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Staudammbau in Äthiopien: Tödlicher Fortschritt am Turkana-See

Von Horand Knaup, Nairobi

Hunderttausenden Menschen droht eine ökologische Katastrophe: Ein gigantischer äthiopischer Staudamm könnte dazu führen, dass der Turkana-See in Kenia noch weiter austrocknet. Die Region gilt jetzt schon als eine der gewalttätigsten Afrikas - die Konflikte würden sich weiter verschärfen.

Streit ums Wasser: Äthiopisches Kraftwerk gräbt Kenia das Wasser ab Fotos
Horand Knaup

Was für eine Hitze! 18 Monate lang kein Regen, 45 Grad im Schatten, und eine Luft, die beim Atmen brennt. Der Turkana-See, unweit des Äquators an der kenianisch-äthiopischen Grenze gelegen, ist etwas für Überlebenskünstler. Der größte Wüstensee der Erde, mehr als zehnmal so groß wie der Bodensee, ist ein kleines Meer ohne Abfluss, das sein Wasser nur durch Verdunstung verliert. Die Region gilt als das Armenhaus Kenias, und wenn es Hilfslieferungen für das Land gibt, landet regelmäßig ein beträchtlicher Teil davon am Turkana-See.

Der See schrumpft beständig, Hunderte von Quadratkilometern liegen inzwischen trocken, und der Wasserspiegel sinkt weiter. Fünf bis sieben Meter waren es wohl in den vergangenen 30 Jahren, sagen Anwohner und bei Kalokol, einem Städtchen am Westufer, kann man den dramatischen Rückgang besichtigen. Dort landeten einst die Fischerboote an einem langen Steg an. Heute ist der Steg verrottet und das Seeufer weit von der Siedlung weggerückt. Daran ändern auch die Niederschläge der vergangenen Wochen nichts.

Weltweit trocknen Binnengewässer aus, der zentralasiatische Aralsee genauso wie der Tschad- oder der Titicacasee an der peruanisch-bolivianischen Grenze. Doch kaum irgendwo wird so erbittert um die verbleibenden Ressourcen - die Fische, das Wasser und das Weideland - gestritten wie an der Grenze zwischen Kenia und Äthiopien. Es wird geschossen, geraubt und gemordet, und Dutzende von Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, haben allein in den vergangenen zwölf Monaten ihr Leben verloren.

Überfälle, Rinderdiebstähle und Entführungen gab es schon immer zwischen den äthiopischen Dassenech und den kenianischen Turkana. Doch seit ein Maschinengewehr zur Standardausrüstung junger Männer in der Grenzregion gehört, hat sich der Blutzoll dramatisch erhöht. Joseph Arbanish ist ein junger Äthiopier, der auf der kenianischen Seite eine Schulausbildung genossen hat - als einziger seines Dorfes. Er kennt die Riten seines Volkes. Er sagt: "Du musst einen Menschen töten, wenn du bei den Dassenech als Mann akzeptiert werden willst."

Ein Kraftwerk soll Äthiopien zum Strom-Exporteur befördern

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Zum vollständigen Bild gehören die grundlegend veränderten Lebensbedingungen. "Es geht um den Zugang zum Wasser und zum Weideland", sagt Pater Steven Ochieng, der in Todonyang eine Mission betreibt. Todonyang ist eine kleine Streusiedlung ganz im Norden Kenias, danach kommen nur noch Ödnis und die Grenze zu Äthiopien.

Seit knapp zehn Jahren versucht der Pater, einen Funken Fortschritt in die Region zu bringen. Seine Mission betreibt eine Schule, eine kleine Krankenstation, und wenn sich Turkana und Dassenech mal wieder beschießen oder sich das Vieh rauben, tritt der Pater auch als Vermittler auf. "Ich bin kein Fachmann", sagt er, "aber offensichtlich ist, dass es weniger regnet und dass der See zurückgeht."

Das Klima hat sich geändert, sagen auch die Turkana. Aber schuld an dem sinkenden Wasserspiegel ist wohl nicht zuletzt der Mensch, der massiv in die Natur eingreift.

Denn der Turkana-See hat, abgesehen von zahlreichen saisonalen Zuflüssen, nur einen ständigen Zufluss, den Omo River. Der entspringt in Äthiopien und speist den See zu rund 90 Prozent. Doch 600 Kilometer stromaufwärts bauen die Äthiopier gerade einen gigantischen Staudamm mit der höchsten Talsperre des Kontinents. Zwei Milliarden Dollar soll Gibe III kosten, er wäre der zweitgrößte Staudamm in Afrika nach der Assuan-Aufstauung. Das dazu gehörige Kraftwerk soll das notorisch energiearme Äthiopien in wenigen Jahren nicht nur ins Industriezeitalter katapultieren, sondern gleich auch zum Strom-Exporteur befördern. Es gibt nicht viele davon in Afrika.

