Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

TV-Debatte der Demokraten: Die verpatzte Clinton-Show

Von , Washington

"Change" ist das Wort der Stunde nach dem Triumph von Barack Obama in Iowa. Auch für Hillary Clinton: Sie muss ihre Wahlkampfstrategie radikal ändern. Doch die letzte TV-Debatte vor dem Kräftemessen in New Hampshire offenbarte, wie schwer ihr das fällt.

Washington - Alles hatte Hillary Clinton durchgeplant für den Weg ins Weiße Haus. Ihre Berater analysierten, sie wirke zu kalt und unnahbar. Also fing Clinton an, sich bei Wahlkampfauftritten mit Mutter, Tochter und Freunden zu umgeben. Die berichteten, was für eine warmherzige Person sie eigentlich ist.

Schrille Clinton: "Geiselverhandlungen, die ziviler abliefen"
AFP

Schrille Clinton: "Geiselverhandlungen, die ziviler abliefen"

Die Berater analysierten, sie wirke in Debatten zu aggressiv. Also begann Clinton einfach zu lachen, wenn ihre Rivalen sie attackierten.

Die Berater analysierten, sie wirke nicht weiblich genug. Also schaltete Clinton in den letzten Tagen vor der Abstimmung in Iowa Werbespots, in denen sie aussah wie ein 60 Jahre altes Model - und mit einer Stimme sprach, die so sanft klang wie die einer Kindergärtnerin in der Vorlesestunde.

Und jetzt das.

Hillary Clinton sitzt auf der Bühne des St. Anselm College in Manchester bei der TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber. Zu besichtigen ist eine Hillary Clinton, die schreit, die mit dem Arm fuchtelt. Ihre Stimme ist schrill. Sagt sie nichts, starrt sie ihre Parteifreunde so scharf an, als stoße sie Verwünschungen aus. Wenn es noch eines Beweises brauchte, dass Hillary Clinton ein Phänomen namens Barack Obama schwer zu schaffen macht - hier ist er.

Obama hat nach seinem triumphalen Sieg beim Iowa-Caucus nun auch im zweiten wichtigen Vorwahlstaat New Hampshire in Umfragen mit ihr gleichgezogen. Der junge Senator aus Illinois baut seine Botschaft um die Hoffnung auf "Change", Wandel - in klarer Abgrenzung zu Clintons Credo ihrer reichen Erfahrung. Unmittelbar nach Iowa hat Clinton daher eine neue Marschrichtung eingeschlagen. Künftig werde sie, erklärte Clinton Reportern am Wochenende, die Unterschiede zwischen Obama und ihr deutlicher hervorheben. Sie werde zeigen, dass der zwar viele schöne Worte produziere - aber deswegen nicht unbedingt Wandel.

Korb von Edwards

Die TV-Debatte soll ihre große Gelegenheit sein, diese neue Botschaft vorzutragen. "Ich bin natürlich auch für Wandel", beginnt sie also, "aber man kann nicht nur darauf hoffen, man muss dafür arbeiten wie ich." Dann setzt sie zu ziemlich langatmigen Ausführungen darüber an, wie Obama etwa zur Gesundheitsreform erst das eine, dann das andere gesagt habe. "Wir brauchen einen Präsidenten, auf den wir eindeutig zählen können."

Aber: Obama muss sich auf diese Vorwürfe nicht einlassen. Sie sind viel zu kompliziert und zu verwirrend vorgetragen. Deshalb versucht Clinton Minuten später, sich mit John Edwards zu verbünden. Der ehemalige Senator aus North Carolina lag bei den Vorwahlen in Iowa knapp vor ihr, doch ebenfalls deutlich hinter Obama. Für ihn war das ein großer Rückschlag, weil er auf einen Sieg im ersten Vorwahlstaat gesetzt hatte. Ihm würde es wohl helfen, sich mit einem der beiden Spitzenreiter gut zu stellen. Zwar hat Edwards, der am radikalsten gegen Großkapital und Lobbyisten kämpft, bislang Clinton oft heftig attackiert - doch griff er auch Obama neuerdings an und bezeichnet ihn als "zu nett, zu akademisch".

