Tunesien: Proteststurm gegen die Islamisten

Von Ulrike Putz, Beirut

Mord an Brahmi: Wut in Tunesien Fotos
DPA

Der Mord am regierungskritischen Politiker Brahmi treibt Tausende Tunesier auf die Straßen. Ihr Zorn richtet sich gegen die regierenden Islamisten: Wie in Ägypten sollen sie von der Macht vertrieben werden. Die Opposition bereitet sich bereits auf einen Umsturz vor.

"Eine neue Welle des Terrors, ein Abstieg in die Hölle", titelt die Zeitung "La Presse de Tunesie" an diesem Freitag. Der Mord an Oppositionspolitiker Mohamed Brahmi schürt in Tunesien die Angst vor dem Absturz ins politische Chaos. In der Provinzstadt Sidi Bouzid, wo vor zweieinhalb Jahren der Aufstand gegen Diktator Ben Ali begonnen hatte, setzte eine wütende Meute das Büro der islamistischen Regierungspartei Nahda in Brand, Tausende folgten dem Aufruf der größten Gewerkschaft zu einem Generalstreik, europäische Fluggesellschaften mussten fast alle Flüge streichen (was Urlauber jetzt wissen müssen, lesen sie hier).

Aus Empörung über den Mord, bei dem Unbekannte Brahmi vor den Augen seiner Frau und seiner Tochter mit elf Kugeln durchsiebten, gingen am Freitag - trotz Ramadan und Hitze - im ganzen Land Tausende auf die Straßen. "Wir sind alle Mohammed Brahmi!", riefen sie, und "Degage!", Französisch für "Verschwindet!".

Der Schlachtruf, mit dem die Tunesier im Januar 2011 als erstes arabisches Land ihren damaligen Diktator Ben Ali aus dem Amt jagten und damit den Arabischen Frühling auslösten, richtet sich diesmal gegen die Islamisten, die die ersten freien Wahlen nach der Revolution gewannen. Die säkulare Opposition bezichtigt die Regierung, für den Politmord an Brahmi verantwortlich zu sein. Die von der religiösen Nahda-Partei geführte Koalition habe tatenlos zugesehen, wie religiöse Fundamentalisten in den Moscheen Tunesiens ihre hasserfüllten Botschaften verbreiteten, werfen die Regierungsgegner den Islamisten vor.

Die Regierung habe Gewalt und Terror zugelassen, deshalb sei es zur Ermordung Brahmis gekommen, sagte Ahmed Nejib Chabbi, Chef der oppositionellen al-Dschumhuri-Partei. Er forderte die Ablösung der Regierung. Im Februar hatten Proteste nach dem Mord an dem Oppositionspolitiker Chokri Belaïd die damalige Regierung zum Rücktritt gezwungen. Und jetzt steht auch noch fest: Brahmi und Belaïd wurden mit derselben Waffe erschossen.

Geheime Agenda der Islamisten?

"Wer die Regierung kritisiert, ist von jetzt an ein Ziel", sagte Bedsch Kaid Essebsi, Führer der Oppositionspartei Nidda Tunis, dem französischen Sender France24. Warum die Opposition die Schuldigen für die Ermordung Brahmis bei der Nahda-Partei sucht, ist klar: Brahmi war ein erklärter Gegner der islamistischen Partei, deren Anhänger unter Ben Ali verfolgt und ins Exil getrieben wurden. Mehrmals ging der 58-Jährige in Hungerstreik, um gegen die seiner Ansicht nach von einer geheimen Agenda bestimmte Politik der Islamisten zu protestieren. Lautstark bezichtigte der Gewerkschafter die Nahda, einen eigenen Geheimdienst aufzubauen und den Staat von innen auszuhöhlen. Dadurch wollten sich die tunesischen Islamisten - genau wie die Muslimbrüder in Ägypten - langfristig die Macht sichern.

Der Vergleich mit Ägypten ist in Tunesien allgegenwärtig: Wie in Ägypten stimmten auch in Tunesien säkulare Wähler nach dem Umsturz für die Religiösen, weil diese sich mit ihrer frommen Bescheidenheit so wohltuend von den korrupten Kleptokraten der vorherigen Regime abhoben. Und wie in Kairo setzte auch in Tunis schon kurz nach der Wahl die Ernüchterung ein: Weder die Muslimbrüder noch Nahda konnten die hohen Erwartungen erfüllen, dass sich mit der Demokratie auch die Lebensverhältnisse schlagartig verbessern.

In beiden arabischen Ländern reagierten die Machthaber ungeschickt auf Kritik und das wachsende Misstrauen gegen sie: Statt ihre Pläne offenzulegen, schotteten sich die Islamisten in Kairo wie in Tunis mit zunehmenden Druck von außen immer weiter ab: ein Reflex noch aus den Zeiten, in denen sie im Untergrund agierten.

Tamarod-Bewegung will den Wechsel erzwingen

Tunesiens Opposition hofft nun, dass die Islamisten, genau wie in Ägypten, vom Volk aus dem Amt gejagt werden könnten. Eine ebenfalls Tamarod ("Rebellion") genannte Jugendbewegung versucht seit Wochen, genügend Tunesier zu mobilisieren, um den Umsturz zu erzwingen. Doch bislang ist die Aktion noch ohne großen Erfolg: Die Tunesier gelten gemeinhin als gebildeter und daher nicht so anfällig für populistische Aktionen wie die Ägypter.

Doch aufgeschreckt vom Mord an Brahmi könnten sich nun genügend Tunesier finden, die gegen die Regierung aufbegehren und sie aus dem Amt treiben wollen. Das zumindest hofft Tamarod: Nach dem Attentat forderte die Organisation die Jugend in allen Provinzen auf, auf die Straße zu gehen - "bis diese Regierung fällt".

Auch Beobachter glauben, dass der Mord an Brahmi der Nahda-Partei nur schaden, der Opposition jedoch nutzen könne. "Es ist unwahrscheinlich, dass die Nahda-Führung mit diesem Mord in Verbindung steht", sagt William Lawrence vom Maghreb Center in Washington der Dubaier Zeitung "The National". Zwar sei es wahrscheinlich, dass Nahda-Anhänger hinter dem Anschlag steckten, doch hätten die Radikalen den Islamisten in der Regierung damit einen Bärendienst erwiesen: Die Empörung über den Mord werde die tunesische Tamarod-Bewegung stärken.

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insgesamt 126 Beiträge
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1. Die meisten Tunesier haben Islamisten gewählt ...
dekkers.e 26.07.2013
... weil sie dazu stehen. Der Kampf der Opposition gegen eine Mehrheit wird leider sehr schwer.
2.
el_comandante 26.07.2013
Man kann nur hoffen, dass es klappt, die Islamisten zu verjagen. Der Säkularismus sollte ruhig die Zähne zeigen, Bevormundung aus religiösen Gründen hat keine Existenzberechtigung.
3.
Olaf 26.07.2013
Zitat von sysopDer Mord am regierungskritischen Politiker Brahmi treibt Tausende Tunesier auf die Straßen. Ihr Zorn richtet sich gegen die regierenden Islamisten: Wie in Ägypten sollen sie von der Macht vertrieben werden. Die Opposition bereitet sich bereits auf einen Umsturz vor. Tunesien: Opposition will Islamisten aus dem Amt jagen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tunesien-opposition-will-islamisten-aus-dem-amt-jagen-a-913330.html)
Die sind ja dann wohl alle Islamophob.
4. Versand
Sabi 26.07.2013
Schicken wir C. Roth nach Tunis um die abtrünnigen Tunesier zum Islam zu bekehren !
5.
biobanane 26.07.2013
---Zitat--- Auch Beobachter glauben, dass der Mord an Brahmi der Nahda-Partei nur schaden, der Opposition jedoch nutzen könne. ---Zitatende--- Nach der Logik der hier immer "wem nützt es" Zitierenden war es wohl ein Mord aus den eigenen Reihen, oder habe ich da was falsch verstaden?
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Fläche: 164.000 km²

Bevölkerung: 10,374 Mio.

Hauptstadt: Tunis

Staatsoberhaupt:
Moncef Marzouki

Regierungschef: Mehdi Jomaa

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