Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tunesiens Ex-Diktator Ben Ali: Lebensabend mit 1,5 Tonnen Gold

Von

Tunesiens Ex-Diktator: Die letzten Spuren von Ben Ali Fotos
AP

Ben Ali war vor fünf Jahren der erste Autokrat, den das Volk aus dem Amt jagte - es war der Beginn des Arabischen Frühlings. Mit angeblich 1,5 Tonnen Gold floh der Diktator aus Tunesien nach Saudi-Arabien. Was macht er dort eigentlich?

Unmittelbar vor der Flucht aus Tunis ließ Gattin Leila angeblich noch rasch 1,5 Tonnen Gold in das Privatflugzeug bringen. Dann entschwand Diktator Zine el-Abidine Ben Ali aus seiner Heimat Tunesien - vermutlich für immer. Ziel: Saudi-Arabien. Von dem Schatz soll die Familie nun im Exil zehren.

Ben Ali war der erste arabische Autokrat, der von seinem Volk aus dem Amt gejagt wurde, zu Beginn des Arabischen Frühlings vor fünf Jahren. Am 14. Januar 2011 setzte sich der damals 75-Jährige ab.

Der frühere Herrscher residiert mit Gattin, seiner 22-jährigen Tochter Halima und seinem 11-jährigen Sohn Mohamed unter dem Schutz der Königsfamilie in einer Luxussiedlung in der saudischen Hafenmetropole Dschidda. Dort lebte schon der ehemalige ugandische Diktator Idi Amin nach seinem Sturz 24 Jahre lang unbehelligt bis zu seinem Tode im Jahr 2003.

Die Saudis schirmen ihren Gast nach allen Seiten ab. Nur zwei Lebenszeichen des Ex-Diktators sind seither nach außen gedrungen: Im Oktober 2011 nahm er an der Trauerfeier für den verstorbenen saudischen Kronprinzen Sultan ibn Abd al-Aziz teil.

"Herr Ben Ali möchte keine Details preisgeben"

2013 postete Ben Alis Sohn Mohamed mehrere Bilder auf Instagram, auf denen der gestürzte Machthaber zu sehen war. Sie zeigten einen zufrieden und gesund wirkenden Endsiebziger mit schwarz gefärbten Haaren. Auf einem Foto trägt Ben Ali einen gestreiften Pyjama, inzwischen hat Ben Ali Junior den Instagram-Account gelöscht.

"Herr Ben Ali möchte keine Details über sein Leben preisgeben", teilt sein libanesischer Anwalt Akram Azoury mit. Tunesische Medien berichten, dass der Exilant über das Internet regelmäßig in Kontakt mit Geschäftsleuten in seinem Heimatland stehe und über die Entwicklungen auf dem Laufenden sei. Auch seine drei erwachsenen Söhne aus erster Ehe leben noch immer in Tunesien.

Zurück kann er nicht, jedenfalls nicht als freier Mann. Schon 2011 verurteilte ein Gericht in Tunis Ben Ali und seine Frau in Abwesenheit zu jeweils 35 Jahren Gefängnis und einer Strafzahlung von umgerechnet mehr als 45 Millionen Euro. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass sich die Präsidentenfamilie über Jahre Reichtümer angeeignet hatte, die schließlich ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes umfassten.

In einem weiteren Verfahren wurde Ben Ali 2013 zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er während der Revolution 2011 die Sicherheitskräfte zum Mord an Demonstranten angestiftet haben soll. Nach offiziellen Angaben wurden bei den Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten vor fünf Jahren 388 Menschen getötet.

Saudi-Arabien verweist auf "islamische Barmherzigkeit"

Die ehemalige First Lady Leila veröffentlichte 2012 ihre Memoiren "Meine Wahrheit", in denen sie alle Anschuldigungen brüsk zurückwies und die 24-jährige Alleinherrschaft ihres Mannes als Zeit des Wohlstands und der Stabilität für alle Tunesier verklärte. In einem Interview bestritt sie zudem Gerüchte, die seit dem Sturz immer wieder kursierten: Ihr Mann habe weder einen Schlaganfall erlitten noch sei er ins Koma gefallen. Und um die Ehe stehe auch alles zum Besten. Von Trennung könne keine Rede sein.

Tunesiens Justiz hat zwei internationale Haftbefehle gegen den einstigen Staatschef und seine Gattin ausgestellt. Saudi-Arabien weigert sich jedoch, Ben Ali auszuliefern. Das Königshaus verweist auf seine Gastfreundschaft und "die islamische Barmherzigkeit".

Vom einstigen Wirtschaftsimperium ist hingegen nicht mehr viel übrig. Früher kontrollierten Angehörige der First Lady Supermarktketten, Telekommunikationsfirmen und Medienunternehmen. Ein Teil wurde inzwischen privatisiert, der Rest steht unter der Kontrolle von Treuhändern, die vom Staat eingesetzt wurden.

Ein Überblick über die Staaten des Arabischen Frühlings, fünf Jahre danach:

Ägypten

Am 25. Januar 2011 beginnt der Aufstand am Nil. Das Regime versucht zunächst unter anderem mit einer Blockade des Internets die Mobilisierung der Opposition zu stoppen. Ohne Erfolg: Drei Tage später gehen bei den größten Protesten seit Jahrzehnten Millionen Menschen auf die Straßen. Im Militär wächst der Druck auf Diktator Mubarak, er wird am 11. Februar abgesetzt.

Ägyptens Jugend hofft auf einen demokratischen Aufbruch, doch die Armee bleibt mächtig. Bei den ersten freien Wahlen 2012 wird der Muslimbruder Mohammed Mursi zum Staatschef gewählt. Es gelingt ihm nicht, das Land voranzubringen, viele machen ihn für die wirtschaftliche Stagnation verantwortlich.

2013 mobilisieren Gegner der Islamisten zu neuen Massenprotesten – mit Billigung des Militärs. Am 30. Juni 2013 gehen Millionen Menschen gegen Mursi auf die Straße, Armeechef Abdel Fattah el-Sisi setzt den Präsidenten ab. In den folgenden Wochen töten Sicherheitskräfte Hunderte Anhänger der Muslimbrüder, Mursi landet im Gefängnis.

2015 lässt sich Sisi zum Präsidenten wählen, er regiert inzwischen ebenso autokratisch wie einst Mubarak. Oppositionelle werden schikaniert.

Tunesien

Als die ersten Ägypter auf die Straße gehen, hatten die Tunesier ihren Diktator bereits gestürzt. Am 14. Januar flieht Zine el-Abidine Ben Ali aus dem Land. Seither lebt er im Exil in Saudi-Arabien.

Begonnen hatte alles mit der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Er hatte mit seinem Suizid im Dezember 2010 gegen Willkür der Sicherheitskräfte protestiert. Seine Tat löste landesweite Proteste aus, die zum Sturz des Staatschefs führten.

Trotz aller Schwierigkeiten hat Tunesien seit 2011 ein demokratisches System etabliert. Im Parlament sind Islamisten und liberale Kräfte vertreten, es gibt eine verhältnismäßig freie Presse und starke Gewerkschaften. 2015 erhielt das Quartett für nationalen Dialog aus Gewerkschaftsbund, Industrieverband, Rechtsanwaltsverband und Menschenrechtlern den Friedensnobelpreis.

Wirtschaftlich hat sich für viele Tunesier seit 2011 nicht viel gebessert. Laut OECD findet nur jeder dritte Hochschulabsolvent einen Job, nach dem Terroranschlag auf ein Hotel im Sommer 2015 in Sousse schwächelt auch die Tourismusbranche. Die Unzufriedenheit nützt den radikalen Islamisten im Land.

Libyen

Am 17. Februar 2011 bricht der Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi in Libyen los. Schon nach wenigen Tagen übernehmen die Aufständischen die Kontrolle über Bengasi, die zweitgrößte Stadt des Landes.

Von Osten kommend übernehmen die Rebellen immer mehr Küstenstädte und rücken auf Tripolis vor. Doch Gaddafi setzt seine Luftwaffe ein und steht Anfang März mit seinen Truppen vor dem Sturm auf Bengasi.

