TV-Duell in Großbritannien 1:0 für Paxo

Großbritanniens Premier David Cameron wollte sich nicht auf ein direktes TV-Duell mit seinem Herausforderer Ed Miliband einlassen. Deshalb wurden sechs Wochen vor der Parlamentswahl beide nacheinander interviewt. Es gab einen klaren Sieger.

Von , London

TV-Moderator Paxmann (rote Krawatte), Miliband, Cameron: Heilige Journalistische Inquisition
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TV-Moderator Paxmann (rote Krawatte), Miliband, Cameron: Heilige Journalistische Inquisition


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Der Gewinner des Fernsehduells stand rasch fest. Es war der Moderator. Jeremy Paxman stellte den Kandidaten keine Fragen, er schoss mit schwerer Artillerie. Er war die Heilige Journalistische Inquisition.

Man bekam fast Mitleid mit den beiden Männern, die nacheinander vor Paxman erscheinen und sich 18 lange Minuten ungeschützt dem Sperrfeuer aussetzen mussten. Zeitweise wirkten David Cameron, der konservative Premierminister, und Ed Miliband, der Labour-Oppositionsführer, wie unartige Jungen, die auf dem Schulklo beim Rauchen erwischt wurden. Sie stotterten, sie wurden rot, sie wanden sich.

"Sie haben versagt", rief Paxman Cameron zu. "Die Menschen sehen Sie als Streber aus Nord-London, Sie sind einfach nicht hart genug", sagte Paxman, genannt Paxo, zu Miliband.

Seit Monaten hatten die beiden Lager um die Modalitäten der Debatte gerungen. Die Konservativen wollten verhindern, dass Cameron live im Fernsehen erscheinen muss und direkt auf Miliband trifft. Milibands Leute kämpften dagegen für das Duell und wollten eine Live-Sendung.

Am Ende einigten sich die Parteien mit Sky News und Channel 4 auf den Kompromiss, dass die Kandidaten von Paxman zwar im selben Studio, aber nacheinander gegrillt und zudem Fragen aus dem Publikum beantworten würden. Keine der beiden Seiten hat bekommen, was sie wollte, vermutlich funktioniert so Demokratie. Bislang weiß niemand zu sagen, weshalb Cameron es vorzog, von Paxman interviewt zu werden, anstatt Miliband gegenüberzutreten.

Sechs Wochen sind es noch bis zur Wahl, am 7. Mai stimmen die Briten über ihr Parlament ab. Selten zuvor war der Ausgang einer Unterhauswahl so ungewiss. In Umfragen liegen Konservative und Labour beinahe gleichauf, im Moment sieht es nicht so aus, als würde eine der beiden Parteien die absolute Mehrheit erringen. Für Cameron und Miliband stand an diesem Abend deshalb viel auf dem Spiel, ein Fehltritt, eine falsche Antwort, und die Sympathie der Wähler könnte kippen.

Eine weitere Schwierigkeit, vor der die Strategen beider Lager stehen, ist die Unfähigkeit ihrer Kandidaten, Euphorie zu wecken. Weder Cameron noch Miliband überraschten die Wähler bislang, auf viele Briten wirken sie so interessant wie Löschpapier. Beide sehen aus, als hätten sie dieselbe Schulklasse besucht, dunkler Anzug, Krawatte, Seitenscheitel.

Interessant war deshalb, wer an diesem Abend nicht ins Studio eingeladen war: Nigel Farage zum Beispiel, der Chef der europafeindlichen United Kingdom Independence Party (Ukip), der Cameron seit Monaten unter Druck setzt; Alex Salmond von der Schottischen Nationalpartei, der Architekt des Schottland-Referendums, der weiter für die Unabhängigkeit kämpft; der konservative Londoner Bürgergeister Boris Johnson, der beliebteste Politiker des Landes, ein Parteifreund Camerons und einer seiner Widersacher. Farage, Salmond und Johnson bieten einen scharfen Kontrast zu den beiden blassen Spitzenleuten, auch das wurde an diesem Abend deutlich.

Cameron hatte in der Debatte den entscheidenden Vorteil, dass er als Premierminister eine wachsende Wirtschaft vorweisen kann. Großbritannien ist endlich der lähmenden Rezession entkommen, die das Land fünf Jahre lang im Griff hatte, Cameron verbucht diesen Erfolg für sich.

Er bemühte sich, staatsmännisch aufzutreten, bewegte seine Hände mit langsamen, ausladenden Gesten, blickte ernst und bedankte sich für jede Frage, die aus dem Publikum kam. Als außenpolitische Errungenschaften hob er den Libyen-Einsatz 2011 hervor und die Tatsache, dass das EU-Budget auf britisches Drängen gekürzt worden sei.

Das Verhältnis zu Europa könne allerdings besser werden, sagte Cameron. Nur mit ihm als Premierminister werde es 2017 eine Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft geben. "Und wenn es nicht im Interesse Großbritanniens ist, werde ich nicht empfehlen, drin zu bleiben", sagte er. Der 7. Mai stellt also die Weichen für einen möglichen Austritt Großbritanniens.

Sozialleistungen für europäische Einwanderer möchte Cameron kürzen, notfalls will er sie nach sechs Monaten wieder zurück in ihre Heimat schicken, falls sie keinen Job finden.

Miliband versuchte anschließend, hart und männlich zu wirken. Bislang gilt er in Westminster als zarter, angriffsscheuer Intellektueller, dem die Durchsetzungskraft fehlt, um auf internationalem Parkett gegen Alphatiere wie Putin zu bestehen. Miliband wollte diesen Eindruck zerstreuen und widersprach Paxman häufig, was auf der Insel einer blasphemischen Handlung gleichkommt - zwei Mal korrigierte er Paxman sogar. Eine Labour-Regierung werde die Reichen stärker besteuern, sagte Miliband, gleichzeitig müsse man an anderen Stellen Geld sparen. Er sagte, er wolle das Defizit nicht weiter erhöhen. "Wir werden schwierige Entscheidungen treffen müssen."

Wie für Cameron ist auch für den Labour-Chef die Frage nach den Einwanderern heikel, aber wichtig. Miliband will sich nicht von Ukip nach rechts treiben lassen, gleichzeitig darf er Arbeiter und Angestellte nicht verärgern, die zur Stammklientel von Labour zählen. "Ich will die Zahl der niedrigqualifizierten Einwanderer senken", kündigte Miliband an.

Er wirkte auf weiten Strecken kompetent und angriffslustig, verlor aber kurzzeitig den Halt, als ein Gast nach seinem Bruder fragte. Ed hatte 2010 seinen Bruder David auf dem Labour-Parteitag in einer Kampfabstimmung besiegt, David zog anschließend nach New York. Die Beziehung der Brüder gilt bis heute als stark belastet.

Nach knapp anderthalb Stunden waren die beiden Kandidaten fertig, man sah ihnen die Erleichterung an. Am Ende ergab eine Blitzumfrage des "Guardian", dass Cameron den Abend mit 54 Prozent zu 46 Prozent gerade so für sich entschieden hat. Miliband ist der knappe Verlierer. Das Publikum im Studio dagegen schien einen anderen Favoriten erkoren zu haben. Das Problem ist: Jeremy Paxman wird am 7. Mai nicht antreten.


Zusammengefasst: In sechs Wochen wählen die Briten ein neues Parlament, das Rennen zwischen David Cameron und Ed Miliband ist völlig offen. Im indirekten TV-Duell konnten beide nicht entscheidend punkten. Moderator Jeremy Paxman trieb die Spitzenkandidaten immer wieder in die Enge.



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Seite 1
d.meinung 27.03.2015
1.
Also, 54 zu 46 Prozent ist nicht 'gerade mal so', sondern in jeder westlichen Demokratie ein klarer Sieg (für Cameron, in diesem Fall).
nofreemen 27.03.2015
2. reisserische Aufmachung für zwei lahme Enten
Im Schlussfzit heißt es "Es konnten Beide nicht entscheidend Punkten" und im Titel heißt es" es gab einen klaren Sieger" Was nun?
Jobuch 27.03.2015
3. Glückliches Großbritannien
So ein Interview würde ich mir mal in Deutschland wünschen - Anknüpfungspunkte gäbe es für einen Moderator dieses Formats jede Menge und ich würde mir ENDLICH mal eine Angela Merkel wünschen, die nicht von diesen willfährigen Waschlappen des Staatsfernsehens aus jeder heiklen Frage nach einem staatstragenden, aber nichtssagenden Vortrag entlassen wird, sondern die vom Moderator immer und immer wieder gefragt wird, bis sie endlich Stellung bezieht. Ist aber hier nicht zu erwarten. Wenn ich ein solcher Moderator wäre, würde ich es mir zum Vermächtnis machen, diese Frau auseinanderzunehmen - und wenn ich danach den Posten räumen müßte, weil Merkel das verfügt. Aber ich könnte morgens in den Spiegel gucken und mir zugutehalten, NICHT vor der Größten Kanzlerin aller Zeiten gebuckelt zu haben.
RSH 27.03.2015
4. Alex Salmond?
Warum sollte Alex Salmond auch eingeladen werden - da doch mittlerweile Nicola Sturgeon die Schottische Nationalpartei (SNP) führt?
respectable 27.03.2015
5. Punkten...
...schreibt sich in diesem Falle (im Fazit) klein.
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