TV-Duell Palin gegen Biden: High Noon in St. Louis

Aus St. Louis berichtet

Nie war die TV-Debatte der Vize-Kandidaten so wichtig wie jetzt in St. Louis: Für die Republikanerin Sarah Palin ist es nach etlichen Interview-Patzern die Chance zu punkten. Und ihr demokratischer Rivale Joe Biden muss endlich öffentliche Aufmerksamkeit erobern - die bislang allein Palin gehört.

St. Louis - St. Louis ist einsatzbereit. Das "Field House", eine Sporthalle auf diesem idyllischen Campus der Universität, ist zum Fernsehstudio umdekoriert: roter Teppichboden, Sitzreihen, zwei Stehpulte, dahinter ein Pappadler. Draußen sind die Satellitentrucks an den frisch gedüngten Rasenkarrees aufgefahren. Die Kandidaten können kommen. Das Duell kann beginnen.

Palin: Nach Arizona ins Debatten-Trainingscamp, um weitere Patzer zu vermeiden
AFP

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Sarah Palin dagegen, die Vize-Kandidatin der US-Republikaner, scheint noch nicht hundert Prozent einsatzbereit. Was sich auch am Mittwoch wieder zeigte, am Vorabend ihrer ersten, einzigen TV-Debatte mit dem Demokraten Joe Biden, die am Donnerstagabend (Freitag drei Uhr morgens deutscher Zeit) hier in St. Louis in Missouri stattfindet: Da strahlte CBS News einen weiteren, bisher unbekannten Clip jenes langen Interviews aus, mit dem sie sich so sehr blamiert hat.

Diesmal fragte Katie Couric, Palins zuckersüße CBS-Henkerin, Alaskas Gouverneurin nach ihrer ablehnenden Haltung zur Abtreibung. Palin gab erst eine gute, gedankenvolle Antwort. Dann hakte Couric nach: Welche Urteile des Obersten US-Gerichtshofs sie sonst kenne und nicht befürworte? Palin musste passen: Sie sagte "Hmmm", schnalzte, sagte "Well", lächelte, stotterte und flüchtete sich in einen ihrer inhaltslosen Bandwurmsätze .

Kein Wunder, dass die Debatte zwischen Palin, 44, und Biden, 65, als bisheriger Höhepunkt dieses an Dramen kaum armen Wahlkampfes eingestuft wird. Kein Wunder, dass Palin die vergangenen Tage in Quarantäne verbracht hat, auf der Ranch des Kandidaten John McCain in Arizona, wo sie für diese wichtigsten 90 Minuten ihres Lebens gedrillt wurde. "Debatten-Camp" nannten sie das - ein Trainingslager zur Vermeidung weiterer Pannen, Patzer und Peinlichkeiten.

Alles dreht sich um Palin. Keiner fragt nach Biden

High Noon im Mittleren Westen: Alle starren an diesem Freitag auf Palin, die in nur einem Monat von politischem Shooting Star zur globalen Lachnummer abgestürzt ist - nicht zuletzt dank Interviews wie dem mit CBS News, das sofort zum YouTube-Klassiker geworden ist. Bei einer Podiumsdiskussion mit Politologen an der Washington University drehte sich am Mittwoch fast jede Frage um Palin. Keiner fragte nach Biden.

Selbst die Experten sind baff. Dank des Aufruhrs um Palins Missgriffe ist der Nebenkriegsschauplatz zum Hauptschlachtfeld geworden. Denn Palins Schicksal bestimmt nun auch die Zukunft McCains: Entpuppt sie sich als Niete, könnte ihn das die Wahl kosten.

Schließlich gilt die Benennung des Vizes als "erste präsidiale" Entscheidung eines Kandidaten - als Beschluss, der seine Weisheit definiert. Im Fall Palin heißt das: "Entweder war es ein forscher Schritt", sagt der Politologe Doug Kriner von der Boston University, "oder ein Beschluss, der Zweifel an McCain schürt."

"Dies ist das erste Mal in der Geschichte", sagt der Historiker Peter Castor zu SPIEGEL ONLINE, "dass eine Vize-Debatte einen solchen Einfluss auf die Wahlen haben dürfte." Der TV-Lokalsender News 4 formulierte es krasser: "Diese Debatte wird die Wahlen entscheiden."

Bisher erregten die Stellvertreter-Duelle - die es erst seit 1976 gibt - kaum Aufsehen. Hier und da blieben Soundbites hängen: Geraldine Ferraro, die erste Frau in dieser Position, beschwerte sich über George Bushs "herablassende Haltung" (1984), Lloyd Bentsen kanzelte Dan Quayle ab (1988), James Stockdale delektierte mit der wirren Frage (1992): "Wer bin ich? Warum bin ich hier?

Doch diesmal ist alles anders. Allein 3100 Reporter haben sich in St. Louis akkreditiert, mehr denn je. Selbst Hollywood-Klatschshows wie "Entertainment Tonight" haben geföhnte Korrespondenten entsandt. Überall im Land sind "Debattenpartys" angesagt; ein beliebtes Spiel dabei: Jedes Mal, wenn Palin patzt, wird neu angestoßen. Nie zuvor war eine Debatte unter den Vize-Kandidaten ein solches Popkultur-Event, voller Medienhype und vorgezogener Schadenfreude.

Dabei hatten sie Palin so penibel zu inszenieren - und zu kontrollieren - versucht. Eine feurige Parteitagsrede (geschrieben für jemand anderen und schnell "angepasst"), ein Medien-Blackout, ein paar streng überwachte Uno-Fototermine und nur drei TV-Interviews mit handverlesenen Anchor-Leuten: Da hätte eigentlich nichts schief gehen können.

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