Die Welt fürchtet ein Massaker. Am 17. März verabschiedet der Uno-Sicherheitsrat Resolution 1973, die den Schutz der Zivilbevölkerung mit militärischen Mitteln und die Einrichtung einer Flugverbotszone vorsieht. Die folgenden Luftangriffe der Nato ermöglichen den Rebellen den Vormarsch. Ende August stürmen die Aufständischen Gaddafis Palast in Tripolis. Der Diktator ist da schon längst geflohen, er wird am 20. Oktober 2011 in seiner Heimatstadt Sirt gefasst und kurz darauf getötet.

Kurz nach Gaddafis Tod zerfällt das wacklige Rebellenbündnis. Seither konkurrieren Milizen um Macht und die Verteilung der Öleinnahmen. Inzwischen gibt es zwei konkurrierende Parlamente. Unter Uno-Vermittlung haben die Konfliktparteien die Bildung einer Einheitsregierung beschlossen, die Umsetzung lässt jedoch auf sich warten.

Das Chaos spielt der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in die Hände, die inzwischen mehrere Küstenstädte kontrolliert. Die Dschihadisten haben angekündigt, nun auf die Ölfelder im Landesinneren vorzurücken.

Bahrain

Die Wut auf das Herrscherhaus gärte lange in Bahrain, am 14. Februar 2011 brach sie hervor. Schiitische Gruppen hatten zur Protesten gegen die sunnitische Königsfamilie aufgerufen. Auch die Ankündigung von Herrscher Hamad, jeder Familie umgerechnet rund 2000 Euro zu schenken, konnte die Demos nicht verhindern.

Die Demonstranten besetzten den Perlenplatz im Zentrum der Hauptstadt Manama. Sicherheitskräfte schritten gewaltsam ein.

Am 14. März rief der König den Nachbarn Saudi-Arabien zur Hilfe. Riad schickte knapp 2000 Soldaten in den Golfstaat von der Größe Hamburgs. Die Truppen räumten den Perlenplatz und rissen das Denkmal ab, das zum Symbol der Proteste geworden war.

Seither ist Bahrain quasi saudi-arabisches Protektorat, Riad bestimmt die außenpolitische Ausrichtung. Die Opposition wird gewaltsam unterdrückt, Hunderte Regierungsgegner sitzen im Gefängnis. Saudi-Arabien fürchtet, dass die Proteste auch die Schiiten im eigenen Land zu neuen Demonstrationen anstacheln könnten.

Saudi-Arabien

Das saudische Königshaus stilisiert sich gern als Stabilitätsanker im Nahen Osten - als Land, an dem die Entwicklungen in den Nachbarstaaten weitgehend unbemerkt vorüberziehen. Doch als in Bahrain die Schiiten gegen die sunnitischen Herrscher auf die Straße gehen, erhebt sich auch die Minderheit in Saudi-Arabien.

Mehrfach demonstrieren Schiiten in der Ostprovinz gegen das radikal-sunnitische Königshaus, das die Minderheit als Häretiker betrachtet. Angeführt werden die Proteste vom Geistlichen Nimr Baqir al-Nimr. Am 8. Juli 2012 nehmen Sicherheitskräfte den Ajatollah fest, am 2. Januar 2016 wird der Oppositionelle hingerichtet. Die Vollstreckung sorgt international für Schlagzeilen.

Syrien

"Das Volk will den Sturz des Regimes": Diesen Slogan der ägyptischen Revolution sprühen Schulkinder im Februar 2011 an eine Häuserwand in der südsyrischen Stadt Daraa. Die Kinder werden festgenommen und gefoltert. Daraufhin protestieren in dem Ort Tausende Menschen gegen das Assad-Regime.

Bald darauf greifen die Unruhen auf andere Städte über. Von Anfang an gehen die Sicherheitskräfte gewaltsam dagegen vor. Sie schießen auf Unbewaffnete und verschleppen Oppositionelle.

Daraufhin greifen auch immer mehr Aufständische zu den Waffen. Zudem desertieren Tausende Soldaten und schließen sich zur Freien Syrischen Armee zusammen.

