Wahlkampf in Ägypten : Favoriten im Alptraum-Duell

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Es war ein Großereignis in Ägypten: Zum ersten Mal übertrug das Fernsehen das Duell zweier Spitzenkandidaten für das Präsidentenamt. Der vierstündige Marathon geriet turbulent. Ein Anwärter kam zu spät, der andere hielt eine Spontan-Lesung ab.

Favoriten für Ägyptens Präsidentenwahl: Islamist Futuh (links) und Mussa (rechts) Zur Großansicht
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Favoriten für Ägyptens Präsidentenwahl: Islamist Futuh (links) und Mussa (rechts)

Hamburg - Es war das große TV-Ereignis Ägyptens: Die zwei Favoriten für das Präsidentenamt treten an zum Schlagabtausch im Fernsehen. Doch als die Sendung am Donnerstagabend losging, fehlte erst einmal einer der beiden: Entschuldigung, aber Abd al-Munim Abu al-Futuh steckt noch im Kairoer Stau fest.

Die Moderatoren nutzten die Zeit, um noch kurz die Regeln des TV-Duells zu erklären. Das Format hatte sich man von den USA abgeschaut - doch anscheinend eine Kleinigkeit verwechselt. In einem Einspieler kam statt des Duells der US-Vizekandidaten Sarah Palin und Joe Biden 2008 ein Ausschnitt aus der Satiresendung "Saturday Night Live".

Und immer noch kein Futuh.

Inzwischen munkelte man, der frühere Muslimbruder sei zwar im Studio eingetroffen, müsse aber noch kurz das Abendgebet verrichten. Für die Zuschauer hieß dies: 40 Minuten Werbung.

Als es dann losging, zeigten alle, dass sie von den Inszenierungen der US-Wahlkämpfe gelernt hatten. Die Moderatoren beschworen lang und breit die Bedeutung des Ereignisses: das erste TV-Duell Ägyptens! Undenkbar in Zeiten vor der Revolution! Wir schreiben heute Geschichte! Das Ganze wurde untermalt von dramatischer Filmmusik, die auch einer Seeschlacht in "Piraten der Karibik" gut gestanden hätte.

Technokrat gegen Islamist

Dann folgte der Schlagabtausch der beiden Männer, von denen einer womöglich Ägyptens nächster Präsident wird. In den Umfragen liegen die beiden klar vor dem Rest der insgesamt 13 Kandidaten.

Abd al-Munim Abu al-Futuh war bis Mai 2011 Mitglied der Muslimbruderschaft. Als der 60-Jährige ankündigte, für das Präsidentenamt kandidieren zu wollen, warf ihn die Partei raus. Denn bis zu ihrer Kehrtwende im März 2012 hatten die Islamisten angekündigt, sich nicht um das Amt bewerben zu wollen. Futuh tritt als Unabhängiger an und galt innerhalb der Muslimbruderschaft als liberal. Dennoch haben die konservativen Salafisten ihm ihre Unterstützung versprochen - weshalb ihn viele Ägypter mit Skepsis sehen. Zu Husni Mubaraks Zeiten saß der Mediziner fünf Jahre im Gefängnis wegen seines politischen Engagements.

Amr Mussa war jahrzehntelang ein Bürokrat des Regimes. Zuletzt war der 75-Jährige Vorsitzender der Arabischen Liga, davor zehn Jahre Außenminister Ägyptens. In den Friedensverhandlungen mit Israel spielte er eine wesentliche Rolle. Der frühere Botschafter gilt als Wirtschaftsliberaler. Seit der Revolution distanziert er sich entschieden von Mubarak. Er präsentiert sich als unpolitischer Technokrat, der aufgrund seiner Erfahrung der geeignete Mann für Ägyptens höchstes Amt sei.

Mangel an politischem Interesse konnte dem ägyptischen Publikum beim TV-Duell keiner unterstellen: Sie hielten durch - vier Stunden lang.

Amr Mussa attackierte seinen Gegner als Wolf im Schafspelz: Futuh tue nur so liberal, eigentlich sei er ein gewaltbereiter, radikaler Islamist. Zeitweise regte sich Mussa dabei so sehr auf, dass man Angst haben musste, ihm würde gleich der Hemdkragen platzen.

Futuh hielt sich dagegen stur an die Linie, Mussa sei ein Mann des alten Regimes. Er erinnerte seinen Gegner daran, dass er sich bei der letzten Wahl für Mubarak ausgesprochen habe. Mussa dazu: "Ich habe mich nur für Mubarak ausgesprochen, weil mir der Alte als Kandidat lieber war als der Sohn." Sich selbst versuchte Futuh als Versöhner zu präsentieren - von Liberalen, Muslimen und Christen - und als Mann der Revolution.

