TV-Debatte der US-Republikaner Romney rettet sich in die Attacke

Wie konnte das nur passieren? Dauer-Favorit Mitt Romney liegt im republikanischen Präsidentschaftswahlkampf plötzlich hinten, Rechtsaußen Rick Santorum vorn. In einer entscheidenden TV-Debatte schaltet Romney um auf Angriff.

Kontrahenten Santorum, Romney: "Schau' nicht auf mich, sondern guck' in den Spiegel"
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Kontrahenten Santorum, Romney: "Schau' nicht auf mich, sondern guck' in den Spiegel"

Von , Washington


Mitt Romney hatte sich das alles so schön zurechtgelegt. Wenn das Land weiter in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken würde, wenn die Arbeitslosenzahlen hoch und die Amerikaner von ihrem Präsidenten enttäuscht wären, dann, ja dann würde er, der erfolgreiche Geschäftsmann, nicht nur die Kandidatur der Republikanischen Partei erobern können. Er würde ins Weiße Haus einziehen. Genau.

Und dann erwies ihm das Schicksal sogar noch einen ganz besonderen politischen Dienst: Überaus mittelmäßige Kandidaten traten im parteiinternen Rennen gegen ihn an. Die schrille Tea-Party-Ikone Michele Bachmann, der lustige Ex-Pizza-Kettenchef Herman Cain, der peinliche Texaner Rick Perry, der Rechtsaußen Rick Santorum, der wunderliche Polit-Opa Ron Paul und, ach Gott, der alternde Schürzenjäger Newt Gingrich. Dagegen Romney: Der "Mr. Turnaround" und "Mr. Fix-it". Der Mann, der die Olympischen Spiele von Salt Lake City einst aus der Schuldenfalle rettete.

So. Und was hat er daraus gemacht? Nicht viel.

Von neun Vorwahlen hat der Ex-Gouverneur aus Massachusetts drei gewonnen. Er hat mehr Geld als alle anderen investiert; er hat die professionellste Kampagne; er hat die erfahrensten Mitarbeiter. Hilft alles nichts. Plötzlich liegt ausgerechnet Rick Santorum in den Umfragen vorn. Santorum, der selbsterklärte "Jesus-Kandidat", der einst belächelte Mann vom rechten Rand, der vor ein paar Monaten noch über dem von Demoskopen gerade so messbaren Bereich lag.

Und übrigens, die Olympischen Spiele!

Und in den kommenden zwei Wochen stehen 13 republikanische Vorwahlen an. Es geht jetzt um alles oder nichts für Mitt Romney. Das ist die Lage, vor deren Hintergrund der 65-Jährige am Mittwochabend in Mesa, Arizona, auf die von CNN gestellte Bühne tritt, um sich einer der entscheidenden TV-Debatten dieses Wahlkampfs zu stellen. Einmal Daumen hoch in Richtung Publikum, dann nimmt Romney auf einem roten Drehstuhl direkt neben dem schärfsten Rivalen Platz. Es kann losgehen, Feuer frei.

Nur acht Minuten dauert es, bis Romney feststellt, Kollege Santorum habe der Regierung als US-Senator insgesamt fünf Mal eine Erhöhung der Schuldenobergrenze genehmigt. Er dagegen habe ja übrigens das Budget der Olympischen Spiele ausgeglichen.

Nur eine Viertelstunde später sind es die speziellen, von Senator Santorum einst befürworteten Staatshilfen, deren sich Romney annimmt. Sollte er Präsident werden, werde er diese als "Earmarks" bezeichneten Beihilfen, die der Kongress projektgebunden genehmigen kann, gänzlich abschaffen, verspricht Romney. Und er weist - man ahnt es bereits - darauf hin, dass er für Olympia in Salt Lake City gekämpft habe, während sich Santorum, tja, für eine niemals gebaute Brücke in Alaska einsetzte.