Die Expertise der Italiener strotze nur so von Fehlern

In Italien und China und zunächst auch bei der Weltbank fanden die Äthiopier willige Helfer, die Kredite, Technologie und Erfahrung bereitstellten, um das Riesenprojekt voranzutreiben. Die Italiener lieferten auch gleich eine Machbarkeitsstudie mit dem gewünschten Ergebnis mit: keine negativen Auswirkungen auf den Turkana-See.

Ein knappes Jahr später kam eine Expertengruppe aus Europa, den USA und Ostafrika zu einem grundlegend anderen Befund: Die Expertise der Italiener strotze nur so von Fehlern und Ungenauigkeiten. Die externen Fachleute befürchteten eine Reihe negativer Folgen, von denen einige "katastrophale" Auswirkungen auf den See haben könnten. Um bis zu zwölf Meter könnte der Wasserspiegel fallen, mindestens 200.000 Bauern und Viehzüchter wären betroffen. Die lokalen Ethnien, ohnehin schon umfassend bewaffnet, würden in weitere Konflikte getrieben, die Autoren warnten vor einem "größeren humanitären Desaster".

Am meisten Sorgen bereitet den Autoren der poröse Basaltuntergrund unter dem geplanten Stausee. 50 bis 75 Prozent des Wassers, das heute noch in den Turkana-See fließt, könnten dann einfach versickern.

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1.
d_grat 03.06.2012
Ich frage mich wie da einige Fachleute darauf kommen, dass durch die verminderung der zuführenden Gewässer (durch Staudämme) ein Wüstensee austrocknen kann. Das ist doch vollkommen abwegig.
2. Dasanach
abu-l-banat 03.06.2012
Guter Artikel zu einem ernsten Thema, und doch hat sich ein Fehler eingeschlichen. Die Dasanach wohnen auf beiden Seiten der äthiopischen Grenze, d.h. ein großer Teil dieses Volkes hat die kenianische Nationalität. Allzuoft werden sie jedoch in Kenia als "Äthiopier" ausgegrenzt, was die Friedensbemühungen, nicht nur zwischen Dasanach und Turkana, sondern auch zwischen Dasanach und Gabbra, deutlich erschwert. Auch wenn der kenianische Staat diese Regionen sehr vernachlässigt, gibt es übrigens zahlreiche Initiativen zur Verbesserung von Bildung und Gesundheitsversorgung, zum Ausbau der Veterinärsysteme und zur Friedensförderung, teilweise getragen von deutschen Organisationen.
3. stattdessen Windpark
eskommt 03.06.2012
Zitat von sysopHorand KnaupHunderttausenden Menschen droht eine ökologische Katastrophe: Ein gigantischer äthiopischer Staudamm könnte dazu führen, dass der Turkana-See in Kenia noch weiter austrocknet. Die Region gilt jetzt schon als eine der gewalttätigsten Afrikas - die Konflikte würden sich weiter verschärfen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,835030,00.html
Afrika gilt abgesehen von der Gegend um Senegal nicht als besonders windreich. In der Gegend des Turkanasees herrschen jedoch spezielle Windverhältnisse mit stetigen Winden von bis zu 13m/s. Ein Paradies für Windparks! Eine weitere Alternative ist Energie aus Erdwärme. Es muss kein flächen- und ressourcenfressender Stausee sein. Ich wünschte, die internationalen Organisationen würden das etwas mehr im Sinne des Guten steuern. Link: afrika.info | Kenia: Strom aus Erdwrme (http://www.afrika.info/aktuell_detail.php?N_ID=1828)
4. Wo bleibt das Wasser
peterbruells 03.06.2012
Zitat von d_gratIch frage mich wie da einige Fachleute darauf kommen, dass durch die verminderung der zuführenden Gewässer (durch Staudämme) ein Wüstensee austrocknen kann. Das ist doch vollkommen abwegig.
Wird doch im Artikel angesprochen.
5. optional
forkeltiface 03.06.2012
Klar. Einen Windpark ... Ich hoffe das ist Satire. Die wollen den Strom nutzen und nicht nach Zufall (Wind) Strom haben - Stromerzeugung aus Wind ist etwas für reiche Ideologen. Nichts für Afrika - ohne Infrastruktur von Leitungen und vor allem ohne Speicher. Aber ich bin sicher, wenn der Staudamm gebaut ist, und ein Speicher besteht, wird die Bundesregierung ein Windrad aufstellen, dass dann Wasser hoch pumpt :)))
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