Von Raniah Salloum
Hamburg - Es war das große TV-Ereignis Ägyptens: Die zwei Favoriten für das Präsidentenamt treten an zum Schlagabtausch im Fernsehen. Doch als die Sendung am Donnerstagabend losging, fehlte erst einmal einer der beiden: Entschuldigung, aber Abd al-Munim Abu al-Futuh steckt noch im Kairoer Stau fest.
Die Moderatoren nutzten die Zeit, um noch kurz die Regeln des TV-Duells zu erklären. Das Format hatte sich man von den USA abgeschaut - doch anscheinend eine Kleinigkeit verwechselt. In einem Einspieler kam statt des Duells der US-Vizekandidaten Sarah Palin und Joe Biden 2008 ein Ausschnitt aus der Satiresendung "Saturday Night Live".
Und immer noch kein Futuh.
Inzwischen munkelte man, der frühere Muslimbruder sei zwar im Studio eingetroffen, müsse aber noch kurz das Abendgebet verrichten. Für die Zuschauer hieß dies: 40 Minuten Werbung.
Als es dann losging, zeigten alle, dass sie von den Inszenierungen der US-Wahlkämpfe gelernt hatten. Die Moderatoren beschworen lang und breit die Bedeutung des Ereignisses: das erste TV-Duell Ägyptens! Undenkbar in Zeiten vor der Revolution! Wir schreiben heute Geschichte! Das Ganze wurde untermalt von dramatischer Filmmusik, die auch einer Seeschlacht in "Piraten der Karibik" gut gestanden hätte.
Technokrat gegen Islamist
Dann folgte der Schlagabtausch der beiden Männer, von denen einer womöglich Ägyptens nächster Präsident wird. In den Umfragen liegen die beiden klar vor dem Rest der insgesamt 13 Kandidaten.
Abd al-Munim Abu al-Futuh war bis Mai 2011 Mitglied der Muslimbruderschaft. Als der 60-Jährige ankündigte, für das Präsidentenamt kandidieren zu wollen, warf ihn die Partei raus. Denn bis zu ihrer Kehrtwende im März 2012 hatten die Islamisten angekündigt, sich nicht um das Amt bewerben zu wollen. Futuh tritt als Unabhängiger an und galt innerhalb der Muslimbruderschaft als liberal. Dennoch haben die konservativen Salafisten ihm ihre Unterstützung versprochen - weshalb ihn viele Ägypter mit Skepsis sehen. Zu Husni Mubaraks Zeiten saß der Mediziner fünf Jahre im Gefängnis wegen seines politischen Engagements.
Amr Mussa war jahrzehntelang ein Bürokrat des Regimes. Zuletzt war der 75-Jährige Vorsitzender der Arabischen Liga, davor zehn Jahre Außenminister Ägyptens. In den Friedensverhandlungen mit Israel spielte er eine wesentliche Rolle. Der frühere Botschafter gilt als Wirtschaftsliberaler. Seit der Revolution distanziert er sich entschieden von Mubarak. Er präsentiert sich als unpolitischer Technokrat, der aufgrund seiner Erfahrung der geeignete Mann für Ägyptens höchstes Amt sei.
Mangel an politischem Interesse konnte dem ägyptischen Publikum beim TV-Duell keiner unterstellen: Sie hielten durch - vier Stunden lang.
Amr Mussa attackierte seinen Gegner als Wolf im Schafspelz: Futuh tue nur so liberal, eigentlich sei er ein gewaltbereiter, radikaler Islamist. Zeitweise regte sich Mussa dabei so sehr auf, dass man Angst haben musste, ihm würde gleich der Hemdkragen platzen.
Futuh hielt sich dagegen stur an die Linie, Mussa sei ein Mann des alten Regimes. Er erinnerte seinen Gegner daran, dass er sich bei der letzten Wahl für Mubarak ausgesprochen habe. Mussa dazu: "Ich habe mich nur für Mubarak ausgesprochen, weil mir der Alte als Kandidat lieber war als der Sohn." Sich selbst versuchte Futuh als Versöhner zu präsentieren - von Liberalen, Muslimen und Christen - und als Mann der Revolution.
Die wichtigsten Positionen der beiden Kandidaten im TV-Duell:
Historische Abhandlung um Mitternacht
Zum Schluss fuhr Mussa dann noch einmal ganz groß auf und fing an, aus einem Buch von Futuh vorzulesen. Stur las Mussa weiter, als eine Stoppuhr zu piepsen anfing, die das Ende seiner zweiminütigen Redezeit bedeutete. Die Kamera blendete ihn zwar aus, doch Mussa las weiter. Seine Auszüge ließen anklingen, dass Futuh gewaltsamen Widerstand im Namen des Islam befürwortete.
Der Angegriffene widersprach mit ruhiger Stimme. Die Zitate seien völlig aus dem Kontext gerissen, er habe nie Gewalt befürwortet.
Seinerseits kritisierte Futuh zehn Jahre ägyptischer Außenpolitik unter Mussa in Afrika - eine historische Abhandlung, die in dieser Ausführlichkeit wohl die wenigsten interessierte. Inzwischen war es weit nach Mitternacht.
Die Ägypter müssen in den kommenden Wochen entscheiden, wem sie ihre Stimme lieber anvertrauen möchten. Doch eins dürfte klar sein: Auf eine weitere Debatte in dieser Länge würden die meisten wahrscheinlich verzichten wollen.
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