Als ihn Santorum schließlich wegen seiner Massachusetts-Gesundheitsreform attackiert, die jener von Präsident Barack Obama ohne Frage sehr ähnlich ist, kontert Romney mit Blick auf das Republikaner-Rennen 2008 trocken: "Wir wollen mal nicht vergessen, dass du mich bei meiner Präsidentschaftskandidatur vor vier Jahren noch unterstützt hast." Auch habe Santorum die Wahl eines Senators empfohlen, der später für Obamas Reform gestimmt habe. "Also schau' nicht auf mich, sondern guck' in den Spiegel."

Romney rettet sich in die Attacke. Was soll er auch tun? Er muss jetzt angreifen. Die letzten Umfragen sehen nicht gut für ihn aus. Landesweit liegt Santorum mittlerweile schon bis zu zehn Prozentpunkte vor ihm. Bei den am Dienstag anstehenden Vorwahlen in Michigan liegen beide Kopf an Kopf. Ausgerechnet. Denn Michigan ist der Staat, in dem Romney aufgewachsen und sein Vater in den sechziger Jahren Gouverneur gewesen ist. Verliert er hier, wäre das mehr als peinlich. Es würde seine gesamte Präsidentschaftsbewerbung in Gefahr bringen. In Arizona, dessen Republikaner ebenfalls am Dienstag ihre Vorwahl abhalten, wird ebenfalls ein heißes Rennen zwischen Romney und Santorum erwartet.

Außerehelicher Sex, Abtreibungen und die Pille

Längst sorgen sich republikanische Parteigranden, dass Rechtsaußen Santorum sich am Ende tatsächlich als Kandidat ihrer Partei durchsetzen und damit alle Chancen auf einen Sieg im Herbst gegen Barack Obama verspielen könnte. Denn der 51-Jährige, der sich am liebsten mit den Themenbereichen Familie und Sexualmoral befasst, mag zwar an der nach rechts gerückten republikanischen Basis punkten, für unabhängige Wähler und besonders Frauen aber könnte er sich als rotes Tuch erweisen. Sein Kampf gegen außerehelichen Sex, gegen Abtreibung unter nahezu allen Umständen sowie gegen die Schwulenehe erscheint einer Mehrheit der Amerikaner wie aus fernen Zeiten.

Doch Santorum hat dafür gesorgt, dass die Themen der Sozialkonservativen im aktuellen Wahlkampf wieder ganz oben stehen. Zum Nachteil Romneys, der auf diesem Gebiet als Wendehals gilt: Einst war er etwa für die Wahlfreiheit der Frau, heute ist er entschieden gegen Abtreibung. Mehr und mehr rutscht Romneys wohlorchestriertes Macher-Profil in Wirtschaftsangelegenheiten dadurch in den Hintergrund.

Bezeichnend, dass sich bei der CNN-Debatte in Arizona die vier verbliebenen Bewerber - neben Romney und Santorum noch Gingrich und Paul - mehr als zehn Minuten mit Fragen und "Gefahren" der Verhütung beschäftigten. Es geht um Teenager-Schwangerschaften, um alleinerziehende Mütter und ganz generell das Überleben der Gesellschaft. Irgendwann geht der 76-jährige Radikal-Liberale Ron Paul, selbst einst Dorf-Gynäkologe, dazwischen: Man solle hier die Schuld nicht der Pille zuschieben. Schließlich töte ja auch nicht die Waffe an sich, sondern der Kriminelle mit ihr. So habe also die Pille nichts mit der "Unmoral unserer Gesellschaft" zu tun.

Herrje. So sind die Bedenken der Parteigranden mit Blick auf die Präsidentenwahl im Herbst nachvollziehbar. Rick Santorum ist sich jedoch keinerlei Verantwortung bewusst. Nach der TV-Debatte sagt er: "Erst fragen Sie mich nach Verhütung. Und dann fragen Sie mich, warum ich so viel über solche Themen rede."