Die wichtigsten Positionen der beiden Kandidaten im TV-Duell:

  • Rolle des Islam: Beide wollen, dass Ägyptens Gesetzgebung auf islamischen Prinzipien der Scharia basiert. Mussa betont, dass er sich dabei nur auf die Prinzipien beruft und die Texte nicht wörtlich auslegen will. Futuh hat sich nicht von einer wörtlichen Auslegung distanziert. Auf die Frage Mussas, wie Futuh mit Muslimen umgehen wolle, die zum Christentum konvertierten, wich Futuh aus.
  • Israel: Futuh fährt eine härtere Linie als Mussa. Er bezeichnet Israel als "Feind" und mit seinen Nuklearwaffen als destabilisierend für die ganze Region. Mussa warnt davor, Israel als Thema im Wahlkampf zu instrumentalisieren. Ein Präsident müsse eine weniger hitzköpfige Politik gegenüber dem Land machen, als es das Volk fordere. Er spricht sich jedoch für die Schaffung eines palästinensischen Staats mit Jerusalem als Hauptstadt aus.
  • Frauen: In dieser Hinsicht enttäuschten beide Kandidaten. Sie blieben vage und betonten, die Bedeutung der Frau in der Gesellschaft zu schätzen. Die Würde der Frau müsse respektiert werden. Beide sprachen sich dafür aus, dass sexuelle Belästigung wie die "Jungfräulichkeitstests", die das Militär an Demonstrantinnen durchführen ließ, verfolgt werden müssen. Dabei ließen beide aus, dass längst eine der Frauen eine Klage vor Gericht eingereicht hatte - der Beschuldigte jedoch freigesprochen wurde.
  • Militärrat: Keiner der beiden Kandidaten wollte sich direkt mit dem Obersten Militärrat anlegen. Dabei war Mussa jedoch noch vorsichtiger: Er betonte, das Militär müsse finanziell unabhängig bleiben. Damit signalisierte er, er werde die Pfründe der Armee nicht antasten wollen. Ägyptens Militär ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und besitzt zum Beispiel Hotelketten.

Historische Abhandlung um Mitternacht

Zum Schluss fuhr Mussa dann noch einmal ganz groß auf und fing an, aus einem Buch von Futuh vorzulesen. Stur las Mussa weiter, als eine Stoppuhr zu piepsen anfing, die das Ende seiner zweiminütigen Redezeit bedeutete. Die Kamera blendete ihn zwar aus, doch Mussa las weiter. Seine Auszüge ließen anklingen, dass Futuh gewaltsamen Widerstand im Namen des Islam befürwortete.

Der Angegriffene widersprach mit ruhiger Stimme. Die Zitate seien völlig aus dem Kontext gerissen, er habe nie Gewalt befürwortet.

Seinerseits kritisierte Futuh zehn Jahre ägyptischer Außenpolitik unter Mussa in Afrika - eine historische Abhandlung, die in dieser Ausführlichkeit wohl die wenigsten interessierte. Inzwischen war es weit nach Mitternacht.

Die Ägypter müssen in den kommenden Wochen entscheiden, wem sie ihre Stimme lieber anvertrauen möchten. Doch eins dürfte klar sein: Auf eine weitere Debatte in dieser Länge würden die meisten wahrscheinlich verzichten wollen.

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1.
dilinger 11.05.2012
Zitat von sysopEs war als Großereignis angekündigt und geriet zum Eklat für den Sender: Zum TV-Duell der beiden ägyptischen Präsidentschaftskandidaten kam einer zu spät, dann hielten sich die Kontrahenten nicht an die Debattenregeln - bis zum denkwürdigen Tiefpunkt des vierstündigen Spektakels. TV-Duell von Ägyptens Präsidentschaftskandidaten Mussa und Futuh - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832633,00.html)
Alptraum-Duell mit Alptraum-Kandidaten. Diejenigen die die Revolution auf dem Tahrir-Platz losgetreten haben, und Mubarak zur Abdankung zwangen, haben besseres verdient, als am Ende die Wahl zwischen einem tumben Islamisten und einem opportunistischen Wendehals kurz vor dem Verfallsdatum zu haben.
2.
ahmedhassan29 11.05.2012
Der Artikel ist einfach lächerlich und diskriminierend. Das Fernsehduell war ein großer Schritt für Ägypten in richtung Demokratie und mit diesen Artikel wurde das ganze Duell als lächerlich und dumm dargestellt. Und weiters ist der Artikel inhaltlich total falsch. Die Aussagen von den Kandidaten wurden komplett verdreht. Sie beleidigen mit diesen Artikel ganz Ägypten.
3. Ägypten, die ganze Arabische Welt und die Demokratie...
heavenstown 11.05.2012
Also ich habe ca. 27 Jahre im Nahen Osten gelebt. In meinen Augen passt Demokratie und die arabische Welt nicht zusammen. Man mag zwar an der Demokratie die Rechte die man hat, von den Pflichten die eine Demokratie aber auch mit sich bringt möchte man aber nichts wissen.
4. Falsche Freunde.
franzdenker 11.05.2012
Wieder typisch, mit welcher Arroganz westliche Medien über den Rest der Welt berichten. Für die verarmten Ägypter war das Duell ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratie. Die deutschen Politiker sind kaum besser, ganz zu schweigen von den Stimmtischparolen der CSU.
5. Und die Pyramiden sind prämitiv
laith34 11.05.2012
Dieses Duell mit amerikanischen Maßstäben zu bewerten ist nicht sachlich und lässt die Unerfahrenheit der Ägypter außer Acht: Abgesehen davon, werde ich das Gefühl nicht los, dass Frau Salloum der arabischen Sprache nicht mächtig genug wäre, um Inhalte originaltreu wieder zu geben; Hier scheint die Herkunft nicht sonderlich hilfreich Als Araber fand ich das Duell– beurteilt nach westischem Maßstab übrigens- bei weiten nicht so schlecht wie hier dargestellt ist.
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Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

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