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03. Juni 2012, 11:54 Uhr

Staudammbau in Äthiopien

Tödlicher Fortschritt am Turkana-See

Von Horand Knaup, Nairobi

Hunderttausenden Menschen droht eine ökologische Katastrophe: Ein gigantischer äthiopischer Staudamm könnte dazu führen, dass der Turkana-See in Kenia noch weiter austrocknet. Die Region gilt jetzt schon als eine der gewalttätigsten Afrikas - die Konflikte würden sich weiter verschärfen.

Was für eine Hitze! 18 Monate lang kein Regen, 45 Grad im Schatten, und eine Luft, die beim Atmen brennt. Der Turkana-See, unweit des Äquators an der kenianisch-äthiopischen Grenze gelegen, ist etwas für Überlebenskünstler. Der größte Wüstensee der Erde, mehr als zehnmal so groß wie der Bodensee, ist ein kleines Meer ohne Abfluss, das sein Wasser nur durch Verdunstung verliert. Die Region gilt als das Armenhaus Kenias, und wenn es Hilfslieferungen für das Land gibt, landet regelmäßig ein beträchtlicher Teil davon am Turkana-See.

Der See schrumpft beständig, Hunderte von Quadratkilometern liegen inzwischen trocken, und der Wasserspiegel sinkt weiter. Fünf bis sieben Meter waren es wohl in den vergangenen 30 Jahren, sagen Anwohner und bei Kalokol, einem Städtchen am Westufer, kann man den dramatischen Rückgang besichtigen. Dort landeten einst die Fischerboote an einem langen Steg an. Heute ist der Steg verrottet und das Seeufer weit von der Siedlung weggerückt. Daran ändern auch die Niederschläge der vergangenen Wochen nichts.

Weltweit trocknen Binnengewässer aus, der zentralasiatische Aralsee genauso wie der Tschad- oder der Titicacasee an der peruanisch-bolivianischen Grenze. Doch kaum irgendwo wird so erbittert um die verbleibenden Ressourcen - die Fische, das Wasser und das Weideland - gestritten wie an der Grenze zwischen Kenia und Äthiopien. Es wird geschossen, geraubt und gemordet, und Dutzende von Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, haben allein in den vergangenen zwölf Monaten ihr Leben verloren.

Überfälle, Rinderdiebstähle und Entführungen gab es schon immer zwischen den äthiopischen Dassenech und den kenianischen Turkana. Doch seit ein Maschinengewehr zur Standardausrüstung junger Männer in der Grenzregion gehört, hat sich der Blutzoll dramatisch erhöht. Joseph Arbanish ist ein junger Äthiopier, der auf der kenianischen Seite eine Schulausbildung genossen hat - als einziger seines Dorfes. Er kennt die Riten seines Volkes. Er sagt: "Du musst einen Menschen töten, wenn du bei den Dassenech als Mann akzeptiert werden willst."

Ein Kraftwerk soll Äthiopien zum Strom-Exporteur befördern

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Zum vollständigen Bild gehören die grundlegend veränderten Lebensbedingungen. "Es geht um den Zugang zum Wasser und zum Weideland", sagt Pater Steven Ochieng, der in Todonyang eine Mission betreibt. Todonyang ist eine kleine Streusiedlung ganz im Norden Kenias, danach kommen nur noch Ödnis und die Grenze zu Äthiopien.

Seit knapp zehn Jahren versucht der Pater, einen Funken Fortschritt in die Region zu bringen. Seine Mission betreibt eine Schule, eine kleine Krankenstation, und wenn sich Turkana und Dassenech mal wieder beschießen oder sich das Vieh rauben, tritt der Pater auch als Vermittler auf. "Ich bin kein Fachmann", sagt er, "aber offensichtlich ist, dass es weniger regnet und dass der See zurückgeht."

Das Klima hat sich geändert, sagen auch die Turkana. Aber schuld an dem sinkenden Wasserspiegel ist wohl nicht zuletzt der Mensch, der massiv in die Natur eingreift.

