Tunesien: Madame Bensedrine feiert ihren späten Triumph

Von Udo Taubitz und Brigitte Neumann

Im Oktober geht für die einstige "Landesverräterin" Sihem Bensedrine ein Traum in Erfüllung: freie Wahlen in Tunesien. Zwar wird die Journalistin noch immer bei ihrer Arbeit behindert - aber sie muss nicht mehr um ihr Leben fürchten.

Figur des politischen Wandels: Bensedrine demonstriert im Februar vor dem Parlament Zur Großansicht
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Figur des politischen Wandels: Bensedrine demonstriert im Februar vor dem Parlament

Sihem Bensedrine ist eine 61-jährige Schönheit: schwarze Haare, fein geschnittenes Gesicht, die Augen blicken klar und entschieden in die Welt. Und obwohl sie kaum mehr als 1,50 Meter messen dürfte, strahlt sie die Tatkraft einer Riesin aus. "Worte können sehr mächtig sein", sagt sie sanft auf Französisch. "Nicht selten merkte ich, dass ich nur reden musste, und schon machte unsere Sache Fortschritte."

Bensedrines Sache ist die Freiheit Tunesiens. Bis zur Revolution im Januar war das nördlichste Land Afrikas autoritär von der Einheitspartei Neo Destour/RCD regiert worden. 55 Jahre lang. Und Sihem Bensedrine wurde zu einer der bekanntesten Oppositionellen.

Mit Worten kämpfte die Journalistin erst gegen den Herrscher Bourguiba und dann gegen den Diktator Ben Ali. Weil es keine unabhängigen Medien gab, startete Bensedrine 1999 mit ihrem Mann Omar Mestiri eine Website: Kalima - Die Stimme. Sie berichtete über Korruption und Folter, über alltägliche Schikanen durch die Zivilpolizei, über den systematischen Abbau der Freiheits- und Versammlungsrechte an den Unis. Die Redaktionsräume wurden zum Treffpunkt Oppositioneller und zur Anlaufstelle für Menschen, deren Angehörige politisch verfolgt wurden.

Zusammen mit anderen Menschenrechtsaktivisten gründete Bensedrine den Nationalen Rat für die Freiheit in Tunesien. Das Regime steckte die "Staatsfeindin" mehrmals ins Gefängnis. Doch als echte Gegnerin habe Ben Ali sie nie akzeptiert, sagt Bensedrine heute: "Er hat mich wie eine Frau von zweifelhaftem Ruf behandelt, wie eine Prostituierte." Die Schergen des Diktators verfolgten die prominente Regimegegnerin auch jenseits der Gefängnismauern: Sie kappten die Bremsleitungen ihres Autos. Tag und Nacht patrouillierten Zivilstreifen vor ihrem Haus. Jeder, der hinein wollte, wurde ausführlichen Kontrollen unterzogen - sogar die Spielkameraden ihrer drei Kinder. Immer wieder sah Bensedrine sich genötigt, das Land zu verlassen. Sie schlüpfte in Paris, Graz oder Hamburg unter.

Steiniger Übergang zur Demokratie

Ende 2009 wurde ihr die tunesische Staatsbürgerschaft entzogen. Das staatliche Fernsehen verkündete, Bensedrine sei eine Landesverräterin, eine Spionin des israelischen Geheimdienstes Mossad, und stünde im Übrigen auf der Schwarzen Liste der radikalislamischen Hamas. Das kam einem Todesurteil gleich. Sihem Bensedrine floh ins Exil nach Spanien. Aus der Ferne verfolgte sie wenige Monate später, wie junge Tunesier sich per Facebook und Twitter zur Revolution verabredeten. Die Dissidentin machte sich auf den Weg nach Hause - volles Risiko. Am Vormittag des 14. Januar überquerte sie die Grenze. Am Nachmittag ergriff Diktator Ben Ali die Flucht. "Es war der allerschönste Tag meines Lebens."

Seither steuert eine Übergangsregierung das Land. Für den 23. Oktober ist der erste freie Urnengang des tunesischen Volkes angesetzt. Bensedrine ist glücklich, "denn es ist das allererste Mal, dass nicht schon vorher feststeht, wie die Wahl ausgeht". Aber sie bleibt auch skeptisch. Der Diktator ist zwar weg, doch der Übergang zur Demokratie ist steinig. In vielen Verwaltungen sitzen noch dieselben Leute wie früher. "Sie blockieren die Pressefreiheit. Sie wissen, wie wichtig die Medien sind. Das ist auch der Grund, wieso die Medienlandschaft heute noch genau die gleiche ist wie vor dem Sturz Ben Alis."

