Schottisches TV-Duell Brüllfest in Glasgow

Die Temperatur in der schottischen Unabhängigkeitsdebatte steigt: Das zweite TV-Duell zwischen Separatistenführer Salmond und Unionist Darling geriet zum Krawalldialog - mit einem klaren Sieger.

REUTERS

Von , London


Vor dem Eingang des Kelvingrove Museums in Glasgow steht ein Mann im blauen Zweireiher und hält zwei kleine Fahnen hoch, die schottische und die britische. Der Uni-Dozent ist extra aus London eingeflogen, um vor dem TV-Duell zur schottischen Unabhängigkeit für das Vereinigte Königreich zu demonstrieren. Er blickt sich um und sieht nur Menschen mit "Yes"-Schildern. Er ist der Einzige, der gegen die Abspaltung Schottlands protestiert.

Ähnlich muss sich Alistair Darling an diesem Montagabend fühlen. Der Frontmann der "Better Together"-Kampagne, die für den Erhalt Großbritanniens eintritt, misst sich drinnen mit dem Separatistenführer Alex Salmond. Es ist das letzte TV-Duell vor dem Referendum am 18. September. Und immer wieder jubelt das Live-Publikum in der prächtigen Museumshalle seinem Gegner zu.

Das Ja-Lager ist begeisterungsfähiger und präsenter, so viel ist klar. Und Salmond beherrscht die Bühne, kommt hinter seinem Rednerpult hervor, sucht die Nähe der Zuschauer. Die Millionen an den Bildschirmen lassen sich von seiner Show überzeugen: In einer ersten Blitzumfrage nach dem anderthalbstündigen Schlagabtausch küren ihn 71 Prozent zum Gewinner des Abends. Der Chef der schottischen Regionalregierung wirkt aggressiver, schlagfertiger, optimistischer. Darling hingegen, der im ersten TV-Duell Anfang August die bessere Figur gemacht hatte, stottert viel und wiederholt sich.

Es geht um die Dauerbrenner-Themen, die das Land seit drei Jahren beschäftigen: das Pfund Sterling, das Nordseeöl, das Gesundheitssystem NHS. Salmond malt das Bild eines wohlhabenden Landes, das seinen Rohstoffreichtum gerechter verteilen wird. Darling hingegen sät Zweifel an diesem Traum. Wer soll das bezahlen, fragt er, wenn das Öl zur Neige geht? Und welche Währung wird ein unabhängiges Schottland haben, wenn London eine Währungsunion ablehnt?

Gleich die erste Frage aus dem Publikum ist eine Steilvorlage für alle Skeptiker: Ist ein unabhängiges Schottland finanziell sicher? Darling erinnert daran, wie er in der Finanzkrise als britischer Finanzminister die Royal Bank of Scotland retten konnte. Die kleinen Nachbarn Irland und Island hingegen seien damals pleitegegangen. Salmond, warnt er das Publikum, verspiele die Zukunft der Kinder.

"Belehren Sie mich nicht"

Im Unterschied zum ersten TV-Duell lässt Darling sich dieses Mal von seinem Gegenüber aus der Ruhe bringen. Salmond beschuldigt den Labour-Mann, gemeinsam mit den verhassten Tories das Gesundheitssystem zu privatisieren, den Schiffbau an der Clyde abzuwickeln und die Schotten mit einer Angstkampagne einzuschüchtern. Leidenschaftlich hält Darling dagegen und verheddert sich vor lauter Empörung.

Streckenweise gerät die Debatte zu einem Brüllfest. Beide Kontrahenten fallen sich gegenseitig ins Wort und streiten lautstark über einzelne Zahlen ("Belehren Sie mich nicht" - "Ich kenne Ihre Zahlen"). Wenn sie sich so im Pub aufführten, würden sie rausgeschmissen, kommentiert Fraser Nelson, Herausgeber des konservativen Wochenmagazins "The Spectator": "Es ist unmöglich, ihrer Argumentation zu folgen."

Die hitzige Atmosphäre zeigt, dass der Tag X allmählich naht. Nach drei Jahren des Pro und Contra sehnen alle Beteiligten die Entscheidung herbei. Ein müde wirkender Darling spricht vom "längsten Wahlkampf, den ich je erlebt habe".

Am Ende der Debatte finden die beiden Widersacher wieder versöhnliche Worte. Salmond punktet mit einer großen Geste: Wenn das Referendum vorbei sei, sagt er, werde er Darling in sein Verhandlungsteam holen, um in London die besten Konditionen für das unabhängige Schottland zu erreichen. Dann schlage die Stunde von "Team Scotland".

So weit muss es jedoch erst kommen. Der Achtungserfolg im TV-Duell dürfte die Nationalisten in den kommenden drei Wochen bis zum Referendum anspornen. Ein Sieg bleibt jedoch unwahrscheinlich. In den Umfragen liegen sie weiter hinten. Das Kräfteverhältnis liegt ungefähr bei 55 zu 45, wenn man die Unentschlossenen hinzurechnet.

Für Salmond steht viel auf dem Spiel. Er hat fast sein ganzes Leben für die Unabhängigkeit gekämpft. Sollte das Referendum verloren gehen, wären seine Tage in der Politik gezählt.

Mitarbeit: Christoph Scheuermann

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Seite 1
SichtausChina 26.08.2014
1. Würde die britische Flagge geändert?
Soweit ich weiß, beinhaltet die britische Flagge unter anderem die Farben Schottlands. Würden die dann rausgenommen, wenn Schottland geht? Die ist doch schon ein Markenzeichen für Kampfstiefel, Bomberjacken und alle möglichen Produkte...
Newspeak 26.08.2014
2. ...
So romantisch der Kleinstaatsgedanke sein mag (man hat all die historischen Nachteile längst vergessen), so unsinnig ist er im heutigen Europa. Separatismus und Isolationismus schaffen nur Probleme, die längst überwunden schienen. Es sind, meiner Meinung nach, und deutlich ausgesprochen, die Konzepte von dummen Menschen, die der Geschichte gegenüber ignorant und der gemeinsamen Zukunft gegenüber feindlich gesinnt sind.
lsdeep2000@aol.com 26.08.2014
3. verständlich
ist der traum vom unabhängigen schottland allemal, ob er generell sinnvoll ist (auch bei unwahrscheinlichem gewinn des entscheids) lasse ich jetzt einmal offen (mit einem eher nicht im hinterkopf).
Ontologix II 26.08.2014
4. Bestechungen zurückzahlen
Falls die Unabhängigkeit kommt, müssen die Schotten wohl die riesigen Bestechungsgelder zurückzahlen, welche die englische Krone 1707 an die schottischen Adligen und Clanchefs zahlte, damit die für die Union gewonnen werden konnten. Außerdem müsste dann auch das schottische Andreaskreuz aus der britischen Fahne Union Jack entfernt werden. Das Pfund ist wohl kein Problem, denn die schottischen Banken geben schon immer eigene Pfundnoten heraus.
neptun680 26.08.2014
5.
Ich würde es den Schotten aus tiefsten Herzen wünschen, dass sie sich, nach fast 500 Jahren Erniedrigung und Ausbeutung durch die Engländer, endlich befreien. Andererseits, hat man gerade den Eindruck, steht die allgemeine Zuspruch auf Erden nicht gerade bei den Revoluzern und Befreiern. Aller Orten wird doch heute eher am Alten, nahezu verbissen, festgehalten. Selbst wenn das mitunter bedeutet, schon erkämpfte Bastionen wieder aufzugeben.
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