Denn der Turkana-See hat, abgesehen von zahlreichen saisonalen Zuflüssen, nur einen ständigen Zufluss, den Omo River. Der entspringt in Äthiopien und speist den See zu rund 90 Prozent. Doch 600 Kilometer stromaufwärts bauen die Äthiopier gerade einen gigantischen Staudamm mit der höchsten Talsperre des Kontinents. Zwei Milliarden Dollar soll Gibe III kosten, er wäre der zweitgrößte Staudamm in Afrika nach der Assuan-Aufstauung. Das dazu gehörige Kraftwerk soll das notorisch energiearme Äthiopien in wenigen Jahren nicht nur ins Industriezeitalter katapultieren, sondern gleich auch zum Strom-Exporteur befördern. Es gibt nicht viele davon in Afrika.

Die Expertise der Italiener strotze nur so von Fehlern

In Italien und China und zunächst auch bei der Weltbank fanden die Äthiopier willige Helfer, die Kredite, Technologie und Erfahrung bereitstellten, um das Riesenprojekt voranzutreiben. Die Italiener lieferten auch gleich eine Machbarkeitsstudie mit dem gewünschten Ergebnis mit: keine negativen Auswirkungen auf den Turkana-See.

Ein knappes Jahr später kam eine Expertengruppe aus Europa, den USA und Ostafrika zu einem grundlegend anderen Befund: Die Expertise der Italiener strotze nur so von Fehlern und Ungenauigkeiten. Die externen Fachleute befürchteten eine Reihe negativer Folgen, von denen einige "katastrophale" Auswirkungen auf den See haben könnten. Um bis zu zwölf Meter könnte der Wasserspiegel fallen, mindestens 200.000 Bauern und Viehzüchter wären betroffen. Die lokalen Ethnien, ohnehin schon umfassend bewaffnet, würden in weitere Konflikte getrieben, die Autoren warnten vor einem "größeren humanitären Desaster".

Am meisten Sorgen bereitet den Autoren der poröse Basaltuntergrund unter dem geplanten Stausee. 50 bis 75 Prozent des Wassers, das heute noch in den Turkana-See fließt, könnten dann einfach versickern.

Der Staudamm verschärft den Kampf ums Überleben

Es ist der immer wiederkehrende Konflikt: Um den Fortschritt in den Metropolen voranzutreiben, Strom zu gewinnen und die Wirtschaft zu entwickeln, werden an anderen Stellen Ressourcen und Lebensgrundlagen geopfert. In diesem Fall wären der See und seine Anwohner die Leidtragenden.

Ein anderer Umstand kommt hinzu: Am Unterlauf des Flusses sind in den vergangenen Jahren riesige Getreide- und Baumwollplantagen entstanden, die alle mit dem Wasser des Omo-Flusses bewässert werden. Weitere sind geplant. Auch die Bewässerungswirtschaft hat mutmaßlich zum sinkenden Wasserstand des Sees beigetragen.

So sieht es jedenfalls Ikal Angelei, die den Widerstand gegen den Staudamm organisiert und die renitenten "Freunde des Lake Turkana" anführt. Die 31-Jährige ist eine der wenigen Turkana, die studiert hat. Ihr Vater war Abgeordneter im kenianischen Parlament, und sie kennt seit ihrer Kindheit die Konflikte um Vieh, Weideland und Zugang zum Wasser. "Es sind ohnehin schon zu viele Menschen und zu viele Tiere, der Klimawandel kommt dazu und jetzt auch noch der Staudamm und die Plantagen - das ist zu viel für das Gleichgewicht", sagt sie nüchtern.

Sie hat den Schutz des Sees und den Kampf gegen den Staudamm zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Sie reiste nach New York, Prag und London, und sie entwickelte mit ihrem Engagement einen solchen Druck, dass die Weltbank, die Afrikanische Entwicklungsbank und auch die Europäische Entwicklungsbank Darlehenszusagen zurückzogen. Nur die Chinesen sind noch gewillt zu helfen. Aber der Bau des Staudammes stockt.