Also baut Clinton ihm eine goldene Brücke. Obama habe Edwards doch unwählbar genannt und ihn häufig kritisiert, souffliert sie. Sie hofft auf Unterstützung von Edwards - aber der lässt sie einfach abblitzen. Er will sich viel lieber im Glanze Obamas mitsonnen. "Wir haben Differenzen, aber wir sind zwei starke Stimmen für den Wandel", sagt Edwards zu Obama gewandt.

"Seit 35 Jahren bewirke ich Wandel"

Und es kommt noch schlimmer für Clinton. Edwards deutet in ihre Richtung und legt mit kaltem Lächeln nach: "Jedes Mal, wenn man sich lautstark für Wandel einsetzt, werden die Kräfte des Status quo zurückschlagen." Status quo = Clinton. Das ist der Moment, in dem die ehemalige First Lady die Beherrschung verliert. Sie presst sich gegen den Tisch, drückt den Rücken durch. Ihr rechter Arm fuchtelt in der Luft herum, ihre Stimme wird laut und schrill: "Ich will für Wandel sorgen, aber ich habe den ja auch schon bewirkt. Seit 35 Jahren bewirke ich Wandel."

Später legt sie nach, sie verkörpere als erste ernsthafte weibliche Kandidatin in den USA an sich schon Wandel. Bill Richardson, ehemaliger Uno-Botschafter und als vierter Kandidat bei den Demokraten noch im Rennen, kommentiert erstaunt: "Ich bin bei Geiselverhandlungen gewesen, die ziviler abliefen als das hier."

Schrill ist schlecht für Clinton. Sie ist ohnehin schon die Bewerberin mit den höchsten Antipathie-Werten. In New Hampshire wählen viele gemäßigte unabhängige Wähler, die scharfe persönliche Attacken nicht gutheißen. Außerdem wirken die Vorwürfe Clintons gegen Obama kleinlich und aufgewärmt. Der hingegen gibt sich in der 90 Minuten langen Debatte keine Blöße.

Schadet Bill?

Nach diesem Auftritt wird Clintons Team noch lebhafter diskutieren, ob sie die Faszination der Wähler mit "Change" vernachlässigt haben. Schon wird hinter den Kulissen gelästert, Ehemann Bill schade ihr als Wahlhelfer, weil er zu sehr an die Vergangenheit erinnere. Die ersten Auftritte Clintons in New Hampshire boten jedenfalls umgehend ein ganz anderes Bild als noch in Iowa.

Plötzlich ist sie von jungen Gesichtern auf der Bühne umgeben, sie beantwortet Fragen viel länger, wirkte weniger abgehoben-staatsmännisch und sie hat eine neue Rede parat, die unter anderem Referenzen zu möglichen Terroranschlägen einschließt. Wohl ein kalkulierter Seitenhieb auf Obamas angebliche außenpolitische Unerfahrenheit. Ob das reicht? Bill Clinton hat 1992 nach Gerüchten über eine außereheliche Affäre im Vorfeld der Vorwahlen in New Hampshire mit einem starken zweiten Platz das "Comeback" geschafft. Aber selbst er beklagt nun öffentlich, dass fünf Tage zwischen den Vorwahlen Iowa und New Hampshire wenig Zeit für eine Neuausrichtung ließen.

Wie groß die Herausforderung ist, musste Clinton gleich bei ihrem ersten großen Auftritt nach der Niederlage in Iowa feststellen. Da traten alle Kandidaten bei einem Abendessen der Demokraten in New Hampshire auf. Clinton erntet Buhrufe während ihrer Rede. Als Obama die Bühne betritt, ist die Begeisterung hingegen so groß, dass Ordner im Saal die ausgelassene Menge erst nach Minuten zur Ruhe bringen können. Auf deren Schildern steht immer wieder nur ein Wort: "Change".

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: