Tunesische Frauenrechtlerin "Femen, bitte lasst uns in Ruhe"

Der Nacktprotest in Tunesien hat einer Deutschen und zwei Französinnen Haftstrafen eingebracht. Jetzt fordern selbst tunesische Feministinnen ein Ende der Femen-Aktionen in ihrem Land. Denn: "Ihr macht kaputt, wofür wir gekämpft haben."

AFP

Berlin - Mit ihrem Oben-ohne-Protest in Tunis haben drei europäische Femen-Aktivistinnen Tunesien verstört. Nachdem sich bereits islamistische Vertreter erzürnt zeigten, äußern nun auch Tunesiens Feministinnen ihren Ärger über die Aktion. "Femen, bitte lasst uns in Ruhe", appelliert die tunesische Feministin und Oppositionschefin Maya Jribi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ihr riskiert, alles kaputt zu machen, wofür wir gekämpft haben."

Ende Mai hatten zwei französische und eine deutsche Femen-Aktivistin in Tunis mit nackten Brüsten demonstriert. Es war der erste Einsatz der Gruppe in einem arabischen und muslimischen Land. Wegen sittenwidrigen Verhaltens in der Öffentlichkeit wurden sie am Mittwoch von einem tunesischen Gericht zu vier Monaten Haft verurteilt.

Die drei jungen Europäerinnen wollten mit ihrer Aktion die tunesische Femen-Aktivistin Amina Sboui unterstützen. Sie sitzt in Tunesien in Haft, seit sie das Wort "Femen" als Graffiti auf eine Mauer in der Nähe eines Friedhofs geschrieben hatte. Ihr werden Friedhofsschändung und Unsittlichkeit vorgeworfen.

"Wir haben schon genug Probleme in Tunesien. Femen, bitte fügt nicht noch ein weiteres hinzu", sagt Maya Jribi. Die 53-jährige tunesische Politikerin setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte der Frauen ein, erst unter dem autoritären Regime von Zine el-Abedine Ben Ali und nun unter der von den Islamisten geführten Koalitionsregierung.

Femen macht das Spiel der Islamisten mit

Tunesien ist in der arabischen Welt ein Vorreiter, was Frauenrechte angeht. Es gibt eine Jahrzehnte alte Feministinnen-Bewegung, zu der auch Jribi gehört. Mit ihr ist eine Frau Chefin einer der wichtigen politischen Parteien, der sozialdemokratischen Al Dschumuhuri. Jribi gehört zu den lautesten Stimmen in der verfassungsgebenden Versammlung, die sicherstellen wollen, dass nach dem Sturz von Ben Ali die Rechte der Frau in Tunesien nicht zurückgeschraubt werden unter dem Druck von Radikalen.

"Wir haben in Tunesien einen anderen kulturellen und politischen Kontext als in Deutschland", sagt Jribi. "Bei uns versuchen die Islamisten die Frauenfrage zur Identitätsfrage zu erklären." Frei nach dem Motto: Emanzipierte Frauen - das sei doch ein Konzept des freizügigen, verlotterten Westens, das passe nicht zu Tunesien. "Wir tunesischen Feministinnen versuchen die Diskussion von der Identität wegzulenken. Frauenrechte sind eine soziale und politische Frage", sagt Jribi.

Bundesregierung besorgt über Schicksal der Femen-Frauen

Doch die Bemühungen der tunesischen Frauen seien nun durch Femen gefährdet, klagt Jribi. Die europäischen Aktivistinnen machen auf ihre Art das Spiel der tunesischen Islamisten mit. Auch sie machen aus der Emanzipation der Tunesierinnen eine Identitätsfrage und einen Kulturkampf, indem sie ihre Aktion als "Oben-Ohne-Dschihad" bezeichnen.

Nach der Verurteilung ihrer Aktivistinnen am Montag hat Femen bereits weitere Proteste in Tunesien angekündigt. "Bitte nicht", appelliert Jribi. "Es gibt andere Wege, für Frauenrechte in Tunesien einzutreten, als sich auszuziehen."

Die Bundesregierung hat sich unterdessen besorgt über die Verurteilung der Aktivistinnen gezeigt. "Der Rechtsbeistand der drei Frauen hat entschieden, gegen das Urteil Berufung einzulegen", teilte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts mit. Die deutsche Botschaft in Tunis werde "die deutsche Staatsangehörige weiter konsularisch betreuen und das Verfahren aufmerksam verfolgen".

Aus Kreisen des Auswärtigen Amts hieß es weiter, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), werde nach Tunesien reisen. Er wolle den Aktivistinnen in der Haft einen Besuch abstatten.

Mit Material von AFP

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 140 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mel80 13.06.2013
1. Iq?
Zitat von sysopAFPDer Nacktprotest in Tunesien hat einer Deutschen und zwei Französinnen Haftstrafen eingebracht. Jetzt fordern selbst tunesische Feministinnen ein Ende der Femen-Aktionen in ihrem Land. Denn: "Sie spielen den Islamisten in die Hände." http://www.spiegel.de/politik/ausland/tunesische-frauenrechtlerin-kritisiert-femen-fuer-oben-ohne-protest-a-905489.html
Vielleicht sollte Femen Mädels aussuchen, die über einen höheren IQ verfügen. Denn es war doch jedem klar, dass eine solche Aktion den radikalen Islamisten in die Hände spielt. Ich fand es bisher gut was sie machten. Aber bei solchen Aktionen kann ich nur den Kopf schütteln.
serbmem 13.06.2013
2. optional
Daran sieht man, dass die Aktionen der Femen reine Selbstdarstellungsaktionen sind. Ohne Sinn und Verstand und ohne irgendwie auf den sozialen und gesellschaftlichen Kontext einzugehen. Und ausserdem: bei so vielen nackten Brüsten werden nackte brüste mit der Zeit langweilig. Aber vielleicht ist das ja auch der tiefere Sinn dieser Aktionen.
Tom Joad 13.06.2013
3. Gut gemeint heißt noch lange nicht gut gemacht
Zitat von sysopAFPDer Nacktprotest in Tunesien hat einer Deutschen und zwei Französinnen Haftstrafen eingebracht. Jetzt fordern selbst tunesische Feministinnen ein Ende der Femen-Aktionen in ihrem Land. Denn: "Sie spielen den Islamisten in die Hände." http://www.spiegel.de/politik/ausland/tunesische-frauenrechtlerin-kritisiert-femen-fuer-oben-ohne-protest-a-905489.html
Recht haben sie, die Tunesierinnen. Jetzt wird sich zeigen, ob die Aktivistinnen von Femen außer T... auch Hirn haben. Man muss ja (sofern man über ein Mindestmaß an kulturellem Einfühlungsvermögen verfügt) nur einmal ganz kurz nachdenken, um zu dem Schluss zu kommen, dass solche Aktionen in muslimischen Ländern vor allem eines sind: kontraproduktiv.
Sasapi 13.06.2013
4. ..........
Ich frage mich - als Deutsche- schon relativ lange- warum muß man sich denn unbedingt ausziehen, um für Frauenrechte einzutreten? Wenn ich meine Meinung durchsetzen möchte, dann will ich zu allererst mal ernst genommen werden. Stehe ich irgendwo barbusig kreischend, dann ist es mit dem "Ernst genommen werden" wohl etwas schwierig. Auffallen werde ich dann aber sicherlich. Aber- obs das bringt??
caecilia_metella 13.06.2013
5.
Im Zweifelsfall würde ich immer den Frauen beistehen. Es blamieren sich nur die Männer, die nicht zugeben wollen, dass ihnen längst bekannt ist, wie Menschen auszusehen haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.