Die kenianische Regierung gibt sich sorglos

Ihr Engagement hat sich herumgesprochen, vor allem amerikanische Umweltgruppen unterstützen Ikal Angelei, und Ende April wurde sie in Washington mit dem 150.000-Dollar schweren Goldman-Preis ausgezeichnet, einem der weltweit renommiertesten Preise für lokale Umweltbewegungen. Unterstützt wird sie von Richard Leakey, einem der bekanntesten Paläoanthropologen, der vor Jahren am Turkana-See Reste des zwei Millionen Jahre alten Homo habilis entdeckte.

Angelei, Leakey und ihre Freunde fürchten, dass der Damm das gesamte Ökosystem der Region auf den Kopf stellen könnte, das schon jetzt höchst fragil ist. Sie fordern zuvorderst eine neutrale Umweltverträglichkeitsprüfung für den Staudamm.

Sorglos gibt sich dagegen die kenianische Regierung, die, vertraglich geregelt, nach Fertigstellung des Kraftwerks 500 Megawatt von den Äthiopiern abnehmen will. Kein Wunder, den Norden des Landes hat sie schon immer vernachlässigt.

Selbst John Munyes, der Minister für Arbeit in Nairobi, der aus der Region stammt, lässt Kritik erkennen. "Meine Regierung will das Land voranbringen, aber sie vernachlässigt dabei die entlegenen Regionen." Laut will er das nicht sagen, denn als er das gleiche etwas deutlicher kürzlich im TV-Sender al-Dschasira formulierte, erreichten ihn selbst aus Äthiopien besorgte Anrufer: "Willst du unsere guten Beziehungen kaputtmachen?" Seither äußert er sich nicht mehr offiziell. Nur so viel: "Als Wahlkreis-Abgeordneter sage ich, dass wir eine Studie brauchen, die uns genau über die Folgen des Staudamms aufklärt."

Gefährdet ist das Ökosystem der gesamten Region

Aber auch auf der anderen Seite der Grenze, in Äthiopien, sind sie besorgt. Im Örtchen Sies ist der Fortschritt ein Fremdwort. Die Hüttensiedlung liegt mitten im Wüstenstaub, früher war das Seeufer nur einen Steinwurf entfernt. Es gibt keine Schule, keine Krankenstation und Elektrizität sowieso nicht. Die kleinen Kinder springen nackt durchs Dorf, die Frauen tragen die Brüste offen und berühren neugierig die fremde Haut der weißen Besucher.

Um sie für das Projekt zu begeistern, hat die Regierung in Addis Abeba die Meinungsmacher der Region zu einer Besichtigungstour an die Kraftwerksbaustelle gefahren. Auch Lotikori, der Dorfälteste und als solcher eine Art Bürgermeister, war dabei. Er war beeindruckt, von der Staumauer, den gigantischen Erdbewegungen, der Größe des Projekts. Aber ihm dämmerte zugleich: "Wie sollen wir denn von dem Kraftwerk profitieren - wir haben doch gar keinen Strom im Dorf?"

Ohnehin plagen ihn ganz andere Sorgen: "Früher war der See hier, wo wir jetzt sitzen. Das fruchtbare Delta war nah und wir konnten unser Vieh dort weiden lassen. Heute ist der See weit entfernt und der Zugang schwierig."

Schon heute ist der Alltag für Lotikori und seine Leute ein permanenter Überlebenskampf. Wenn eines Tages der Strom von Gibe III bis nach Kenia fließt, wird es Sies vermutlich nicht mehr geben, der See wird nur noch halb so groß wie heute sein. Und Pater Steven sagt: "Das ist ohnehin eine der gewalttätigsten Regionen Afrikas. Und die Konflikte werden sich weiter zuspitzen."

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