Strafe für Homosexualität Gericht in Tunesien verurteilt Schwule zu drei Jahren Haft

Tunesien gilt als demokratisches Musterland der arabischen Welt. Doch das Bild bekommt Risse: Sechs Männer müssen dort nun wegen ihrer sexuellen Orientierung für drei Jahre ins Gefängnis.


Vor vier Tagen erhielt das tunesische Dialog-Quartett den Friedensnobelpreis. "Wenn jedes Land wie Tunesien gehandelt und die Grundlagen für Dialog, Toleranz, Demokratie und Recht geschaffen hätte, wären wesentlich weniger Menschen zur Flucht gezwungen", teilte das Nobelpreiskomitee in Oslo in seiner Begründung für die Auszeichnung mit.

Doch nun zeigt ein Urteil aus der Stadt Kairouan, dass Toleranz und Recht in Tunesien enge Grenzen haben. Dort hat ein Gericht sechs Studenten wegen homosexueller Handlungen zu jeweils drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Richter stützten sich dabei auf einen umstrittenen Artikel im tunesischen Strafrecht, der Sex unter Männern kriminalisiert.

Nachbarn hatten die Angeklagten vor wenigen Wochen angezeigt. Während des Verfahrens wurden sie nach Angaben ihrer Anwälte entwürdigenden Untersuchungen im Rektalbereich unterzogen. Einer der Männer wurde zu weiteren sechs Monaten Haft verurteilt, weil auf seinem Computer Schwulenpornos gefunden wurden.

Innenministerium verteidigt Urteil

Alle sechs Männer dürfen laut Urteil nach Verbüßen ihrer Haftstrafe fünf Jahre lang nicht in Kairouan leben. Die Stadt gilt seit Jahren als Hochburg der fundamentalistischen Salafisten.

Menschenrechtsgruppen kritisierten den Schuldspruch scharf und beklagten einen Rückschritt in der Rechtsprechung. Human Rights Watch nannte das Urteil skandalös und sprach von einem "schweren Übergriff auf das Privatleben von Menschen und ihre körperliche Unversehrtheit".

Ein Sprecher des tunesischen Innenministeriums hingegen verteidigte die Entscheidung der Richter mit Verweis auf geltendes Recht. "Es ist unsere Aufgabe des Gesetz aufrechtzuerhalten", sagte Walid Lougini dem Radiosender Shems FM. In zwei bis drei Wochen soll in dem Fall eine Berufungsanhörung stattfinden.

Erst im September hatte ein Gericht in Sousse einen Studenten wegen Homosexualität zu einem Jahr Haft verurteilt. Er kam im November auf freien Fuß, die Berufungsverhandlung ist für Donnerstag angesetzt. Nach dem Urteil vom September hatte der damalige Justizminister Salah Ben Aissa zur Entkriminalisierung von Homosexualität aufgerufen. Er wurde im Oktober entlassen.

syd/AFP

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