So kann man das natürlich auch sehen.

insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
pepito_sbazzeguti 23.02.2012
1. Freak
Zitat von sysopAFPWie konnte das nur passieren? Dauer-Favorit Mitt Romney liegt im republikanischen Präsidentschaftswahlkampf plötzlich hinten, Rechtsaußen Rick Santorum vorn. In einer entscheidenden TV-Debatte schaltet Romney um auf Angriff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817035,00.html
Falls dieser Jesus-Freak das Rennen macht, drücke ich doch eher Obama die Daumen für eine zweite Amtszeit :-)
SPONU 23.02.2012
2. Gotteskandidat
In einem Interview sagte Santorum bezgl. vergewaltigter Frauen dass er -bei aller Rücksicht auf die schrecklichen Umstände- eine Abtreibung von geschaffenem Leben ablehne. Vielmehr sei das neugeborene Leben ein "Geschenk Gottes". Für kritische, laufende Berichterstattung über den US-amerikanischen Wahnsinn empfehle ich "The Young Turks"; eine -gem. Eigenlabel- liberale Netznachrichtensendung.
WStrehlow 23.02.2012
3. Geld regiert die Welt
Zitat von sysopAFPWie konnte das nur passieren? Dauer-Favorit Mitt Romney liegt im republikanischen Präsidentschaftswahlkampf plötzlich hinten, Rechtsaußen Rick Santorum vorn. In einer entscheidenden TV-Debatte schaltet Romney um auf Angriff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817035,00.html
und leider auch die Wahlkämpfe, in Amerika besonders ausgeprägt. So aus der europäischen Ferne betrachtet wäre es wirklich besser, wenn es keiner der Kandidaten ins Weiße Haus schafft. Und mir als Außenstehendem stellt sich die Frage, warum sich so viele Amerikaner über die fundamentalistischen Muslime aufregen. Das was bei den Republikanern abgeht, ist zwar christlich geprägter Fundamentalismus, aber damit hören die Unterschiede eigentlich schon auf. Schade eigentlich, dass es eigentlich keinem Politiker gelingen will, sich geistig mal auf den Mond zu setzen und sich von dort aus die Erde anzuschauen. Dann würde er eine kleine Kugel im Nichts sehen und daduch vielelicht einen anderen - größeren - Blick auf die Dinge erhalten und viele Sachen aus einer anderen Perspektive sehen.
Maya2003 23.02.2012
4. America, the beautiful
Zitat von pepito_sbazzegutiFalls dieser Jesus-Freak das Rennen macht, drücke ich doch eher Obama die Daumen für eine zweite Amtszeit :-)
Obama ist ein Bankenbüttel - aber die Republikaner sind das natürlich auch, und noch viel stärker. Dazu kommt ein religiöser Fanatismus gepaart mit der typisch amerikanischen Welterlöserideologie. Man stelle sich vor diesem Hintergrund eine Konfrontation mit Iran vor - Fanatiker gegen Fanatiker. Dann doch lieber Obama. Der wird auch in seiner zweiten Amtszeit nicht viel erreichen; aber jedenfalls hat er den für dieses Amt notwendigen Verstand. Das beruhigt. Die Hillbillies und Wer-ist-reicher-als-ich Typen der Republikaner jedenfalls wirken auf mich wie ferngesteuerte Aufziehpuppen. Romney wurde am Computer vom Parteiestablishment designt, Santorum haben sich die religiösen Spinner ausgesucht. Beten und bomben - die Zeiten des unsäglichen GW sind wohl doch noch nicht vorbei. Eine Weltmacht am Randes des Wahnsinns.
djkl 23.02.2012
5.
Zitat von pepito_sbazzegutiFalls dieser Jesus-Freak das Rennen macht, drücke ich doch eher Obama die Daumen für eine zweite Amtszeit :-)
Obamas Krisenmanagment war sehr schlecht. Das es jetzt wieder etwas bergauf geht mit der Wirtschaft ist ein Verdienst der Privatwirtschaft und nicht von Obama. Ich stimme lieber für einen Republikaner als für diesen Obama.
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