Verzweiflungstat, die heute als der Auslöser für die tunesische Revolution und für den sogenannten Arabischen Frühling gilt. Mit seiner Selbstverbrennung protestierte der junge Mann, der sich und seine Familie durch den Verkauf von Obst ernährte, gegen Drangsalierungen der tunesischen Behörden und gegen die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit im Land.
Heute, eineinhalb Jahre später, erinnert ein Denkmal in Sidi Bouzid an den Mann, der in Tunesien als Märtyrer verehrt wird. Es stellt eine Nachbildung des Verkaufswagens des Obsthändlers dar. Um den Wagen herum liegen umgestoßene Stühle, die den Fall des tunesischen Regimes symbolisieren. "Für die, die sich nach Freiheit sehnen" hat jemand mit Graffiti-Farbe an den Sockel des Denkmals gesprüht. Ein junges Paar lässt sich gerade vor dem Schriftzug fotografieren. "Wir sehnen uns noch immer nach Freiheit", sagt Karim, während seine Freundin die Fotos begutachtet. "Mohammed Bouazizi hat uns wachgerüttelt, aber die Ziele der Revolution haben wir noch lange nicht erreicht". Karim stammt aus Sidi Bouzid, lebt und arbeitet aber in Tunis. "Was soll ich hier schon tun?", fragt der frisch diplomierte Ingenieur. "Sieh dich um, hier hat sich nichts zum Besseren entwickelt, im Gegenteil."
"Sidi Bouzid hat nichts"
Das rund 40.000 Einwohner zählende Sidi Bouzid ist exemplarisch für die Kleinstädte im Landesinneren Tunesiens. Umgeben von Bergen und ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen, kämpft die Region um die Stadt seit Jahrzehnten mit wirtschaftlichen Problemen. Haupteinnahmequelle ist die Landwirtschaft - doch Zukunftschancen für die junge Bevölkerung bieten sich hier kaum. Von der Regierung unter Ben Ali fühlte sich die Bevölkerung in wirtschaftspolitischer Hinsicht übergangen: "Rund 80 Prozent des jährlichen Budgets für regionale Entwicklung gingen unter dem altem Regime an die Küstenstädte. Für das Binnenland blieben nur die übrigen 20 Prozent", erklärt Omar Smatli vom Institut für Höhere Technische Studien in Sidi Bouzid. Der Hochschulprofessor, der sich an den Protesten gegen Ben Ali beteiligte, bedauert die massenhafte Abwanderung junger Leute aus der Region: "Wir sind in den letzten Jahrzehnten nicht nur finanziell verarmt, sondern auch kulturell und moralisch."
Zwischen 1974 und 2010 hätten jedes Jahr rund 3000 junge Menschen das Gouvernorat Sidi Bouzid verlassen, um in Tunis, Sfax oder anderen Städten zu studieren, berichtet Smatli. Nichts habe sich durch die Revolution und die Wahlen im Oktober 2011 für Städte wie Sidi Bouzid verbessert. Knapp die Hälfte der Erwerbsfähigen im Landesinneren ist arbeitslos, in manchen Dörfern im Süden liegt die Arbeitslosenquote mittlerweile bei 70 Prozent. Die Hoffnung, die gerade die Bevölkerung im Süden des Landes im vergangenen Jahr in die islamistische Ennahda-Partei setzte, weicht wachsender Enttäuschung: Ihr Wahlversprechen, 600.000 neue Jobs zu schaffen, hielt die Partei nicht ein. Zwar entstanden durch Infrastrukturprojekte in der Region um Sidi Bouzid 10.000 neue Stellen, doch diese sind zeitlich begrenzt - und schlecht bezahlt. "Der neuen Regierung ist die regionale Entwicklung im Landesinneren gerade mal 29 Prozent ihres Budgets wert, die restlichen 71 Prozent gehen wieder an die Küstenstädte", sagt Smatli kopfschüttelnd. "Wer soll unter solchen Bedingungen ein Leben in Würde und Freiheit führen können? Es ist wie zu Ben Alis Zeiten. Sidi Bouzid hat nichts."
"Sidi Bouzid hat vor allem ein Problem", sagt Karim, während er sich auf dem Platz vor dem Denkmal für Mohammed Bouazizi umschaut, "das ganze Land hat ein Problem." Er deutet auf einen Informationsstand, den eine kleine Gruppe von Salafisten nur wenige Meter vom Denkmal entfernt aufgebaut hat. Mit dem Auftrieb des politischen Islam gewinnt auch die Bewegung der Salafisten an Bedeutung in Tunesien. Die als gemäßigt geltende Ennahda-Partei, die bei den Wahlen im Oktober 2011 die Mehrheit im Parlament gewann, steht angesichts der starken öffentlichen Präsenz der Salafisten unter Zugzwang - und vor einem Dilemma: Einerseits braucht die Ennahda-Partei den Rückhalt bei der säkularen Elite Tunesiens, um ihren Regierungsanspruch zu legitimieren. Auf der anderen Seite stehen konservative Muslime in den eigenen Reihen, die sich zunehmend den radikalen Auffassungen der Salafisten annähern. "Wenn es so weithergeht, ersticken die Islamisten die Ziele der tunesischen Revolution bereits im Keim", sagt Karim. "Freiheit und Würde kann es nicht geben ohne Meinungsfreiheit und wirtschaftliche Perspektiven."
Neue Gegner im Kampf für die Freiheit
Wie fragil die im Zuge der Revolution gewonnene Freiheit in Tunesien ist, zeigt sich in jüngster Zeit deutlich:
Zudem hat die Partei Schritt für Schritt Führungspositionen in staatlichen Medieneinrichtungen mit Vertrauten besetzt - zum Unmut vieler unabhängiger Journalisten. Wie sich die Personalpolitik der Ennahda-Partei auf die wirtschaftliche Lage Tunesiens auswirken kann, zeigte sich erst vor wenigen Tagen. Die Rating-Agentur Moody's stufte die Kreditwürdigkeit des Landes herab, nachdem der Chef der tunesischen Zentralbank, Mustapha Kamel Nabli, auf Bestreben führender Ennahda-Mitglieder hin entlassen wurde.
"Die, die sich nach Freiheit sehnen, werden auch weiter für sie kämpfen", sagt Karims Freundin nachdenklich und blickt auf die kleine Gruppe von Salafisten vor dem großen Denkmal für Mohammed Bouazizi. "Dieses Mal kämpfen sie nur gegen andere Gegner."
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