Stück für Stück entgleitet dem Regime die Kontrolle über Landesteile. Die Terrororganisation al-Qaida im Irak nutzt das Chaos und schickt Kämpfer nach Syrien. Daraus entsteht die Nusra-Front, die bis heute mit al-Qaida verbündet ist. Später spaltet sich davon der "Islamische Staat" (IS) ab, der im Sommer 2014 ein "Kalifat" im Irak und in Syrien ausruft.

Inzwischen ist Syrien in verschiedene Machtbereiche zerfallen: Der IS kontrolliert den Nordosten, das Regime das Kernland nördlich von Damaskus und den Küstenstreifen am Mittelmeer. Dazwischen kämpfen verschiedene Rebellenbündnisse um Macht und Einfluss. Doch auch nach knapp fünf Jahren kann sich die Opposition nicht auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Assad und einen Plan für die Zukunft Syriens einigen.

Jemen

Zunächst sieht es so aus, als könnte der Jemen im Arabischen Frühling zum Vorbild für andere Staaten werden. Zehntausende Menschen gehen seit Ende Januar 2011 Woche für Woche gegen Staatschef Ali Abdullah Saleh auf die Straße, der seit 1978 regiert.

Sie protestieren gegen eine Verfassungsänderung, die dem Diktator eine Amtszeit bis zum Tode ermöglichen soll. Als der Druck der Demonstranten wächst, drängt Saudi-Arabien Saleh zum Machtverzicht. Im November 2011 willigt der Diktator schließlich ein. Er übergibt die Macht an Stellvertreter Abd Rabbuh Mansur Hadi, im Gegenzug erhält Saleh Immunität.

Doch schon die Präsidentenwahl im Februar 2012 enttäuscht die Opposition: Hadi ist der einzige zugelassene Kandidat.

Hadi ist der Liebling Saudi-Arabiens, die schiitische Huthi-Miliz, die seit 2004 einen bewaffneten Aufstand gegen die Regierung in Sanaa führt, lehnt den neuen Staatschef ab.

Die Huthis gewinnen an militärischer Stärke, Anfang 2015 vertreiben sie Hadi und seine Verbündeten aus der Hauptstadt Sanaa und übernehmen de facto die Macht. Daraufhin startet Saudi-Arabien im März 2015 mit mehreren verbündeten Staaten eine Militäroffensive gegen die Aufständischen.

Nach knapp einem Jahr hat Riad die erklärten Kriegsziele noch immer nicht erreicht. Die Huthis kontrollieren Sanaa und andere große Städte, zudem wächst im Süden und Osten die Macht der Terrororganisation al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Doppelzüngigkeit?
Tharsonius 27.01.2016
Zitat: Das Königshaus verweist auf seine Gastfreundschaft und "die islamische Barmherzigkeit". Zitatende Wie wäre wenn das Königshaus bei den ganzen Menschenrechtsverstößen und politisch/religiös motivierten Gerichts- bzw Todesurteilen mal diese islamische Barmherzigkeit walten lassen würde? dann würde es vlt auch mit der Glaubwürdigkeit klappen!
2. Naja
Flying Rain 27.01.2016
Naja von 1,5 tonnen, also fast 60 Millionen Euro kann man denke ich schon gut leben...
3.
jana45 27.01.2016
Normalerweise wird doch in Saudi Arabien Dieben die Hand abgehackt - oder? Und die grössten Schurken leben unbehelligt im Luxus. Dies nennt sich dann islamische Barmherzigkeit. Und mehr kann ich dazu nicht sagen - ohne Verwünschungen und Flüche gegen diesen Verbrecherstaat auszusprechen.
4. In der guten alten Zeit war es Estoril
dunnhaupt 27.01.2016
... wo abgetakelte Könige wie Carol von Rumänien und Faruk von Ägypten ihren Lebensabend geruhsam verbrachten. Offen ist aber noch, wohin die jetzigen Potentaten der Welt fliehen werden. Einige (bislang noch leere) Luxusvillen sollen bereits reserviert sein.
5. 45 Millionen?
waldi4711 27.01.2016
Bitte diesen Betrag noch einmal prüfen. Er ist wohl doch viel zu niedrig gegriffen, soviel hatte gerade mal uns Hoeness erschlichen..
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: