TV-Duell "Obama muss über seine Kinder reden"

Wenn McCain nicht kneift, kommt es am Freitag zur ersten Präsidentschaftsdebatte mit Barack Obama. Inhalte zählen wenig bei so einem Duell, sagt Bestseller-Autor und Hirnforscher Drew Westen im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Besonders wichtig: Präsentation, Entschlossenheit und Humor.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen Besteller namens "The Political Brain" geschrieben - das politische Hirn. Wie werden die Gehirne der vielen Millionen TV-Zuschauer bei der ersten Präsidentschaftsdebatte arbeiten?

Obama mit Familie: "Zu verkopft zu sein ist schon lange ein Problem für demokratische Kandidaten"
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Obama mit Familie: "Zu verkopft zu sein ist schon lange ein Problem für demokratische Kandidaten"

Drew Westen: Etwa 85 Prozent der Zuschauer werden einfach denken, ihr Favorit habe gewonnen. Die Forschung zeigt immer wieder: Sehr viele Menschen unterstützen ihren Kandidaten unter allen Umständen. Ihr Hirn strengt sich besonders an, zu dieser Einsicht zu kommen - selbst wenn die Person, die sie unterstützen, eigentlich schwächer agierte. Nur etwa acht Prozent der Zuschauer können gewöhnlich vom Gegenteil überzeugt werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie können die Kandidaten das schaffen?

Westen: John McCain und Sarah Palin werden ihr Image als unkonventionelle, fast rebellische Politiker pflegen. Um unentschlossene Wähler zu überzeugen, wollen sie den Eindruck erwecken, dass sie hoch zu Ross in Washington einreiten und dort mal ordentlich aufräumen. In jedem Fall wird McCain auf die Debatte gut vorbereitet sein. Wir haben das bei seinen letzten Auftritten gesehen. Er schaut die Zuschauer direkt an, er blickt geradewegs in die Kamera. McCain spricht in kurzen Sätzen. Er wirkt stark und entschlossen, das ist sehr überzeugend.

SPIEGEL ONLINE: Und Obama?

Westen: Obama muss aufpassen, dass er nicht wie in einigen seiner letzten Debatten auftritt: zu intellektuell, endlos redend, wenig begeisternd. Passiert ihm das wieder, gewinnt McCain locker. Zu verkopft zu sein, ist schon lange ein Problem für demokratische Kandidaten in den TV-Debatten - mit Ausnahme von Bill Clinton. Der hat überzeugend gesagt, was er glaubte.

SPIEGEL ONLINE: Und war der letzte demokratische Gewinner.

Westen: Richtig. Um Clintons Erbe anzutreten, muss Obama zwei verschiedene Geschichten erzählen. Erstmal zeigen, dass er einer von uns ist. Dass er für seine Kinder genau das will, was wir auch für unsere wollen. Obama darf diese ganzen Gerüchte nicht unterschätzen, er sei irgendwie unamerikanisch. Wenn er über seine Kinder redet, kann er das am besten ausräumen - denn das leuchtet allen Eltern sofort ein. Aber er muss auch über Werte reden, die über Parteigrenzen hinaus reichen und die die Republikaner lange Zeit erfolgreich für sich beansprucht haben: Begriffe wie Verantwortungsbewusstsein, harte Arbeit, Regeln. Clinton hat solche Sätze erfolgreich in seine Reden eingebaut, und das muss Obama auch tun. In Treffen mit afro-amerikanischen Wählern hat er das in den vorigen Monaten schon ganz gut gemacht - als er etwa die Verantwortung für Väter ansprach, ihren Kindern als Rollenmodelle zu dienen.

SPIEGEL ONLINE: Er muss stark und entschlossen klingen.

Westen: Genau. Obama muss wie ein Mann auftreten, und er muss auch aufpassen, wie er seine Beiträge aufbaut. Etwa wenn er über Außenpolitik spricht. Fängt er da mit dem Satz an "Wir Amerikaner foltern nicht"; vergrault er gleich einen ziemlich großen Teil der Zuschauer. Die denken dann, er sei wieder einer dieser linken Schwächlinge, die die Herausforderung durch Terroristen nicht begreifen. Wenn er aber anfängt mit "Es ist Zeit, unser Militär neu auszurichten und die Feinde zu jagen, die uns angegriffen haben", gibt ihm das die Gelegenheit, danach "linkere" Themen überzeugend zu präsentieren - mit den Alliierten zusammen zu arbeiten, mit Ländern zu verhandeln, die nicht Deiner Meinung sind. Folter abzulehnen, nicht zu exportieren. Aber er muss die Zuschauer langsam mitnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema der ersten Debatte ist offiziell Außenpolitik und Amerikas Rolle in der Welt. Nach dem desaströsen Verlauf der Finanzkrise wird wohl auch die Wirtschaftslage debattiert werden. Aber spielen Inhalte überhaupt eine Rolle?

Westen: Sie spielen eine Rolle, aber bei Debatten geht es viel mehr um "stories" und Auftreten. McCain wird seinen Heroismus in Vietnam ansprechen, als er fünf Jahre in Einzelhaft aushielt. Er will klarmachen: Ich verstehe Außenpolitik, weil ich das erlebt habe. Aber Obama kann ihn in diesem Punkt angreifen - obwohl ich Zweifel habe, ob er das wirklich tun wird. Er könnte sich zum Beispiel auf McCains unentschlossene Haltung zum Folterverbot konzentrieren und sagen: "Sie, Senator McCain, sollten doch am ehesten wissen, dass wir keine Wasserfolter anwenden sollen nach Ihrer Erfahrung. Sie sollten die moralische Autorität haben zu sagen: Amerika verrät seine Werte nicht."

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist knifflig, dabei nicht die Grenze zu persönlichen Angriffen zu überschreiten - die Zuschauer meist übelnehmen.

Westen: Ja, und das würde ich auch nicht empfehlen. Aber Obama könnte McCain leicht zu konkreten Themen attackieren, ohne seinen Charakter herabzusetzen. Er könnte etwa Sarah Palins Haltung zur Abtreibung herauspicken und sagen: "Ihr Vizekandidat und Ihre Partei bestehen darauf, dass Frauen nach einer Vergewaltigung nicht abtreiben dürfen. Wollen sie also Amerikas Frauen zwingen, die Kinder von Vergewaltigern auszutragen?" Zur Wirtschaftslage könnte er sagen: "Es ist kein Zufall, dass die Wirtschaft so ein Desaster ist. Das ist passiert, weil Republikaner wie Sie glaubten, es solle selbst vernünftige Regulierungen nicht geben."

SPIEGEL ONLINE: Sollte er auch über McCains Alter sprechen? Obama ist 47 Jahre alt, McCain 72. Viele Wähler machen sich Sorgen um seine Gesundheit.

Westen: Ich glaube, dazu kommt es nicht. Obama hat die richtige Gelegenheit verpasst: Er hätte das thematisieren können, als McCain Sarah Palin auswählte - indem er sagt: Es ist rücksichtslos von einem 72 Jahre alten Kandidaten mit einer überstandenen Krebskrankheit, eine so unerfahrene Frau als möglichen Vize auszuwählen. Aber in Debatten ist ein solches Thema schwierig. McCain hat dazu sicher einen Konter vorbereitet. So wie es Ronald Reagan schaffte, als er 1984 mit Walter Mondale debattierte. Reagan war damals 73 Jahre alt - aber auf eine Frage dazu sagte er: "Ich werde nicht aus politischem Kalkül die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners thematisieren." Diesen Moment zeigten die TV-Sender immer und immer wieder - und auch, dass sogar Mondale schmunzeln musste.

SPIEGEL ONLINE: Ist Humor die beste Waffe in einer TV-Debatte?

Westen: Jeder Kandidat sollte mindestens 15 schlagfertige und witzige Sätze vorbereiten. Wenn man sich selbst auf die Schippe nehmen kann, funktioniert es am besten. Oder wenn man eine wirklich gemeine Bemerkung entspannt lächelnd abliefern kann. Sarah Palin ist meisterhaft darin. Sie kann rhetorisch ein Messer in ihren Gegner rammen und hat dabei ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Eigentlich sollte Palin McCain für die Debatte morgen coachen.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz

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