Bensedrine hatte gleich im Januar eine Sendefrequenz für ein Radioprogramm beantragt. Sie wartet bis heute darauf. "Der Plan der Verwaltung ist klar", sagt sie, "sie wollen keine unabhängigen Medien vor den Wahlen. Zum Glück ist das Netz frei - und da gibt es uns."

Bensedrines Mission: Freie Wahlen ohne Betrug

Transparent, frei und ehrlich sollen die Wahlen sein, wünscht sich Sihem Bensedrine. "Wenn uns das gelingt, egal wer am Ende der Wahlsieger ist, dann wäre das der Grundstein für eine demokratische Gesellschaft in Tunesien." Mit ihrer Menschenrechtsorganisation Conseil National beobachtet sie den Wahlkampf. Die hat durchgesetzt, dass das neue Wahlgesetz Parität vorschreibt: Damit eine Kandidatenliste gültig ist, muss sie zur Hälfte weibliche und zur Hälfte männliche Kandidaten haben. "Und zwar abwechselnd. Nicht die Frauen hinten und die Männer vorn." Fast unglaublich in einem Land, in dem der Islam Staatsreligion ist.

Die größte Gegenwehr gegen das Gesetz kam überaschenderweise von den säkularen Parteien. Das Argument der Gegner: So viele Frauen, die sich aufstellen lassen, gibt es in Tunesien nicht. Bensedrines Antwort: Nehmen sie die Frauen, die auf die Straße gegangen sind - das müsste genügen.

Sihem Bensedrine ist zwar eine zentrale Figur des politischen Wandels in Tunesien, wo der arabische Frühling begann. Aber sie kandidiert für kein politisches Amt, gehört keiner der knapp 80 Parteien an, die zur Wahl antreten. "Ich gehöre der Zivilgesellschaft an, wie schon immer. Für mich ist die Herausforderung, dass wir eine systematische Wahlbeobachtung hinkriegen. Damit es keinen Betrug gibt. Das ist heute meine Mission."

Dass sie die Kraft zu einem jahrzehntelangen und eigentlich immer aussichtslos wirkenden Kampf hatte, ein Kampf, unter dem oft auch ihre Kinder litten, erklärt Bensedrine so: "Mein Vater war Richter und kämpfte für die Unabhängigkeit der Justiz. Die Familie meiner Mutter war im Widerstand gegen Bourguiba. Bei uns war klar, dass man für die Freiheit jedes nur denkbare Opfer bringt. Und dass persönliche Interessen erst in zweiter Hinsicht zählen."

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1. Bensedrine - Tunesiens Frauen gehört die Zukunft
2010sdafrika 08.10.2011
Tunesiens Frauen haben Gewicht im Lande. Der bisweilen auf den Säkularismus eingestellte Staat hat stets die Partizipation der Frauen in Staat und Gesellschaft gewährleistet. Allerdings sehen einige Tunesien-Analysten mit den Wahlen am 23. Oktober 2011 die Rolle des weiblichen Geschlechts für gefährdet an, sofern die Islamisten ein politisches Gewicht erhalten: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/07/27/tunesien-vom-irak-und-von-algerien-lernen/.
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Zur Person
Sihem Bensedrine ist eine Galionsfigur des Widerstands gegen die Diktatur Ben Alis. Sie wurde 1950 in Tunis geboren, studierte Philosophie in Toulouse, arbeite anschließend als Journalistin. Seit Ende der siebziger Jahre gehörte sie zu den führenden Persönlichkeiten der tunesischen Frauenbewegung. Von 1985 bis 1994 war sie Vorstandsmitglied der Tunesischen Liga für Menschenrechte. Ende der neunziger Jahre initiierte sie den Nationalen Rat für die Freiheit in Tunesien, dessen Sprecherin sie heute ist. Sie wurde mehrfach inhaftiert. 2002 erhielt sie den Johann Philipp Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit, 2004 den Kanadischen Press Freedom Award, ein Jahr später den englischen Media Award. Bensedrine ist Autorin mehrerer Bücher, u.a. "Despoten vor Europas Haustür. Warum der Sicherheitswahn den Extremismus schürt".

Fläche: 164.000 km²

Bevölkerung: 10,374 Mio.

Hauptstadt: Tunis

Staatsoberhaupt:
Moncef Marzouki

Regierungschef: Mehdi Jomaa

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