TV-Doku mit Marietta Slomka "Afrika besinnt sich auf seine Schätze"

Wie passt das zusammen? Fruchtbare Äcker im Hungerstaat, Putzdienst im Elendsviertel, bittere Armut neben prunkvollem Luxus. Die Widersprüche Afrikas zeigt Moderatorin Marietta Slomka in einer SPIEGEL-TV-Dokumentation fürs ZDF.


SPIEGEL ONLINE: Frau Slomka, Sie haben für die TV-Dokumentation "Afrikas Schätze" in fünf Wochen sechs afrikanische Staaten besucht. Was war Ihr Aha-Moment?

Slomka: Vieles in Afrika ist oft so anders, als man meint. Äthiopien zum Beispiel: Viele Menschen hierzulande verbinden Äthiopien sofort mit Hunger. Den gibt es dort tatsächlich immer noch - trotzdem ist das Land auch grün und fruchtbar. Ackerland ist Äthiopiens größter Schatz. Millionen Hektar Land werden mittlerweile an ausländische Investoren verpachtet, die dort Getreide, Blumen oder Rohstoffe für Biodiesel anbauen und exportieren, während das Land zugleich auf Lebensmittelhilfen angewiesen ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren auch in Ruanda. Die erste Assoziation mit dem Land ist für die meisten Europäer wohl der Völkermord der Hutu an den Tutsi 1994.

Slomka: Ja, Genozid, Grauen. Das ist tatsächlich das Erste, was vielen Menschen dazu einfällt. Im Bekanntenkreis wurde ich auch gefragt, ob Ruanda nicht "total gefährlich" sei. Tatsächlich ist es für ausländische Touristen ausgesprochen ungefährlich, wir sind dort sogar nachts einfach durch die Straßen spaziert. Außerdem sind die Villenviertel von den Armenvierteln nicht so ghettoartig abgeschottet wie in vielen anderen afrikanischen Ländern. Das hängt auch damit zusammen, dass Präsident Paul Kagame das Land mit eiserner Faust regiert. Man kann sagen: Ruanda ist eine Art Entwicklungsdiktatur.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das aus?

Slomka: Zum Beispiel ist alles wahnsinnig sauber und aufgeräumt. In der Hauptstadt Kigali sprießen Hochhäuser und Bürotürme aus dem Boden. Eine Art Singapur Afrikas mit Computerhandel und Finanzdienstleistungen - das ist die Vision des Präsidenten. Es ist überraschend, das zu sehen. Selbst die Slums sind vergleichsweise sauber, nirgendwo liegt Plastikmüll herum. Warum nicht? Weil Plastik von Staats wegen verboten ist. Der Präsident gibt sich umweltbewusst und lässt Plastiktüten einfach konfiszieren. Schon am Flughafen muss man die abgeben. Und es gibt regelrechte Bürger-Putzdienste, die Leute müssen samstags ihre Gehwege reinigen.

SPIEGEL ONLINE: Ein ungewöhnlicher Weg...

Slomka: Allerdings. Die autokratischen Methoden dieses Präsidenten sind in vieler Hinsicht mehr als fragwürdig. Doch der Effekt ist enorm. Ruandas Hauptstadt ist sauberer als die meisten europäischen Großstädte. Nicht nur für Investoren ist das attraktiv. Über Kagame ein eindeutiges Urteil zu fällen, ist nicht ganz so leicht.

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TV-Doku: Afrikas Schätzen auf der Spur

SPIEGEL ONLINE: Viele Europäer halten eine Demokratisierung für den richtigen Weg, damit auch die breite Masse des Volkes vom Abbau der Bodenschätze profitieren kann. Nigeria und Angola gelten als Negativbeispiele - hier kommt der Ölreichtum nicht in der Bevölkerung an.

Slomka: Angola ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, was für ein Fluch ein Bodenschatz sein kann. Wenn eine Regierung allein über die größte Geldquelle verfügen kann, entstehen keine demokratischen Strukturen. Da braucht man kein Bürgertum, das Steuern zahlt. Im Umkehrschluss ist man auch niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig. Man muss nichts weiterentwickeln, wenn man an der Macht ist, etwa ins Bildungswesen investieren - wozu? Das Geld ist ja da. Regieren heißt reich sein. Also wird ein Regierungswechsel um jeden Preis verhindert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen sehen Sie für Angola?

Slomka: Sagen wir: Man kann nur hoffen, dass es andere afrikanische Länder nicht so machen wie Angola. Das Land erwirtschaftet rund 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mit Öl. Aber geschätzte 98 Prozent der Bevölkerung profitieren davon nicht. Und von einer Demokratisierung, sagten uns Regimekritiker, ist bisher überhaupt nichts zu spüren.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn es nun doch einen Regierungswechsel gäbe?

Slomka: Aus Sicht kritischer Angolaner, die übrigens sehr gefährlich leben, würde es zunächst kaum etwas ändern, wenn die Opposition an die Macht käme. Die neuen Regenten würden dann vermutlich erst einmal versuchen aufzuholen, was sie in den vergangenen 30 Jahren verpasst haben. Nach dem Motto: Jetzt sind wir mal dran. Vieles in Angola ist furchtbar deprimierend. Die Mächtigen kümmern sich nicht um das Wohl der Bevölkerung. Und gleichzeitig ist Luanda, die Hauptstadt, eine der teuersten Metropolen der Welt. In Teilen erinnert sie an Dubai oder gar Saint-Tropez. Das Land könnte im Geld schwimmen.

SPIEGEL ONLINE: Wo bleibt all der Reichtum?

Slomka: Das fragen sich viele Menschen dort. Zum Beispiel ein Slumbewohner, den wir begleitet haben. "Unser Land ist so reich, hier müssten doch überall Blumenbeete blühen und Springbrunnen stehen", sagte er, während er uns die erbärmlichen Wellblechhütten seiner Nachbarschaft zeigte.

SPIEGEL ONLINE: Welches Land hat Sie am meisten überrascht?

Slomka: Das war wohl Ruanda. Wie ich es mir vorgestellt hatte - und wie es dort tatsächlich aussah. Da kommt man ins Grübeln. Als westeuropäischer Demokratin stehen mir natürlich die Haare zu Berge, angesichts dieses militärisch regierenden Präsidenten, der kritische Presse und Oppositionelle unterdrückt. Doch zugleich sehe ich, was dort erreicht wurde, mit seiner Vision einer Ruanda AG. Ich habe mit Ruandern gesprochen, die durchaus nicht ignorant sind und die mir sagten: "Wir haben vor 16 Jahren bei null angefangen, wir haben ein massives Überbevölkerungsproblem, wir brauchen jetzt erst einmal wirtschaftliches Wachstum, und das macht unser Präsident richtig." Das sollte man sich vielleicht einfach mal anhören statt gleich zu bemängeln, dass das aber überhaupt nicht unseren Demokratievorstellungen entspricht. Generell ist mein Eindruck: Man muss und kann in Afrika nicht immer alles sofort eindeutig beurteilen, nach unserem Blickwinkel. Lieber möchte ich Afrikaner selbst zu Wort kommen lassen, ihnen zuhören. Und es dem Zuschauer überlassen zu sehen, wie komplex die Situation ist. Afrika besinnt sich jedenfalls auf seine Schätze, und viele Ausländer reißen sich darum, vor allem Chinesen, Inder, Saudis.

SPIEGEL ONLINE: Und wohin führt diese Entwicklung?

Slomka: Das ist ungewiss. Ob das nur eine neue Kolonialisierung durch ausländische Investoren ist oder ob Afrika, der reiche Kontinent, selbst davon profitieren kann. Ich würde ganz sicher nicht sagen: Afrika ist auf dem Weg in eine goldene Zukunft. Ich würde aber auch nicht sagen: alles schrecklich, der reinste Ausverkauf. Vielleicht ist es von beidem etwas. Auf jeden Fall faszinierend. Und oft überraschend.


Die zweiteilige Dokumentation "Afrikas Schätze" mit Marietta Slomka ist eine Produktion von SPIEGEL TV für das ZDF. Der erste Teil wird am Dienstag, 15. Juni, um 23.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt, der zweite am Donnerstag, 17. Juni, um 23.15 Uhr.

Das Interview führte Friederike Freiburg



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Seite 1
onemanshow 23.04.2009
1.
Zitat von sysopSeit Jahren wütete Kriege in Afrika, deren Auswirkungen auch das Leben im Frieden vergiften. Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Ganz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Maddox 23.04.2009
2.
Zitat von sysopSeit Jahren wütete Kriege in Afrika, deren Auswirkungen auch das Leben im Frieden vergiften. Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Dazu sollten sich die Afrikaner äußern. Vielleicht in dem sie etwas gegen Korruption, Stammesdenken etc. unternehmen ?
BillBrook 23.04.2009
3.
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Da weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
eulenspiegel 47 23.04.2009
4. .
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Blah, blah, blah! Immer das gleiche Geleier: Die Schwarzen sind klug und weise und werden nur von den gemeinen Weißen angestiftet sich Arme und Beine abzuhacken.
onemanshow 23.04.2009
5.
Zitat von BillBrookDa weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
Sehen Sie sich in der Lage, die Tatsachen, die in Artikeln wie diesem ... „Kampf um Kongos Rohstoffe" (http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29107&mode=print) ... geschildert werden, zu widerlegen ? Was früher „Kolonialismus“ war, nennt man heute, Orwell würde im Grab rotieren, „freien Welthandel“. Geändert hat sich nicht viel. Korrupte lokale Eliten, Warlords und Milizen werden als Strohmänner gesteuert, die Bodenschätze abgegriffen, auf die Bevölkerung ist geschi... Im Schnitt bleiben von den Erträgen 3% im Land, der Rest geht an die Multis. Und von diesen 3% zahlen die Länder (Ghana z.B.) noch den Kredit + Zinsen ab, den die Weltbank dem Land aufgezwungen hat, um, bitte anschnallen, die Erschließung ebenjener ghanaischen Goldvorkommen zu finanzieren.
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